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Die Forscher – Josef Penninger & Manfred Reichl

Josef Penninger (rechts) ist einer von Österreichs weltweit bekanntesten Forschern. Der Genetiker leitet das Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien. Zusammen mit dem Investor Manfred Reichl führte er das Unternehmen Apeiron zum Erfolg, das durch die Zulassung eines neuen Krebsmedikaments über Nacht 250 Millionen Euro wert wurde. In OOOM sprechen Penninger und Reichl über die Zukunft der Medizin – und die der Menschheit.

Georg Kindel4. August 2017 No Comments

Josef Penninger in den Labors von Apeiron: innovative Krebstherapien für den Weltmarkt. (Fotos: Roland Unger)

Elon Musk will mit seiner Firma Neuralink eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer schaffen. Halten Sie das für realistisch?

Penninger: Das ist sehr spannend. Dieser Mann in San Diego, Ted Berger, der Mikrochips bei Menschen einbaut, um die Erinnerungsfähigkeit zu ändern, behauptet: In Rattenexperimenten kann man Erinnerungsfähigkeit einlesen, d. h. was reinkommt. Der kann das auf einem Chip speichern. Und er sagt, Ratten haben plötzlich Erinnerungen, die sie nie gehabt haben. Also Gehirne zum computing device zu machen ist sehr spannend. Das wird die Welt verändern, und zwar fundamental.

Ihre Frau beschäftigt sich intensiv mit traditioneller chinesischer Medizin. Halten Sie das für Humbug?

Penninger: Nein, gar nicht. Traditionelle chinesische Medizin ist mehr oder weniger unsere alte Kräutermedizin. Tu Youyou hat ja den Nobelpreis bekommen, indem sie einen 1.700 Jahre alten Text aus der alten traditionellen chinesischen Medizin gelesen hat, wo dann Artemisinin zur Behandlung von Malaria rausgekommen ist. Wahnsinnig viele unserer Medikamente wie Atropin fürs Herz kommen aus der alten Kräutermedizin.

Reichl: Ich hatte vor acht Jahren Krebs. Ein Melanom am Kopf, Gott sei Dank nicht metastasierend. Mir hat das AKH dann nahegelegt, die damals gängige Chemotherapie als Nachbehandlung vorsorglich zu machen. Ich habe statt der Chemotherapie Misteln gespritzt. Einfach, weil ich bei Ärzten war, die mir plausibel erklärt haben, warum die Mistel immunstimulierend funktionieren kann.

Wir greifen zum ersten Mal aktiv in den Evolutionsprozess ein. Wir können an einem Tag alle Gene mutieren. das heißt, wir können Evolution an einem Tag nachstellen.

Warum hilft positives Denken Krebspatienten?

Penninger: Erstens gibt es natürlich Placebo-Effekte, die sind wahnsinnig mächtig: 20–30 % an Effekt, auch bei Krebs. Und es gibt Studien, die zeigen: Wenn man Ratten zum Beispiel wahnsinnig stresst, und denen dann eine Tumorzelle gibt, dann metastasieren die viel schneller. Der Grund ist: Es werden Stresshormone ausgeschüttet, die direkt auf die Tumorzelle wirken. Das war ein sehr nachvollziehbarer, biologischer, molekularer Prozess.

Wie schöpfen Sie Inspiration für Ihre Ideen?  

Penninger: Manchmal habe ich ein Jahr keine Idee. Und ich glaube, wenn man im Leben 5, 6 gute Ideen hatte, ist das eh schon viel. Dass wir so gloriose Genies sind, stimmt nicht.

Aber Sie werden in den Medien so dargestellt.

Penninger: Ich weiß, dass es nicht so ist. Mein früherer Mentor hat gemeint, er hat immer Ideen unter der Dusche. Ich hatte noch nie Ideen beim Duschen.Manchmal kommt ein Jahr lang gar nichts. Und auf einmal kommt eine Woche, wo es alle zwei Minuten im Hirn blitzt.

Welches Alter halten Sie für den Menschen für realistisch?

Penninger: Von den Studien, die ich kenne, sind es so 110 bis 120 Jahre. Ohne fundamentale Neuentdeckungen ist das wahrscheinlich das Limit. Es gibt auch Studien, die fragen: Was wäre, wenn wir alle Erkrankungen jetzt lösen? Es gibt keinen Krebs mehr, keinen Diabetes, keine Demenz. Dann würde man wahrscheinlich auch mit so 120 Jahren sterben, weil wir unsere natürliche Regenerationsfähigkeit verlieren.

Ist es mit dem biologischen Tod vorbei?

Penninger: Was bleibt von uns übrig? Was ist in vier, fünf Generationen? Erinnert sich noch jemand an uns? Ich frage mich das oft. Dieser Waste of Intellect, diese Milliarden von Leuten, die klug sind, die alle Geschichten und neue Ideen haben, Kinder haben, die Träume haben, ihr Herzblut geben, um die Welt zu verbessern: Was bleibt von ihnen übrig in fünf Generationen?

Was ist Ihre Antwort auf diese Frage?

Penninger: Ich weiß es nicht. Die Evolution will, dass wir uns in biologischer Diversität vermehren. Am Ende sind wir ein Ameisenhaufen, der zusammen schaut, dass der Haufen weiterverbreitert wird.

4. August 2017