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Kapsch & Matthä: Zukunfts-Reisen

Wie werden wir uns in Zukunft fortbewegen? Welche Technologien werden das Leben von morgen bestimmen? Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz dabei spielen? OOOM bat in seiner neuen Reihe FUTURE TALKS zwei der führenden Wirtschaftslenker Österreichs zum Gespräch: Ing. Andreas Matthä, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen und Mag. Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung und CEO des Technologiekonzerns Kapsch.

Georg Kindel9. Oktober 2019 No Comments
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Sieht das die Industrie auch so?

Kapsch: Wir sehen das haargenau so. Die Frage ist am Ende, wie das ausgehen wird. Die einen sagen, es wird weniger Fahrzeuge in den Städten geben, andere meinen, das autonome Fahren wird zu mehr Verkehr führen. Ich nenne nur ein Beispiel: Robo-Shuttles. Ein konventioneller Bus hat seine Haltestelle. Ein Robo-Shuttle hat keine Haltestelle, es bleibt dort stehen, wo gerade Bedarf ist. Und das ist für die Parking Policies, für das Management des Parkstreifens, eine große Herausforderung. Damit wird es Parkformen, wie wir sie heute haben, nicht mehr geben.

Ein Robo-Shuttle hat keine Haltestelle. Es bleibt dort stehen, wo gerade Bedarf ist. Damit wird es Parkformen, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Georg Kapsch

Die WHO schätzt, dass 2050 um 2,2 Milliarden mehr Menschen auf diesem Planeten sein werden, gleichzeitig erfolgt eine Urbanisierung. Können Verkehrsnetze das aushalten?

Kapsch: Im Überlandverkehr – da gebe ich Herrn Matthä völlig recht – wird der öffentliche Verkehr der Träger sein, muss er der Träger sein. Im innerstädtischen Verkehr ist es die Frage, ob die Autonomisierung der Fahrzeuge nicht dazu führt, dass proportional eine Konkurrenz zum Public Transport besteht. Das könnte durchaus passieren. Die Staus bekommt man nur in den Griff, indem man eine bessere Verkehrssteuerung macht. Das bedingt, dass diejenigen, die die Fahrzeuge steuern, sich auch an die Routing-Vorschläge halten. Wenn sie einmal vollautonom fahren, ist es etwas anderes, weil sich das Fahrzeug immer an die vorgegebenen Routen halten wird. Das heißt, es ist eine Kombination von dem, was die Politik der Städte und die Unternehmen, die Mobility- as-a-Service anbieten, zur Verfügung stellen. Was man noch braucht, ist eine überregionale Verkehrssteuerung. Wir machen das in Texas. Dort steuern wir nicht nur eine Stadt, sondern mehrere. Und da können sie starken Verkehr frühzeitig abfangen und umrouten.

Richard Branson baut nach einer Idee von Elon Musk Hyperloop, wo Menschen in Kapseln mit 1200 km/h durch eine geschlossene Röhre sausen. Kommen da klaustrophobische Urängste auf?

Matthä: Ängste gibt es zunächst immer. Als die ersten Züge gekommen sind, dachte man, die Menschen würden alle in die Bewusstlosigkeit fallen, vor allem wenn ein Zug einmal über 40 km/h unterwegs sein wird. Wir haben uns Hyperloop genau angeschaut. Es wird technologisch funktionieren – ob es auch wirtschaftlich funktioniert, da bin ich mir noch nicht sicher, weil sehr große Radien bei diesen Geschwindigkeiten benötigt werden. Für große Metropolen, die man miteinander verbindet, kann es einmal die Alternative zum Flugzeug werden.

Wien – Innsbruck als Hyperloop-Destination wird es wohl nicht spielen?

Matthä: Nein, wohl nicht. (lacht)

Hyperloop wird technologisch funktioneiren. Für große Metropolen, die man miteinander verbindet, kann es einmal die Alternative zum Flugzeug werden. Andreas Matthä

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Wird sich Reisen radikal verändern?

Matthä: Ich glaube, dass Mobilität anspruchsvoller werden wird, weil man die ökologischen Gesichtspunkte bedenken muss. Es nützt nichts: Der Flieger verursacht 21-mal mehr CO2 als der Zug, der PKW 15-mal mehr. Insofern wird es hier Verschiebungen geben, vielleicht auch über eine CO2-Besteuerung. Es wird Veränderungen im Mobilitätsverhalten geben, aber keine grundsätzliche Einschränkung.

Eine CO2-Besteuerung wird die Industrie weniger freuen.

Kapsch: Die Industrie hat in den letzten 30 Jahren mehr zum Klimaschutz beigetragen als die anderen Sektoren, nämlich Verkehr – da kann man die Bahn ausnehmen – und Haushalte. Die haben wesentlich weniger dazu beigetragen, das Klimaproblem zu lösen, als die Industrie. Wenn Sie jetzt die Ökologisierung des Steuersystems ansprechen: Darüber kann man diskutieren. Dann muss man aber zum Beispiel den Emissionshandel hinterfragen. Wir waren nicht die Ersten, die nach Umweltschutz gerufen haben, so ehrlich müssen wir sein. Wir waren aber die Ersten, die, als die Kritik gekommen ist, aufgesprungen sind und gesagt haben: „Wir tun jetzt etwas.“

Matthä: Man muss dazu ergänzen: Die Industrie ist ja im Emissionshandel, der Verkehr nicht. Der Verkehr wächst weiter und dadurch auch der CO2-Ausstoß. Das ist ein Gebiet, auf dem etwas geschehen muss.

Die Art, wie wir arbeiten, wird sich in den nächsten 20 Jahren massiv verändern. 47 Prozent der Berufe, wie wir sie heute kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben, sagt eine Oxford-Studie. Was passiert mit all diesen Menschen?

Kapsch: In der Geschichte war es so, dass technologische Revolutionen im Endeffekt zu mehr Arbeitsplätzen und mehr Wohlstand geführt haben. Ob das diesmal wieder so sein wird, ist allerdings die Frage. Ich glaube, wir kommen aus dem Thema nur heraus, indem wir auf der einen Seite höher qualifizieren und damit die Menschen in Funktionen und Arbeitsfelder bringen, die die Gesellschaft in Zukunft massiv brauchen wird. Auf der anderen Seite muss man die Berufsbilder und das Sozialprestige, das einzelnen Berufsbildern beigemessen wird, verändern: höheres Sozialprestige und damit verbunden eine höhere Einkommensmöglichkeit. Das heißt, Berufe attraktiver machen, die vielleicht jetzt noch nicht so attraktiv sind. Es werden natürlich auch neue Berufe entstehen.

Matthä: Seit der Mitte der 90er-Jahre pragmatisiert die ÖBB nicht mehr. Insofern haben wir auch eine Fluktuation, was die Aufgabenfelder betrifft. Aber generell gibt es viele Berufe, die wir in 10 bis 20 Jahren benötigen, heute aber noch nicht. Vor 20 Jahren hat es noch keine Webdesigner gegeben, vor 10 Jahren hat es noch keine Data Scientists gegeben. Solche Jobs entstehen über die Technologien. Im Prinzip muss man offen im Mindset sein, und das Unternehmen muss auch die Möglichkeiten schaffen, sich entsprechend weiterzuentwickeln.

9. Oktober 2019