Arts & Design

Wolfgang Flatz: Ein Extremist der Kunst

Er verstört, provoziert, irritiert. Flatz posierte in seinen Kunstaktionen nackt als lebende Dartscheibe oder ließ sich in eine Synagoge als Glocken-Klöppel an einem Seil aufhängen und zur blutigen Bewusstlosigkeit schlagen. In OOOM spricht er über Radikalität, Angst, Gewalt und was Kunst soll.

Gerald Matt5. Dezember 2018 No Comments
wolfgang flatz ooom magazin

Er verstört. Er provoziert. Er irritiert. Seine Aktionen sind radikal und kompromisslos. Er posiert nackt als lebende Dartscheibe und lässt sich vom Publikum mit Pfeilen beschießen. Er lässt sich kopfüber in einer Synagoge im georgischen Tiflis als Glocken-Klöppel an einem Seil aufhängen, um sich zum „Kaiserwalzer“ von Johann Strauss gegen aufgestellte Metallplatten bis zur blutigen Bewusstlosigkeit schlagen zu lassen. Bei einer Performance im Kunstraum Innsbruck knallte er 1.200-mal seine Stirn gegen eine Stahlplatte und sprach dabei abwechselnd die Worte „Schuldig“ und „Nicht schuldig“. Erst nach zweieinhalb Stunden verstand das Publikum, dass es dem nur ein Ende setzen kann, wenn der letzte Besucher den Raum verlassen hat. Da hatte der Künstler bereits eine klaffend-blutende Wunde auf der Stirn.

Willkommen bei Wolfgang Flatz, 65, Aktionskünstler aus Vorarlberg. Auf dem Dach seines Ateliers prangt das Zitat, das ihm als Postkarte in den bundesdeutschen Farben breite Aufmerksamkeit bescherte: „Fressen. Ficken. Fernsehen.“ Seine Performances, die er „Stücke“ nennt, sind oft autoaggressiv und auf den Körper bezogen. Kaum ein anderer Performancekünstler ging dabei so an seine physischen und psychischen Grenzen – und über diese hinaus.

In der Psychiatrie. Geboren in Dornbirn, brach Flatz schon früh aus der Enge seiner Heimat aus. Nach einer Goldschmiedlehre studierte er Malerei und Kunstgeschichte und zog nach München. Er setzte sich mit zeitgenössischer Kunst auseinander, ließ sich von den Wiener Aktionisten inspirieren, landete im Stadtgefängnis ebenso wie in der psychiatrischen Landesnervenanstalt. In der Kunstwelt machte er sich rasch einen Namen: Auf der DOCUMENTA IX in Kassel, zu der ihn Jan Hut einlud, bezog er erstmals das Publikum in seine Performance ein und führte seinen Hund Hitler durch das Gelände. Seine Arbeit „Bodycheck/Physical Sculpture No. 5“ forderte das Publikum auch körperlich heraus. Im Fridericianum hängte er, indem er den gesamten Raum ausfüllte, sandsackartige zylindrische Körper, wie sie die Boxer zum Training benutzen. Die einzelnen Säcke wogen soviel wie Flatz, jeweils 60 Kilo, und nötigten die Besucher, sich durch diesen engen Skulpturenwald durchzukämpfen.

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In Teppich eingenäht. Bei der Aktion „Teppich“ ließ er sich im Windfang der Akademie der Bildenden Künste in München in den Teppich einnähen, so dass jeder Besucher gezwungen war auf ihn zu treten. Die Schmerzen der Tritte dokumentierte er mit einem schrillen Pfiff. Bei einer anderen Aktion in Bludenz ließ er sich 15 Minuten lang ohrfeigen. Flatz’ Arbeiten tun weh. Ihm selbst und dem Publikum. Er entwirft auch Bühnenbilder, etwa an den Münchner Kammerspielen, zeichnet verantwortlich für das Design von Büros und Gebäuden wie dem Siemens Global Leadership Center am Starnberger See und erschuf sich auf einem 3.200 Quadratmeter großen Dachgarten eines Fabrikgebäudes in München eine Art Gegen- und Traumwelt namens Heaven 7, wo er auch wohnt. Flatz versah seine exzentrische Kunstlandschaft mit 23 seiner Skulpturen, von einem bunt bemalten Cadillac Eldorado (Baujahr 1958) über eine fluoreszierende Skulptur der Freiheitsstatue bis hin zu einem ehemaligen Kampfhubschrauber. Sein Stück „Demontage II“ wird in verschiedensten Variationen aufgeführt. Dabei durchbrach Flatz mit einem Presslufthammer eine Mauer, während eine Sopranistin Lieder deutscher Klassiker sang.

