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Jutta Fastian und Fuzzman Herwig Zamernik: Fall für Zwei

Wie schwierig ist es als Paar, wenn beide Partner Künstler sind? Welche Rolle spielen Drogen im musikalischen Schaffensprozess? Macht man als Schauspielerin seine eigenen #MeToo-Erfahrungen? Schauspielerin Jutta Fastian und Herwig Zamernik, Sänger der Kultband „Naked Lunch“, dessen Soloalbum als Fuzzman, „Hände weg von allem“, gerade erschienen ist, sind seit 12 Jahren liiert. Als sie einander kennenlernten, war er bereits Vater von drei Kindern und verheiratet. OOOM sprach mit ihnen über Liebe, Versagensängste, Aufs und Abs, eine Beziehung auf Augenhöhe – und den Traum von einer eigenen Almhütte.

Christina Zappella-Kindel8. Mai 2019 No Comments
fastian herwig ooom magazine

Wie haben Sie einander kennengelernt?

Jutta Fastian: Es war eine Theaterproduktion 2007. Ich traf Herwig mit meinem Regisseur auf der Straße und war schockverliebt. Danach habe ich erfahren, dass er verheiratet und Vater von drei Kindern ist. Das war ziemlich heftig, und es hat dann doch gedauert, bis wir ein Paar sein durften. Schluss­endlich bin ich zu ihm nach Kärnten gezogen und befand mich gleich im Patchwork-Modus.

Herwig Zamernik: Bei mir war es eigentlich genauso. Ich war zu jener Zeit gerade in einer Beziehung, die schon lange nicht mehr funktionierte. Die Anfangszeit war schwierig. Dann habe ich mich von meiner Frau getrennt. Sie ist ausgezogen und hat mich mit den Kindern zurückgelassen. Der Kleinste war damals gerade mal 5 Jahre alt und der Große, eigentlich mein Stiefsohn, 17.

Wie oft fliegen die Fetzen, wenn zwei Künstler zusammenleben?

Fastian: Wir diskutieren alles aus. Herwig findet das oft unnötig, das ist dann noch mal Grund für einen Streit. Jedes Paar wünscht sich, dass nicht die Langeweile einzieht und alles selbstverständlich wird. Wenn wir zum Beispiel über Sexualität sprechen, dann kann es schon passieren, dass wir uns anschauen und sagen: „Also, jetzt wäre es aber wirklich wieder einmal an der Zeit.“ Und dann lachen wir darüber. Humor hilft!

Beeinflussen Sie sich auch in Ihrer künstlerischen Arbeit?

Zamernik: Genauso wie im Leben. Wir sind ein Team. Wenn ich ein Musikvideo drehe, unterstützt mich Jutta mit ihren Ideen und Ratschlägen. Sie hat auch schon Regie geführt. Und wenn sie eine Rolle vorbereitet, helfe ich ihr, wenn sie mich braucht. Ich bin außerdem oft der Anspielpartner bei E-Castings, obwohl sie immer kritisiert, dass ich die Sätze falsch betone.

Fastian: Er singt sie halt manchmal, spricht melodisch. Aber wie soll er auch anders als Musiker! Er ist außerdem mein größter und wichtigster Kritiker.

Ist die künstlerische Freiheit, das zu tun, was Sie wollen, ein Privileg?

Fastian: Es ist ein Geschenk. Aber natürlich hat man Zweifel und überlegt, wenn es mal nicht so gut läuft: Sollte ich nicht lieber ein Kaffeehaus eröffnen? In der letzten Konsequenz würde es mich doch sehr traurig machen, meinen Traum aufzugeben,

Zamernik: Im Grunde weiß ich, dass es ein Privileg ist, aber es ist auch Normalität für mich, denn ich habe nie etwas anderes gemacht.

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Viele Frauen in der Film- und TV-Branche haben eigene #MeToo-Erfahrungen gemacht. Wie war das bei Ihnen?

