Tech & Science

Kapsch & Matthä: Zukunfts-Reisen

Wie werden wir uns in Zukunft fortbewegen? Welche Technologien werden das Leben von morgen bestimmen? Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz dabei spielen? OOOM bat in seiner neuen Reihe FUTURE TALKS zwei der führenden Wirtschaftslenker Österreichs zum Gespräch: Ing. Andreas Matthä, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen und Mag. Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung und CEO des Technologiekonzerns Kapsch.

Georg Kindel9. Oktober 2019 No Comments
oebb kapsch ooom magazin

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Gerade im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) heißt es, Österreich sei relativ abgeschlagen.

Kapsch: Natürlich liegt in der Frage der Daten die Zukunft: Wie geht man mit Daten um, wie aggregiert man sie, wie verwendet man sie? Wir sind nicht so weit hinten im Wissen, wir sind weiter hinten bei der Industrialisierung dieses Wissens. Wir haben keine großen Internetkonzerne in Europa. Ich glaube aber auch, dass es eine Illusion ist, zu glauben, dass wir in Europa in der Lage sein werden, Google irgendetwas entgegenzusetzen. Wir müssen uns stattdessen auf unsere Stärken konzentrieren, und das ist nun mal der industrielle Sektor.

Matthä: Ich glaube, was Europa und Österreich auszeichnet, ist ein Stück weit Kreativität, und hier die Verbindung zu künstlicher Intelligenz. Natürlich ist die Optimierung der Zugtrassen des Zugverkehrs über KI deutlich effizienter und von höherer Qualität, als wenn das Menschen machen. Aber du musst vorher wissen, wie. Wir denken uns oft, wir in Europa sind so arm gegenüber den Amerikanern und den Chinesen, aber in Wirklichkeit sollten wir auch einmal sagen, dass wir in Europa eine hochkreative Bevölkerung haben.

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir mit Telex kommuniziert oder mit Fax. E-Mails gibt es erst seit rund 20 Jahren. Wie geht die Entwicklung weiter?

Kapsch: In der Geschichte hieß es oft, dass jetzt nichts mehr weitergeht – und dann ist es doch weitergegangen. Die Digitalisierung hat in Wahrheit bereits vor vielen Jahrzehnten begonnen. Das ist ja alles nichts Neues. Natürlich könnte man in die Zukunft denken und meinen, dass es stattdessen ein Implantat mit einer extrem hohen Speicherkapazität in unserem Körper geben wird. Und dann werden wir nichts mehr so visuell aufnehmen, sondern es werden uns Daten gleich in unsere Gehirne eingespielt. Ob das gesellschaftspolitisch wünschenswert ist, das ist eine andere Frage. Ich glaube nicht, denn heute können wir selbst wenigstens nicht gehackt werden, sondern nur autonome Fahrzeuge oder Smartphones. Aber stellen Sie sich vor, wir haben Implantate und dann werden wir als Menschen gehackt …

Heute können wir selbst wenigstens nicht gehackt werden, sondern nur autonome Fahrzeuge oder Smartphones. Mit einem Implantat im Körper, wo man uns Daten ins Gehirn spielt, wäre das anders. Georg Kapsch

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Elon Musk arbeitet mit seiner Firma Neurolink an einem Brain-Machine-Interface, einer Schnittstelle zwischen Computer und Gehirn. Ziel sei ein Miniimplantat im Kopf, das die Leistungsfähigkeit des Gehirnes verzwanzigfacht.

Kapsch: Ich glaube, man muss ethische und moralische Grenzen setzen. Ich kann nicht alles zulassen. Mir gehen viele Dinge heute schon zu weit, wenn es etwa um die Überwachung der Menschen geht. In China gibt es ja schon Ratings der Menschen aufgrund ihrer Verhaltensmuster. Die dürfen dann keine Bahntickets mehr kaufen, weil sie sich nicht systemkonform verhalten haben. Das ist demokratie- und gesellschaftsgefährdend. Dem muss man einen Riegel vorschieben.

Matthä: Das ist eine hochphilosophische Frage, die Sie hier stellen. Ich bin da vollkommen bei Mag. Kapsch. Aufklärung, Menschenrechte, der Grundsatz von Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit und ein dahinterstehendes Menschenbild, das Europa letztendlich prägt, ist ein Regulativ, auf das man achten sollte. Ich glaube, dass sich viele Europäer das gut überlegen würden, bevor sie sich einen Chip einsetzen lassen würden.

Wie setzen Sie als Unternehmen Nachhaltigkeit um?

Matthä: Das ist für uns als ÖBB ein starker Trend: elektrische Energie. Und dass diese elektrische Energie zu 100 Prozent erneuerbar ist, was nichts anderes bedeutet, als dass wir bis 2030 die gesamte Mobilität CO2-neutral gestalten wollen – also auch die Busse und die Dieselstrecken. Und bis 2050 das gesamte Unternehmen.

Kapsch: Nachhaltigkeit in einer Gesellschaft bedeutet für mich nicht nur Klimaschutz. Das geht weit darüber hinaus: Abfallentsorgung, der soziale Bereich, die Bildung etc. – das ist alles Nachhaltigkeit. Bezogen auf mein Unternehmen habe ich zwei Ströme der Nachhaltigkeit: Der eine ist meine eigene Produktion, meine eigene Wertschöpfungskette. Wir haben zum Beispiel schon vor 30 Jahren umweltfreundliches Löten eingesetzt. Die zweite Schiene ist: Wie kann ich mit meinen Produkten zur Reduktion von Treibhausgasen, Feinstaub etc. beitragen? Das können wir durch unsere Verkehrssteuerungssysteme, durch unsere Mautsysteme. Ich bin in einer grünen Technologie und versuche, auch meine Wertschöpfungskette grün zu halten.

Im letzten OOOM hat der Schweizer Wissenschaftler Mathis Wackernagel, Präsident des Global Footprint Network, massive Kritik an Österreich geübt. Die dritte Piste am Flughafen sei ein ökologischer Wahnsinn, die Leute würden zu engstirnig denken.

Kapsch: Das möchte ich scharf zurückweisen. Ich weiß, dass ich jetzt provoziere, aber manchmal reden wirklich die Blinden von der Farbe. Wenn ich das Thema Elektromobilität nehme: Es geht immer um die Ökobilanz und nicht um die Frage der Emission. Wie sieht die Ökobilanz eines Fahrzeuges aus? Im Moment noch nicht optimal.

Matthä: Es ist ein interessantes Statement, das wirklich überrascht. Der einzige Bereich, in dem Österreich stark nachdenken sollte, ist meines Erachtens die Raumordnung, der Flächenverbrauch und die Bodenversiegelung. Wir versiegeln zu viel Bodenfläche. Ansonsten würde ich, was Nachhaltigkeit betrifft, Österreich eher vorne sehen.

Fotos: Roland Unger

9. Oktober 2019