Arts & Design

Jojo Gronostay: Arthouse Mode

Jojo Gronostay hat mit seinem Kunstprojekt „Dead White Men‘s Clothes“ (DWMC) eine Plattform geschaffen, um Fragen über Werte, Machtstrukturen, Postkolonialismus und Mode zu stellen. DWMC ist inzwischen ein Bekleidungslabel, das an der Grenze zwischen Art und Fashion agiert. Mit OOOM sprach Gronostay über Selbstfindung, Kapitalismus, Passion – und warum Mode immer mehr die Werte der Kunst übernimmt.

CLAUDIA OHSWALD22. Dezember 2020 No Comments

Sie haben ghanaische ­Wurzeln, sind aber in Deutschland geboren.
Ich bin 1987 in Hamburg geboren und mit zwölf Jahren mit meiner Mutter, meinem jüngeren Bruder und meinem Stiefvater nach Berlin gezogen. Da ich die prägenden Jahre in Berlin gelebt habe, fühle ich mich voll und ganz als Berliner. Mein leiblicher Vater kommt aus Ghana, ich hatte aber nur losen Kontakt mit ihm. Erst durch das Projekt DWMC bin ich meinen Wurzeln, meinem Vater und meiner Familie in Afrika etwas näher gerückt.

War Kunst bereits in Ihrem elterlichen Umfeld Thema?
Kunst war bei uns zu Hause immer ein Thema. Wir besuchten Museen, hörten Musik und mein Stiefvater war lange Zeit Schauspieler. Meine Mutter sagte einmal, sie hätte auch gerne Kunst studiert, wenn sie mehr Mut gehabt hätte. Mein Bruder studiert Musikmanagement – Musik ist unsere Verbindung.
Nach dem Abitur in Berlin habe ich in Hamburg eineinhalb Jahre Mode­management studiert, habe aber gemerkt, dass mir die beflügelnde Energie dazu fehlte und das Umfeld an sich nicht meins ist. Der Prozess, der danach folgte, war ein paar Jahre Selbstfindung. Letztendlich begann ich in Wien Kunstgeschichte zu studieren und habe nach einem Jahr registriert, dass ich etwas Eigenes schaffen möchte. Also habe ich mich an der Akademie der bildenden Künste in Wien beworben. Ich startete in der Fotoklasse und habe vor ein paar Wochen das fünfjährige Studium erfolgreich abgeschlossen. Mein Studium und Teile meines Projekts DWMC finanzierte ich mit Jobs in der Grellen Forelle (Anm.: einem Electronic Music Club in Wien).

Was war der erste Impuls für DWMC?
Bereits am Anfang meines Studiums war für mich klar, dass mein Thema die Schnittstelle zwischen Mode und Kunst ist: Gemeinsamkeiten und Unterschiede auszuarbeiten. Ich habe mich zudem sehr für Replica-Kleidung interessiert. Replica-Kleidung ist für mich ein Symbol dafür, was man gerne darstellen möchte. Im Zuge dieser Recherche bin ich auf den Markt in Ghana gestoßen, wo die Second-Hand-Kleidung hinkommt, die wir in Altkleidertonnen schmeißen. Der Kantamanto-Markt in Ghana gehört zu den größten Sammelstellen für gebrauchte Kleidung weltweit. Der Name des Labels stammt von der ghanaischen Redewendung „Obroni Wawu“ ab, die übersetzt „Dead White Men‘s Clothes“ bedeutet. Als in den 1970er-Jahren die ersten großen Wellen von Second-Hand-Kleidung aus dem Westen nach Ghana kamen, konnten die Einheimischen nicht glauben, dass solch hochwertige Kleidung umsonst weggegeben werden kann, und sie vermuteten, dass die Vorbesitzer verstorben sein müssen.

Wie sieht der Entstehungsprozess Ihrer Arbeit aus?
Ich suche lange nach passender Kleidung. Meine Intuition ist nicht die Veränderung der Kleidung schlechthin. Ich möchte durch kleine Gesten etwas Neues schaffen. Oft wird nur mit Druck gearbeitet, mit nur minimalen Schnittveränderungen oder mit Stickereien, um aus dem alten Teil etwas Neues zu kreieren. Mittlerweile ist es mir nicht mehr so wichtig, dass jedes Teil aus Ghana ist, sondern ich sehe es als Plattform, um über diverse Themen zu sprechen. Die Mode kann man online kaufen und wenn Corona vorbei ist, habe ich Veranstaltungen und Pop-ups geplant.

Ich bin nach Ghana gefahren und habe aus Second- Hand-Kleidung, die dort ankommt, ein Modelabel geschaffen.

Sie stellen DWMC auch zur Fashion Week in Paris aus. Ist das, was Sie machen, Kunst oder Fashion?
Es hat sich organisch weiterentwickelt. Ich habe DWMC mit verschiedenen Inhalten ausprobiert. Ich habe meine Mode während der Fashion Week in Paris gezeigt, um festzustellen, dass das Label in beiden Welten existieren kann. Wohler fühle ich mich mit Sicherheit in der Kunst­szene, weil die Leute genauer darauf schauen. Aber natürlich muss man darauf achten, wie das Projekt überleben kann und auch deshalb habe ich verschiedene Modi ausprobiert.

22. Dezember 2020