Fastian: Als Schauspielerin war es immer eine Gratwanderung: Wie viel Nein verträgt eine geschäftliche Beziehung? Vor Jahren hat mich ein sehr einflussreicher Geschäftsführer eines großen deutschen Fernseh­unternehmens während der Berlinale kurzerhand lustig auf seinen Schoß gezogen und vorgeschlagen, gemeinsam den Nachhauseweg anzutreten. Als ich negierte, meinte er, ich müsse mir schon überlegen, was ich wolle im Leben – Erfolg oder eben keinen Erfolg. Ich fuhr mit dem Bus allein nach Hause. Gedreht habe ich in seiner Ära natürlich nichts mehr. Ähnliche Situationen und übergriffige Kommentare passierten mir mehrfach. Deshalb finde ich es sehr gut, dass sich die öffentliche Wahrnehmung geändert hat und eine sogenannte „Kultur des Schweigens“ beendet wurde.

Im Musikgeschäft fallen immer mehr Ikonen. Die neueste Michael-Jackson-Doku „Leaving Neverland“ bringt starke Beweise, dass er Kinder missbraucht hat.

Zamernik: Die Anschuldigungen kamen immer wieder und Michael Jackson hat dazu Stellung beziehen können. Man hat ihm auch immer geglaubt. Jetzt kommt diese Doku, die jeder für bare Münze nimmt, aber ein Toter kann sich nicht verteidigen. Sollten die Geschichten wahr sein, ist es schlimm genug. Sollten die Kinder missbraucht worden sein, brauchen sie Hilfe und nicht Eltern, die Millionen fordern. Dass Radiosender ihn nicht mehr spielen, ist verlogener Scheiß. Verbannen wir jetzt alle? Das eine ist der Mensch, das andere ist die Kunst. Mich ekelt vor diesem Sich-zur-Schau-Stellen und vor den Menschen, die posthum noch Geld machen wollen mit ihm.

Fastian: Die Doku will ich mir auf jeden Fall ansehen, auch wenn man einige Dinge vielleicht gar nicht so genau wissen möchte.

Herwig, Sie haben Ihre Musikkarriere 1988 als Bassist beim „Disharmonic Orchestra“ begonnen, einer Death Metal Band. Von dort zu „Naked Lunch“ ist in etwa so ein breiter Weg wie von „The Clash“ zu „Seiler und Speer“.

Zamernik: Das sehe ich nicht so. Es gab damals in Klagen­furt zwei Bands, die aktiv waren, und das waren das „Disharmonic Orchestra“ und „Naked Lunch“. Ich bin eigentlich nur für eine Tour eingesprungen, dann wurde es halt länger. Es ist ja nicht so, dass ich ein Death Metaler damals war. Wir waren einfach Musikliebhaber von den Beatles bis Napalm Death. Und je extremer die musikalische Spielart war, desto interessanter wurde sie.

Seit 2005 sind Sie als „Fuzzman“ auch solo unterwegs, Ihr neues Album heißt „Hände weg von allem“. Ist es bei einer Band immer schwierig, einen musikalischen Konsens zu finden?

Zamernik: Natürlich treffen bei einer Band immer Befindlichkeiten aufeinander. Aber das ist in allen Konstellationen so. Egal ob Kunst oder Wirtschaft, es ist immer schwierig, Menschen auf einen Nenner zu kriegen. Das ist bei „Fuzzman“ ideal, weil ich mich mit niemandem abstimmen muss. Gleichzeitig erleichtert es mir dann bei anderen Systemen, dass ich diese Spielwiese habe.

Ist „Trust Me Fuckers“, der Titel Ihres Albums, Ihr Lebensmotto?

Zamernik: Kann man so sagen, ja. Ist ja nicht das schlechteste.

Das Video zu „Für eine Handvoll Gras“ haben Sie in Obermillstatt mit dem Gesangsverein aufgenommen. Wussten die älteren Herren, worüber sie da singen?

Zamernik: Am Anfang wollten nur drei oder vier mitmachen, aber als wir uns bei der Probe besser kennenlernten, wurde klar, dass es kein Pro-Drogen-Lied ist, sondern mit einem Augenzwinkern mit der Thematik spielt. Am nächsten Tag kamen dann um die 20 Sänger zum Videodreh und aus einem Spiel der Gegensätze wurde ein Akt der Liebe. Nicht alles, was konservativ scheint, ist es auch. Wir sind mittlerweile befreundet.

8. Mai 2019