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Kinder, Kinder!

Die Welt steht Kopf. Mit diesem Satz wird häufig das Desaster auf den Punkt gebracht, das Covid-19 in unserer Gesellschaft anrichtet. Teilweiser oder gänzlicher Lockdown stellen nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch viele Eltern und Kinder vor besondere Herausforderungen. Eltern fühlen sich überlastet und werden gerade dadurch zu einer Belastung für ihre Kinder. Wolfgang, was möchtest du ihnen in dieser Situation ausrichten, den Eltern und den Kindern?

WOLFGANG STABENTHEINER11. Januar 2021 No Comments

Die geeignete Hilfe organisieren. Ich wende mich zunächst an jene Eltern, die in existenzielle Not geraten sind, die an die Grenzen ihrer äußeren und inneren Möglichkeiten stoßen. Sie brauchen Hilfe, sowohl von der öffentlichen Hand als auch von einfühlsamen Menschen. Allerdings ist es schwer, jemandem Hilfe zu leisten, wenn er sich in seiner Hilfsbedürftigkeit versteckt oder einfach nur hilflos-arm ist. Definieren Sie, wofür Sie Hilfe brauchen! Und fragen Sie gezielt danach, egal, ob es sich um materielle, praktische oder seelische Hilfe dreht. Es gibt viele Stellen, die professionell Hilfe anbieten. Vor allem aber gibt es sehr viele Menschen, die Hilfe bereitwillig zur Verfügung stellen, sofern sie das Gefühl haben, dass da jemand sein Schicksal in die Hand nimmt. Schämen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen! Wenn Ihr Haus brennt, haben Sie auch keine Hemmungen, die Feuerwehr anzurufen. Es gehört zu Ihrer Verantwortung, sich die geeignete Hilfe zu organisieren.

Ein sicheres Nest bieten. Und erinnern Sie sich, worin die allererste Aufgabe von Eltern besteht: Ihren Kindern ein sicheres Nest zu bieten. Je größer die Not im Außen, desto mehr sind wir gefordert, durch unsere innere Ruhe und Entschlossenheit den Kindern Sicherheit zu vermitteln.

Mithelfen. Mein Appell ­richtet sich aber auch an Menschen, die gerade nicht von einer existenziellen Katastrophe betroffen sind. Stellen Sie sich zur Verfügung, um Hilfe zu leisten! Suchen Sie die Eltern, die Hilfe brauchen, freilich ohne sich aufzudrängen. Deren Kinder sind nicht allein deren Kinder, sie sind unser aller Kinder. Sie sind unser aller Zukunft. Und sie brauchen unser aller Herzenswärme und Verständnis.

Deren Kinder sind nicht allein deren Kinder, sie sind unser aller Kinder. Sie sind unser aller Zukunft.

Das Aufwachsen der Kinder managen. Nun aber zu den Eltern, die durch die äußeren Einschränkungen zwar eine veränderte Situation, aber keine Gefährdung ihrer Existenz vorfinden: Der Auftrag an uns Eltern, vielleicht auch Großeltern, hat sich verändert. Überspitzt ausgedrückt, waren wir es gewohnt, das Aufwachsen unserer Kinder zu managen. Dafür zu sorgen, dass sie rechtzeitig zur Schule kommen, mit ihnen zur Klavierstunde, zum Fußballtraining oder Balletttanzen zu hetzen, zu kontrollieren, ob die Hausübungen erledigt und die Zähne geputzt sind, sie mit immer neuen Spielsachen einzudecken und uns hin und wieder dem Kampf zur Eindämmung des Computer-Spielens zu stellen.

Eine Frage der Einstellung. Nun aber sind wir gefordert, das Aufwachsen unserer Kinder weniger zu managen, sondern mehr zu begleiten. Und dazu braucht es uns stark und entschlossen. Kinder sind das Kostbarste, das die Welt für uns bereitstellt. Und dieses Kostbarste benötigt nun etwas mehr Aufmerksamkeit. Jetzt sind einmal nicht diejenigen dran, an die wir sonst die Begleitung unserer Kinder delegieren, sondern wir selbst. Mich schmerzt es, wenn in diesem Zusammenhang ständig von den besonderen Belastungen der Eltern die Rede ist. Es ist doch einfach nur natürlich, dass wir in besonderen Zeiten besonders da sind für unsere Kinder. Kürzlich hörte ich einen Vater, der schon alle möglichen Gipfel im Himalaya, im Karakorum und in den Anden bezwungen hat, darüber klagen, dass er seine Tochter für zwei Wochen zu Hause unterrichten musste. Ja, es mag mühsam sein, sich den Kindern mehr als üblich zuzuwenden. Aber doch nicht mühsamer, als einen 7.000er zu besteigen!

Nichts fordert uns mehr zu wachsen als Kinder. Kinder machen erwachsen. Sie bringen uns an unsere Grenzen, weil sie es gut mit uns meinen.

Ein Quell von Glück. Kinder sind unser Glück, wenn wir das ihre sind. Ausnahmesituationen bieten uns in besonderer Weise die Möglichkeit, das Glück unserer Kinder zu sein. Nutzen wir sie, indem wir nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich präsent sind, sodass unsere Kinder bei uns andocken können und Gehör finden. Nutzen wir sie, um Dinge zu unternehmen, die die Normalität des Alltags sprengen, die uns besonders Spaß machen. Und gehen wir eventuell auftretenden Krisen nicht aus dem Weg. Es gibt wohl kaum einen stärkeren Quell von Liebe und Glück als gemeinsam bewältigte Krisen.

Anstoß zu leben. Die Erwachsenen lehren die Kinder, Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Die Kinder lehren die Erwachsenen, Fuß zu fassen im Leben, unmittelbarer zu erleben, zu staunen, zu entdecken, zu spielen, ihr inneres Kind wiederzuentdecken. Eine Mutter erzählte mir, welche Freude sie dabei empfindet, mit ihren Kindern eine Polsterschlacht zu machen.

Kinder machen erwachsen. Nichts fordert uns mehr zu wachsen als Kinder. Kinder machen erwachsen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass sie die Finger in unsere Wunden legen, dass sie uns an unsere Grenzen bringen. Nicht, weil sie uns Böses wollen, sondern weil sie es gut mit uns meinen. Sie weisen uns darauf hin, dass etwas heil werden, ganz werden will, dass wir Verantwortung zu übernehmen haben für unsere Grenzen und Mängel. Immer, wenn uns die Kinder herausfordern, ist damit eine Heilsbotschaft verbunden. Wir würden uns manche Therapiestunde sparen, wenn wir besser auf diese Botschaften achteten.

Mehr als wickeln. Elternsein ist mehr als wickeln: Ent-wickeln. Und zwar zuallererst uns selbst. Indem wir ihre Impulse annehmen und willkommen heißen, fühlen sich die Kinder selbst angenommen und willkommen geheißen. Ja, Kinder sind eine Herausforderung. Der Lockdown versperrt uns den Weg, vor ihr davonzulaufen.

Das Beste. Was sage ich nun, zum Abschluss, den Kindern? Ihr seid gut so, wie ihr seid. Ihr seid gut so, wenn ihr seid, wie wir Erwachsenen es uns wünschen. Und ihr seid besonders gut, wenn ihr so seid, wie wir es uns nicht wünschen. Ihr seid auf jeden Fall das Beste, das uns passieren kann.

Wolfgang Stabentheiner
www.richtig-gut-leben.net

11. Januar 2021