Tech & Science

Kapsch & Matthä: Zukunfts-Reisen

Wie werden wir uns in Zukunft fortbewegen? Welche Technologien werden das Leben von morgen bestimmen? Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz dabei spielen? OOOM bat in seiner neuen Reihe FUTURE TALKS zwei der führenden Wirtschaftslenker Österreichs zum Gespräch: Ing. Andreas Matthä, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen und Mag. Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung und CEO des Technologiekonzerns Kapsch.

Georg Kindel9. Oktober 2019 No Comments
oebb kapsch ooom magazin

Herr Kapsch, werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie werden wir uns 2040 fortbewegen? In der Luft, mehr per Bahn, oder wird das autonome Fahren den Verkehr bestimmen?

Kapsch: Das kann niemand wirklich beantworten. Ich glaube, wir werden viel stärker multimodal unterwegs sein. Der Individualverkehr, bei dem fast jeder ein eigenes Fahrzeug besitzt, wird zurückgehen. Es wird wesentlich mehr Shared Vehicles und unterschiedliche Verkehrsträger geben. Ob wir auch noch in die Luft gehen, die dritte Dimension in den Städten erobern? Es gibt bereits Pilotversuche, aber ich glaube, es wird vor allem aus rechtlichen und aus Sicherheitsgründen noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Herr Matthä, welche Rolle wird die Bahn spielen?

Matthä: Eine starke. Denn vieles, was Sie 2040 benötigen werden, muss ja jetzt langsam gebaut werden, sonst wird es dann nicht vorhanden sein. Dass bei der Bahn schon heute ein entsprechendes Ausbauprogramm läuft, sieht man. Die Zukunft wird weitere Features bringen, was die Bequemlichkeit und die Information in den Zügen betrifft. Und: Sie sind als Gast natürlich hochökologisch unterwegs und bekommen Zeit geschenkt. Damit wird die Bahn Teil unseres Lifestyles.

Trotzdem arbeiten die Giganten des Silicon Valley an Konzepten des autonomen Fahrens.

Matthä: Die Züge, die schneller als 160 km/h fahren – und das ist aktuell auf der Weststrecke so –, fahren bereits autonom, weil das die Zugsicherungssysteme so vorschreiben. Kapsch ist hier ja ein wesentlicher Teil unserer Bahnindustrie. Insofern haben wir vor dem autonomen Fahren nicht so viel Angst. Wenn ich googeln und entspannt reisen möchte, dann nehme ich die Bahn, denn da kann ich auch aufstehen und mir einen Kaffee servieren lassen. Wenn ich dann in der Fläche unterwegs sein möchte, werde ich ein Fahrzeug nehmen, und da wird uns dann autonomes Fahren mehr helfen. Wir werden uns durch Apps am Handy ein autonomes Vehikel buchen, damit zum nächsten Bahnhof fahren und dann in den Zug umsteigen. Die lange Distanz fahre ich bequem mit dem Zug. Am Zielort steige ich wieder um und nehme ein Elektrofahrzeug oder ein Fahrrad.

Die Züge auf der Weststrecke, die schneller als 160 km/h sind, fahren bereits autonom. Insofern haben wir vor dem autonomen Fahren nicht so viel Angst. Andreas Matthä

Herr Kapsch, Ihr Unternehmen entwickelt Technologien der Zukunft, gerade im Bereich Public Transport. Was sind die großen Innovationen, die die nächsten 20 Jahre prägen werden?

Kapsch: Es sind grundsätzlich zwei Innovationsströme: Einer geht in neue Geschäftsmodelle – Mobility-as-a-Service –, der andere geht in Richtung Technologien, die diese Mobility-as-a-Service-Konzepte erst ermöglichen. Es wird dazu führen, dass die meisten Menschen keine eigenen Fahrzeuge mehr haben, sondern Fahrzeuge, die sie gerade brauchen, mieten werden. Für die Fortbewegung in der Stadt brauche ich etwas anderes, als wenn ich ein Wochenende ins Grüne fahre. Hier wird es Menschen geben, die möglichst ökologisch unterwegs sein wollen, solche, die möglichst günstig ihr Ziel erreichen wollen, möglichst schnell oder bequem. Je nachdem wird man schlicht und ergreifend verschiedene Verkehrsträger verwenden. Auf der anderen Seite steht der technologische Stream, also z. B. Fahrzeugkommunikation, die wir für das autonome Fahren brauchen.

Die meisten Menschen werden keine eigenen Fahrzeuge mehr haben, sondern die, die sie gerade brauchen, mieten. Georg Kapsch

Matthä: Mobility-as-a-Service sehen wir ganz genauso. Die letzte Meile wird dabei ganz entscheidend sein. Über eine lange Strecke wird der Zug hier tatsächlich Vorteile haben. Unser Auftrag als ÖBB ist es, die gesamte Mobilitätskette anzubieten. Sie können das jetzt bereits mit unserer App „Wegfinder“ ausprobieren, wo wir eben nicht nur den Zug anbieten, sondern auch Scooter, Leihautos, Rail&Drive. Konkret: Sie fahren mit dem Zug bis nach Bischofshofen, halten dann die Logkarte zum Fahrzeug hin, es entsperrt sich und Sie können die letzten Kilometer mit dem Fahrzeug, zum Beispiel einem Elektroauto, unterwegs sein. Dem Kunden wird es im Endeffekt egal sein, wie die Mobilität gelöst wird – sie muss nur ganzheitlich gelöst sein.

9. Oktober 2019