Flatz-Museum in Dornbirn. Flatz ist ein künstlerischer Tausendsassa und lässt sich durch keine Kategorien festmachen. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten stehen Körper, Voyeurismus, Gewalt, Aggression, Schmerz, Liebe, Leidenschaft, aber auch zutiefst politische Fragen und die Interaktion mit dem Publikum. 2009 wurde in seiner Geburtsstadt Dornbirn das Flatz-Museum eröffnet. OOOM sprach mit dem Vorarlberger Aktionskünstler, dessen Körper – passend zu seiner künstlerischen Haltung – eines seiner Lebensmottos als Tattoo ziert: „MUT TUT GUT“.

Wie und wann wurde aus Wolfgang Flatz der Künstler Flatz?

In meiner Nachbarschaft wohnte ein Junge, der in die Sonderschule ging, aber mit einem außergewöhnlichen Talent gesegnet war. Er konnte fotorealistisch zeichnen und malen. Ich habe ihn beneidet. In den frühen 1960er-Jahren gab es etliche illustrierte Magazine mit Cartoons auf ihrer Cover- Rückseite. Da war immer ein Witz über moderne Kunst dabei, meist war es ein Affe, der vor einer Staffelei saß und Kleckse malte. Instinktiv wusste ich wohl, dass Kunst was anderes ist als die perfekte Abbildung der Realität. Also beschloss ich mit 14 Jahren, Künstler zu werden. Warum Flatz, eine bewusste Trennung der privaten und künstlerischen Persönlichkeit? Ich bin ein Kind der Arbeiterklasse. In der Schule gab es drei bis vier Schulkollegen, die aus besserem Hause waren. Sie wurden von den Lehrern anders behandelt. Wenn sie an die Tafel mussten oder etwas gefragt wurden, wurden sie mit dem Vornamen angesprochen und mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Bei mir hieß es immer „Flatz, aufstehen! Flatz, an die Tafel! Flatz, setzen!“ Diese Form der Diskriminierung hat mich verletzt. Als ich Künstler wurde, beschloss ich meinen Familiennamen zur Brand zu machen, um auf diese Weise nicht mehr angreif- und verletzbar zu sein.

Wie wurde Ihr Wunsch, Künstler zu werden zu Hause aufgenommen?

Bevor ich studierte, hatte ich schon den Beruf des Goldschmieds gelernt und es zum Meister gebracht. Meine Eltern verstanden die Welt nicht mehr, als ich den erlernten Beruf aufgab, um Künstler zu werden. Akzeptiert und stolz waren sie erst, als ich mit 38 Jahren Professor wurde.

Sie gingen 1975, nachdem Sie nach künstlerischen Aktionen in Vorarlberg inhaftiert und psychiatriert wurden, nach München ins Exil?

Wenn du dich von deinen Wurzeln trennst, verlierst du einen Teil deiner Identität. Wer seine Herkunft verleugnet, verleugnet sich selbst. Gibt es so etwas wie ein Signaturwerk, in denen sich Ihre Haltung und Ihre Ziele besonders verdichten? In meiner Arbeit ging es im Kern immer darum: Wie funktioniert das Leben, welche Strategien und Formen musst du finden und entwickeln, um in einer so komplexen Welt existieren und überleben zu können? Ich glaube, diese Fragen stellt sich das Tier Mensch, seit er vom Baum herabgestiegen ist.

