Tech & Science

Josef Penninger & Manfred Reichl

Josef Penninger (rechts) ist einer von Österreichs weltweit bekanntesten Forschern. Der Genetiker leitet das Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien. Zusammen mit dem Investor Manfred Reichl führte er das Unternehmen Apeiron zum Erfolg, das durch die Zulassung eines neuen Krebsmedikaments über Nacht 250 Millionen Euro wert wurde. In OOOM sprechen Penninger und Reichl über die Zukunft der Medizin – und die der Menschheit.

Georg Kindel4. August 2017 No Comments

Wie oft irrt sich die Wissenschaft?
Josef Penninger: Das passiert sehr oft. Fundamentale Mechanismen bleiben natürlich. Das ist wie in der Architektur: Man weiß, wie man das ganze Gebäude bauen muss, ohne dass es zusammenfällt. Aber in der Medizin passiert es oft, dass vorherrschende Meinungen geändert werden müssen.
Stoßen Pioniere da oft auf Unverständnis?
Penninger: Ja. Forschung heißt, dass man etwas Neues entdeckt. Wenn man das tut, steigt man jemandem unweigerlich auf die Zehen.
Glauben Sie an Gott?
Penninger: Ich bin ein Agnostiker. Man kann nicht beweisen, dass es einen Gott gibt. Ich glaube nicht, dass Wissenschaft Religion ersetzen kann. Wissenschaft ist eine Methode. Wir erforschen etwas, und jeder kann es reproduzieren. Wenn ich Ihnen jetzt erkläre, wie eine bestimmte Zelle funktioniert, macht Sie das nicht zu einem besseren Menschen. Philosophien und Religionen sind auch ganz wichtig für unsere Welt, weil sie erklären, warum wir uns jetzt nicht gegenseitig den Schädel einschlagen sollen. Beide haben einen Platz in unserer Welt.
Kennen Sie Forscher, die gläubig sind?
Penninger: Ja, viele. Jeder braucht ein irrationales Gebäude, das uns irgendwie Geborgenheit gibt.
Sie widmen sich in Ihrer Forschung der Manipulation von Genen: Autoimmunerkrankungen, Herzkrankheiten, Stoffwechselstörungen, Krebs. Wird es da einen Quantensprung geben?
Penninger: Bei dem Quantensprung sind wir längst. Und wenn die Leute in 500 Jahren auf unsere Zeit zurückschauen, wird das die Renaissance der Informationstechnologie sein, wie sich unsere Kommunikation grundlegend verändert hat durch das Smartphone. Das zweite wird die Renaissance der genetisch-biologischen Forschung sein. Wir haben vor ein paar Jahren mal ein Kunstprojekt mit der Masterclass von Erwin Wurm gemacht. Ein Projekt davon, das wir auch im Gebäude haben, ist ein Graffiti, auf dem steht: „What if God was wrong?“ Interessant für ein Institut, das ständig Gene ändert und schaut, ob man in einem Tag Evolution machen kann. Was in den letzten Jahren passiert, ist natürlich eine Revolution, dass man Gene und die Gensequenzen lesen kann. 1990 noch, als von James Watson und anderen vorgeschlagen wurde: „Lesen wir doch mal die drei Milliarden genetischen Buchstaben eines Menschen“, hatten wir Technologien, mit denen es 2.000 Jahre gedauert hätte, um das zu tun. Jetzt mit den neuen Sequenziermaschinen von Oxford Nano Tech zum Beispiel, die aussehen wie ein kleines iPhone, sequenziert man einen Menschen an einem Nachmittag. Was zwei Milliarden gekostet hat, kann man jetzt für Tausend Dollar tun.
Der Delphi-Report prophezeite 1998: 2005 wird ein oral verabreichbares Insulinpräparat entwickelt, 2010 gibt es Impfstoffe gegen AIDS, 2011 wird eine Therapie gegen Alzheimer entwickelt. Kaum etwas davon ist eingetroffen.
