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Kältetelefon Caritas: Zeit spenden

Das Kältetelefon der Caritas ist jedes Jahr von Anfang November bis Ende April rund um die Uhr besetzt. Wer einen obdachlosen Menschen in der Kälte bemerkt, kann schnell und unkompliziert helfen, indem er das Kältetelefon anruft. So wissen die Streetworker der Caritas, wo sie gebraucht werden. OOOM-Autorin Linda Steinborn sitzt regelmäßig am anderen Ende der Leitung, wenn ein Mensch Hilfe sucht.

LINDA STEINBORN18. Dezember 2020 No Comments
KÄLTEBUS

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Die Wichtigkeit der Freiwilligenarbeit. Als Freiwillige des Kältetelefons haben wir die wichtige Aufgabe der Gefährdungsabklärung. Wir müssen mit gezielten Fragen herausfinden, wie schnell jemand aufgesucht werden muss, wie Ausrüstung und Gesundheitszustand sind und ob eventuell sogar ein Notfall vorliegt und die Rettung gerufen werden muss. Die Streetworker der Caritas gehen zwar jedem Hinweis nach, aber gerade an einem anrufreichen Tag ist nicht vorhersagbar, wie schnell sie bei einem Menschen in Not sein können. Beim Kältetelefon ist es auch wichtig, sich Zeit für den persönlichen Kontakt mit den Anrufern zu nehmen. Außerdem müssen wir sehr einfühlsam bei Anrufern sein, die sich immer wieder für dieselbe Person melden und kein Verständnis dafür haben, dass diese immer noch auf der Straße lebt. Die Streetworker können nur Hilfsangebote machen. Viele Menschen wollen nicht in ein Notquartier, weil sie zum Beispiel gesundheitliche oder psychische Probleme haben oder es zwischen anderen Menschen nicht aushalten. Trotzdem zählt jeder Anruf, denn so können auch Veränderungen im Gesundheitszustand dokumentiert werden.

Den Wunsch, Menschen zu helfen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben, hatte ich schon lange.

Ein besonderer Erfolg.
Die Projektleiterin des Kältetelefons, Susanne Peter, hat mir in einem Gespräch verdeutlicht, wie wichtig es ist, immer wieder Hilfe anzubieten, auch wenn diese zuerst nicht angenommen wird. 2007 wurde sie über einen Anruf in der Gruft auf einen Mann aufmerksam gemacht, der auf der Donauinsel mitten im Winter in einem Toilettenhäuschen wohnte. Sie ist dem Anruf nachgegangen, hat den Mann aufgesucht und beim ersten Gespräch wollte er nur, dass das Streetworkteam sofort wieder geht. Susanne Peter sagte ihm, dass sie sich Sorgen macht, weil es so kalt ist, und ist über Jahre hindurch immer wieder zu ihm gefahren, um sich nach seinem Befinden zu erkunden und Hilfe anzubieten. Dabei haben sie drei Jahre lang nur über die geschlossene Toilettentür kommuniziert – er drinnen, sie draußen. Es wurde schnell klar, dass der Mann schon seit Jahrzehnten auf der Straße lebte und schwer Vertrauen fassen konnte. Irgendwann haben die Streetworker ihn zufällig in einem Gebüsch persönlich angetroffen und nach vielen weiteren Gesprächen mit Augenkontakt hat er ihnen seine Jacke zum Waschen mitgegeben, was ihm sichtlich schwer fiel. Nachdem beim nächsten Treffen die gewaschene Jacke zurückgebracht wurde, gab es noch ungefähr zwei Monate ziemlich intensive Gespräche, worauf er schließlich zustimmte, Dokumente auszufüllen und sich eine Wohnung vermitteln zu lassen. Susanne Peter vermutet, dass das Waschen und Zurückbringen der Jacke ein Vertrauensbeweis für ihn war. Von da an hat es insgesamt nur mehr vier Monate gebraucht, bis der Mann 2011 in eine Wohnung gezogen ist. Dort wohnt er immer noch, nachdem er über 30 Jahre auf der Straße gelebt hatte.

Was wir als selbstverständlich sehen. Manchmal braucht es nur ein einziges Angebot, und Menschen lassen sich ein Notquartier vermitteln. Manchmal braucht es aber auch Jahre und regelmäßigen Kontakt, damit die Menschen Vertrauen fassen und Hilfe annehmen. Es gibt Menschen, die auf der Straße leben und erst motiviert werden müssen, ihre Ansprüche auf staatliche Hilfe geltend zu machen, weil sie aus Prinzip keine Hilfe vom Staat annehmen wollen. Manchmal hilft es auch, Fotos mitzubringen und eine mögliche Wohnung zu zeigen, weil viele Menschen, die Jahrzehnte auf der Straße leben, keine Vorstellung mehr von dem haben, was wir als selbstverständlich ansehen. Diese Geschichte nahm ihren Anfang mit einem Anruf bei der Caritas.

Gemeinsam solidarisch. Ich bin dieses Jahr wieder beim Kältetelefon, weil es 2020 besonders wichtig ist zu helfen. Leider trifft Corona besonders obdachlose Menschen hart, denn sie können sich weder regelmäßig die Hände waschen noch zu Hause in Isolation gehen. Ihr Immunsystem ist außerdem häufig schon geschwächt und viele Angebote für Obdachlose können während Lockdown-Phasen nur noch reduziert stattfinden, auch wenn Organisationen wie die Caritas ihr Bestes geben, um die Basisversorgung für alle, die es jetzt schwer haben, aufrechtzuerhalten. Wir müssen also besonders aufmerksam sein, wie es den Menschen um uns herum geht. Zurzeit werden bei der Caritas außerdem dringend Geldspenden benötigt, damit winterfeste Schlafsäcke an die Bedürftigen verteilt werden können. Diejenigen, die mit Taten helfen wollen, aber nicht wissen, wo genau sie gerade am dringendsten gebraucht werden, können sich über karitative Einrichtungen in ihrer Nähe vermitteln lassen. Die Servicestelle „Freiwilliges Engagement“ der Caritas sucht zum Beispiel immer wieder Freiwillige für verschiedenste Tätigkeiten, wie Hilfe bei Lebensmittelausgabestellen, Besuche bei älteren Menschen, Nachhilfe für Kinder und Jugendliche, Unternehmungen mit Menschen mit Behinderung, Unterstützung im Internet und vieles mehr. Manchmal wundere ich mich, wieso ich mich erst letztes Jahr wieder für einen Freiwilligendienst gemeldet habe. Den Wunsch, Menschen zu helfen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben, hatte ich schon länger. Doch wie bei so vielen Dingen war auch hier der Anfang das Schwerste. Heute weiß ich, dass ich gerne weniger gezögert hätte. Jeder kann auf seine Art und Weise dazu beitragen, unsere Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Der richtige Zeitpunkt dafür ist immer jetzt.

Vermittlung von Freiwilligen. Servicestelle Freiwilliges Engagement
www.zeitschenken.at

Kältetelefon Wien. Community für Mitmenschlichkeit
www.fuereinand.at

18. Dezember 2020