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Kältetelefon Caritas: Zeit spenden

Das Kältetelefon der Caritas ist jedes Jahr von Anfang November bis Ende April rund um die Uhr besetzt. Wer einen obdachlosen Menschen in der Kälte bemerkt, kann schnell und unkompliziert helfen, indem er das Kältetelefon anruft. So wissen die Streetworker der Caritas, wo sie gebraucht werden. OOOM-Autorin Linda Steinborn sitzt regelmäßig am anderen Ende der Leitung, wenn ein Mensch Hilfe sucht.

LINDA STEINBORN18. Dezember 2020 No Comments
KÄLTEBUS

Nach meinem Studium überlegte ich, wie ich die freigewordene Zeit sinnvoll nutzen und mich ehrenamtlich engagieren kann. Deshalb kam der Facebook-Post der Caritas, dass wieder Freiwillige für das Kältetelefon gesucht werden, gerade zur richtigen Zeit. Ich meldete mich an und saß wenige Tage später bei einer Einführungsveranstaltung, kurz darauf in einer Einschulung und Anfang November hatte ich meinen ersten Dienst als Freiwillige. Obwohl ich inzwischen mehr als Vollzeit arbeite, spende ich auch diesen Herbst und Winter wieder jede Woche ein paar Stunden Zeit, um beim Kältetelefon zu helfen. Die Gründe für einen Freiwilligendienst müssen nicht nur uneigennützig sein. Ich wusste durch Erfahrungen aus vorangegangenen Freiwilligendiensten, dass ich mich dadurch persönlich weiterentwickeln und viel Dankbarkeit und Wärme zurückbekommen kann.

Für Freiwilligenarbeit benötigt man keine besonderen Fähigkeiten außer Verlässlichkeit und den Wunsch zu helfen.

Helfen ist für jeden möglich. Als Freiwillige beim Kältetelefon sind wir die erste Ansprechperson für Menschen, die sich in den kältesten Monaten des Jahres solidarisch gegenüber obdachlosen Personen zeigen. Sehen sie einen Menschen in Not, schauen sie nicht weg! Setzen Sie durch einen kurzen Anruf beim Kältetelefon den ersten Schritt, damit den Betroffenen schnell geholfen werden kann. Das kann für einen Menschen, der bei Minusgraden auf der Straße übernachtet, lebensrettend sein. Es zeigt außerdem, dass jeder helfen kann, auch ohne ebenso wichtige Geldspenden, falls man gerade selbst nur wenig hat. Wir Freiwillige geben die Informationen aus dem Telefonat in eine Datenbank ein, damit sie direkt an die Streetworker weitergeleitet werden, die die beschriebenen Personen aufsuchen, um direkt vor Ort Hilfe anzubieten. Es werden unter anderem winterfeste Schlafsäcke oder Winterbekleidung verteilt sowie Beratung, Notunterkünfte oder Lebensmittel angeboten und damit sofort geholfen.

Verantwortung übernehmen. Vor meinem ersten Dienst war ich aufgeregt. Ich wusste, dass ich viel Verantwortung trage und absolut pünktlich sein muss. Für Freiwilligenarbeit benötigt man keine besonderen Fähigkeiten außer Verlässlichkeit und den Wunsch zu helfen. Den Rest lernt man bei Einschulungen und vor allem während den Diensten, mit Unterstützung der festen Mitarbeiter. Nach meinem ersten Gespräch war ich sehr froh, dass ich die wichtigsten Informationen am Telefon erfragen und dem Anrufer das Gefühl geben konnte, dass sein Anruf richtig und wichtig war. Gleichzeitig bekommt man als Freiwilliger viel zurück: neben den kostenlosen Workshops und Veranstaltungen, die die Caritas allen Freiwilligen anbietet, war es für mich immer am schönsten zu merken, wie viele Menschen in Wien helfen wollen. Viele Anrufer haben sich am Ende des Telefonats persönlich für meinen Einsatz bedankt. Außerdem trifft man bei einem Freiwilligendienst auf verschiedenste hilfsbereite Menschen, mit denen man sich gern umgibt.

Es konnten über 270 Notquartierplätze direkt vermittelt werden, in über 180 Fällen musste die Rettung gerufen werden.

Der letzte Winter. In der Saison 2019/20 haben in Wien 87 Freiwillige insgesamt 5.103 Anrufe entgegengenommen – das sind täglich im Durchschnitt zwischen 40 und 50 Anfragen. Es konnten über 270 Notquartierplätze direkt vermittelt werden und es musste in über 180 Fällen die Rettung gerufen werden. So kann schon ein vierstündiger Freiwilligendienst alle ein oder zwei Wochen dazu beitragen, einem obdachlosen Menschen einen Schlafplatz, etwas zu essen oder medizinische Versorgung zu vermitteln. An Tagen, an denen es besonders kalt war, konnte es auch stressig werden, weil das Telefon praktisch ständig läutete. Selbstverständlich gab es auch einige unangenehme Anrufe, bei denen sich Leute über Verschiedenstes beschwerten, aber ein überragender Teil möchte helfen und sorgt sich ehrlich um die Menschen in der Kälte. Das schönste Gefühl war es, in manchen Fällen gleich ein Notquartier für jemanden vermitteln zu können, um damit die Gewissheit zu haben, dass ein Mensch durch meine Mitarbeit nicht bei Minusgraden im Freien schlafen muss.

18. Dezember 2020