Penninger: Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Beim Krebs gibt es völlig neue Radikaltherapien, Immunkrebstherapien, die teilweise dazu geführt haben, dass manche Krebsarten plötzlich heilbar wurden, z. B. das Melanom. Vor zehn Jahren war ein metastasierendes Melanom ein Todesurteil. Jetzt sind 30 bis 40 Prozent heilbar.
Was sind die fünf großen Themen der Zukunft in der Medizin?
Penninger: Erstens: Die Genetik. Es gibt ungefähr 9.000 seltene Erkrankungen und die Annahme ist, dass wir in zehn Jahren alle Gene kennen. Von diesen seltenen Erkrankungen können wir wahnsinnig viel lernen. Warum werden Leute, obwohl sie hohes Cholesterol haben, nie krank? Diese Dinge können wir jetzt auslesen und das ist erst der Anfang. Wenn Menschen schwerste Autoimmunerkrankungen haben, dann kann man Gene eventuell für Krebstherapien an- und ausschalten. Zweitens: Individualisierte Therapie ist toll und es wird auch in diese Richtung gehen, andererseits haben Manfred Reichl und ich mit unserer Firma miterlebt, wie lange es dauert, ein Medikament zu entwickeln. Man liest das Genom eines Menschen aus, die Proteine etc., man weiß die Lebensumstände – und dann druckt man ein Medikament aus. Das hört sich super an, aber ich kann nicht einfach ein Medikament drucken. Ich weiß nicht, ob es sicher ist, ob es nicht Nebenwirkungen hat. Für jeden sein eigenes Medikament zu entwickeln, das ist schwer vorstellbar.
Manfred Reichl: Es geht mehr darum, dass bestimmte Medikamente in das individuelle Blut des Menschen eingebracht werden, dort Immunreaktionen generieren und das Blut dann nachher wieder in den Körper eingebracht wird und das Immunsystem des Körpers aktiviert. Das ist bis zu einem gewissen Grad kein neues Medikament, sondern das ist ein neuer Ansatz, um Standardmedikamente zu individualisieren. Bei der Kommerzialisierung hat man aber Schwierigkeiten: Ist dieser Prozess patentfähig?
Penninger: Die Meisterleistung der Individualisierung ist ja unser Immunsystem. Weil das über hunderte Millionen von Jahren gelernt hat: Das bin ich, das sind Sie. Etwas ist fremd. Die neuen Krebstherapien nutzen das aus. Vorher haben wir ja geschnitten, gebrannt mit all den Nebenwirkungen. Jetzt ist das neue Prinzip mehr oder weniger, dass wir unser Immunsystem anschalten, dessen Funktion über hunderte Millionen Jahre war, etwas Fremdes in unserem Körper abzutöten. Im Grunde ist das eigentlich die wunderbarste Individualisierung, die es gibt.
Was noch?
Penninger: Drittens: Regenerative Medizin. Jemand hat einen Herzinfarkt, man zieht aus der Blutzelle oder aus der Hautzelle eine Stammzelle und macht neue Herzmuskelzellen. Dass wir in der Zukunft durch Stammzellen lernen, unser eigener Reparaturladen zu sein. Jetzt können wir Gene lesen, jetzt können wir Erkrankungen, die multifaktoriell sind, wie Diabetes, erforschen. Aus diesen Patienten können wir Stammzellen ziehen und daraus wieder kleine menschliche Gewebe ziehen, um fundamentale Mechanismen rauszukriegen. Jürgen Knoblich bei uns am Institut, ich war auch beteiligt, hat die ersten menschlichen Gehirne aus einer Stammzelle gemacht. Wir machen jetzt Blutgefäße. Hans Kleber ist der Pionier auf dem Gebiet. Er hat Darm gemacht. Wir stellen gerade einen jungen Südkoreaner ein, holen ihn nach Wien, der macht Magen. Wir können Pankreas machen.

Leave a Reply