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Wie kommen Sie von einer Idee zum Kunstwerk?

Das ist sehr strukturiert bei mir. Ich gehe konzeptuell vor. Meine Arbeit speist sich immer aus dem Leben. Da gibt es drei Stadien: vorweg die Findung, die Idee; dann folgt die Planung, da sucht sich die Idee das Medium, ob Foto, Video oder Performance. Und dann kommt die Realisation und da ist bestenfalls das Material noch das Limit. Während dieses Prozesses stellt sich mir natürlich auch fortwährend die Frage, inwieweit Idee und Planung noch Bestand haben.

Welche Rolle spielt Inspiration für Sie?

Inspirieren kann mich alles. Was ich als Künstler gemacht habe, habe ich immer auch gelebt, von den Motorrädern über die körperlichen Erfahrungen bis zum Hubschrauber.

Sie gelten als das „Enfant Terrible“ der Kunstszene. Muss gute Kunst Tabus brechen und provozieren?

Ich möchte, dass man sich mit dem beschäftigt, was ich denke und tue, dass man nicht achtlos daran vorbeigeht. Ich möchte meine Lebenszeit nicht mit Belanglosigkeiten vergeuden. Gute Kunst hat in ihrer Zeit immer verstört, irritiert und provoziert – von Michelangelo über Goya bis Francis Bacon, von Bosch bis Bruce Nauman. Alle haben sie mit ihrer Kunst dem Establishment in die Fresse geschlagen. Wenn das die heutige Kunst ebenso vermag, was ist daran falsch? „Kunst ist nicht der Spiegel, den man der Gesellschaft vorhält, sondern der Hammer, mit dem man sie gestaltet.“ Als ich den Satz von Karl Marx als ungefähr 40-jähriger Künstler gelesen hatte, dachte ich mir, das Zitat beschreibt meine Haltung und das, was ich bis dahin als Künstler gemacht habe.

Ihr gesamtes Werk kann man durchaus als Verletzung der political correctness verbuchen.

Kunst braucht keinen Konsens. Kunst hat keine Regeln, außer die, die sie selbst zur Maxime erhebt. Gute Kunst muss dir nicht den Honig ums Maul schmieren. Sie soll dich in den Arsch ficken, wenn du es brauchst.

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Sie haben immer wieder radikal Ihren Körper eingesetzt, als Material verwendet.

Der Künstler entscheidet sich, mit welchem Material er wie arbeiten will. Für mich ist der Körper das unmittelbarste, das direkteste Instrument. Jeder hat einen, jeder glaubt ihn zu kennen. Du musst an seine Grenzen gehen, wenn du ihn wirklich kennen und verstehen willst. Dennoch nehmen und empfinden wir ihn ganz unterschiedlich. Für mich war Gewalt und Schmerz ein Bestandteil meiner Erziehung, Prägung und Menschwerdung. Um frei von der Angst vor Schmerz und Gewalt zu werden, musste ich mich ihr stellen und sie bearbeiten. Kunst arbeitet an der Freiheit.

Hatten Sie jemals Angst bei diesen Aktionen?

Die Angst saß mir oft im Nacken. Ich habe in meiner Laufbahn ca. 50 Stücke (Performances) gemacht. Da waren zehn dabei, wo ich vorher wusste: Wenn etwas schiefgeht, ist es vorbei. Das musst du in Kauf nehmen, dann kommst du weiter. Danach bist du ein Stück freier.

Kann Kunst etwas bewirken und verändern?

Kunst ist der Humus unserer Gesellschaft. Wie sähe die Welt ohne Kunst aus? Wir würden noch auf den Bäumen herumturnen.

In Dornbirn gibt es ein eigenes Flatz-Museum.

Jeder Mensch möchte überleben und entwickelt so seine Strategien. Leben ist Energietransfer. Als Künstler hast du die Möglichkeit, außer über Nachkommen, etwas von deiner Lebens­energie in Form von Kunst weiterzugeben und zu konservieren. Ich möchte überleben. Ich möchte unsterblich werden. Ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Sozial- Romantiker.