Arts & Design

Jojo Gronostay: Arthouse Mode

Jojo Gronostay hat mit seinem Kunstprojekt „Dead White Men‘s Clothes“ (DWMC) eine Plattform geschaffen, um Fragen über Werte, Machtstrukturen, Postkolonialismus und Mode zu stellen. DWMC ist inzwischen ein Bekleidungslabel, das an der Grenze zwischen Art und Fashion agiert. Mit OOOM sprach Gronostay über Selbstfindung, Kapitalismus, Passion – und warum Mode immer mehr die Werte der Kunst übernimmt.

CLAUDIA OHSWALD22. Dezember 2020 No Comments

Ökologische Themen gelten als zentrales Element in Ihrem Werk.
Ja. Oft wird DWMC sehr darauf reduziert. Natürlich ist das Thema groß, weil es auf die Leute in Ghana starke Auswirkungen hat. Ich sehe es nicht eindimensional: Die ganze Second-Hand-Ware, die nach Ghana geschickt wird, tut nicht nur Schlechtes, wie viele meinen. Man darf nicht vergessen, dass 30.000 Verkäufer davon leben und dadurch eine Menge Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die Menschen in Ghana konnten nicht glauben, dass so hochwertige Kleidung umsonst weggegeben wird und vermuteten, dass die Vor­besitzer verstorben sein müssen.

Was inspiriert Sie?
Andere Kunst, das Lesen von Fachbüchern und Katalogen. Ich hole mir Inspiration von überall.

Was wollen Sie mit Ihrer Kunst erreichen?
Zum Denken anregen.

Sie wollen auch dokumentarisch arbeiten?
Ich möchte unbedingt in Afrika einen Film drehen und stecke momentan in den Vorbereitungen. Er beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen Europa und Afrika, mit Plattformen und mit Kleidung, aber nicht direkt mit DWMC. Die Themen werden aber alle nach wie vor präsent sein und einfließen. Mein Wunsch ist, dass ich im Herbst 2021 damit fertig bin. 2021 wird DWMC in deutschen Museen ausgestellt. Mit der Galerie Winter habe ich auch noch einige Projekte geplant, einige davon in Mailand und in New York.

Welche Ihrer Objekte werden ausgestellt?
T-Shirts zum Beispiel, die aus drei verschiedenen Second-Hand-Stücken zusammengenäht wurden. Hosen, die mit Hair-Bleach bearbeitet wurden. Ein High Heel, der in Ghana gefunden wurde. Ich fand ihn als Objekt einfach sehr interessant.

Ist das Überschreiten der Grenze von Mode und Kunst ein zentraler Aspekt in Ihrer Arbeit?
Ja. Ein sehr wichtiger Aspekt. Ich weiß nicht genau, ob das nicht ein fließender Übergang ist, aber die Fragen der verschiedenen Systeme in der Mode und die Wertfragen interessieren mich. Die Plattform dient dazu, kunstferne Menschen zu begeistern und das wiederum verändert die Arbeit. Es gibt dort spannende Symbiosen. Mich interessiert auch, wie man ein serielles Produkt zu einem Einzelstück machen kann und wie man die Aura durch diverse Präsentationen verändern kann. Ich glaube, dass sich die beiden Systeme immer mehr angleichen. Die Mode übernimmt viele Werte der Kunst, um den materiellen Wert durch limitierte Auflagen und Künstlerkooperationen zu steigern.

Wo geht Ihre künstlerische Reise hin?
Für mich fängt die Reise eigentlich erst an, obwohl ich mich über den bisherigen Erfolg freue.

Was war der beste Ratschlag, den Sie als Künstler je bekommen haben?
Dass man Selbstvertrauen haben sollte, etwas zu tun, das nicht unbedingt dem entspricht, was alle anderen machen. Keine Angst zu haben, wenn man genau dadurch isoliert ist. Diesen Tipp bekam ich während meines Studiums.

Hatten Sie eine Begegnung, die Sie nie vergessen haben?
Wer mich sehr beeinflusst hat, ist mein Stiefvater, der auch halb schwarz ist. Ich habe mich immer etwas fern von der westafrikanischen Kultur gefühlt, aber nicht zum Schwarz-Sein an sich, weil mir mein Stiefvater eben sehr viel dazu beigebracht hat. Er hat mir gezeigt, dass man auch in Deutschland einen erfolgreichen Weg gehen kann, selbst wenn man anders aussieht.

 

Fotos: Daniel Pucher

22. Dezember 2020