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Lady Gaga: Der Star, der Madonna immer sein wollte

Lady Gaga ist die Nummer zwei der inspirierendsten Menschen der Welt, die „Frau des Jahres 2018“. Mit ihrem Filmdebüt „A Star Is Born“ erhielt sie nicht nur im Feuilleton hymnische Kritiken, sondern auch von den Kollegen. Ein Multitalent, stark, überzeugend, aber auch fragil und verletzlich.

Claudia Huber5. Dezember 2018 No Comments
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Hollywood kennt viele Sterne. Doch nur ganz wenige haben das Talent, uns neben dem Schauspiel auch durch ihre Stimme zu berühren. Elvis Presley, Frank Sinatra, Marilyn Monroe, Barbra Streisand – sie alle beherrschten virtuos jedes Metier, in das sie sich vorwagten: Sie konnten singen, tanzen, ihr Publikum zum Lachen und zum Weinen bringen, man liebte sie auf der Bühne und auf der Leinwand.

Wer den Film „A Star Is Born“ gesehen hat, der weiß: Es war die Geburtsstunde einer Ikone, die sich nahtlos in die ewige Bestenliste Hollywoods einreiht. Dass Stefani Joanne Angelina Germanotta, 32, bekannt als Lady Gaga, eine grandiose Sängerin ist, die zudem Songs zu schreiben vermag, die uns alle berühren, daran bestand nie ernsthaft Zweifel. Wer sie jedoch in ihrem Debüt als Schauspielerin gesehen hat, weiß: Sie ist die Frau, die Madonna immer sein wollte.

Lobeshymnen im Feuilleton. „Ihre entwaffnende natürliche Präsenz ist entscheidend für die Kraft des Filmes“, schwärmt die New York Times über ihr Debüt. „Lady Gaga kann spielen, singen, alles. Wer’s bei ‚A Star Is Born‘ nicht merkt, hat ein Rad ab“, konstatiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung ungewohnt flapsig. Schon wird Lady Gaga als neue Oscar-Kandidatin gehandelt.

Kein Zweifel: „A Star Is Born“ ist die Rolle ihres Lebens. Das Besondere bei Lady Gagas Filmdebüt: Auch die weiblichen Stars Hollywoods streuen ihr und ihrem Talent Rosen. „Sie ist bezaubernd“, ist Barbra Streisand, die selbst Lady Gagas Rolle 1976 im dritten Remake des Filmes verkörperte, begeistert. Und Anne Hathaway postete auf Instagram: „Bravo, Lady Gaga! ‚A Star Is Born‘ ist so besonders, so ambitioniert, so wagemutig und so brillant.“

Schonungslos ehrlich. Was Lady Gaga ausmacht, ist nicht nur ihr unglaubliches Talent, sondern auch ihre schonungslose Ehrlichkeit und Natürlichkeit. Wer die Netflix-Doku „Gaga: Five Foot Two“ gesehen hat, staunt mit offenen Augen, wie sie die Zuseher an ihrem Zweifel, ihrer Traurigkeit, Schwäche und Verletzlichkeit teilhaben lässt: „Ich kämpfe mit Paranoia, Angst, Schmerzen, Panik“, sagt sie offen. So zeigt der Film auch die Schattenseiten des Erfolgs: „Erst fassen mich alle die ganze Zeit an und reden auf mich ein, dann ist plötzlich die absolute Stille. All diese Leute gehen, und ich bin allein.“ Es sind Worte der Verzweiflung und der tiefen Spuren, die diese unglaubliche Karriere hinterlassen hat: „Als ich zehn Millionen Alben verkaufte, habe ich Matt verloren. Ich verkaufte 30 Millionen, ich verliere Luc. Ich bekomme den Film, ich verliere Taylor“, spricht sie über ihre Beziehungen, die an ihrem Tourkalender und der Arbeit im Studio scheiterten. Und Lady Gaga weint. Sie weint verblüffend oft in diesem Film.

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Fibromyalgie. Aber es ist nicht nur der psychische Schmerz, der zum Thema wird. Seit Jahren leidet sie an Fibromyalgie, klagt über Schmerzen, muss laufend behandelt und massiert werden. „Sehe ich erbärmlich aus?“, fragt sie in der Netflix-Doku. „Es ist mir so peinlich und ich weiß nicht einmal, wie sich eine Geburt anfühlen wird.“ Seit fünf Jahren ist sie schmerzgeplagt und kommt nur durch Medikamente und Behandlungen durch den Tag: „Nur wenn ich das Adrenalin meiner Musik und meiner Fans spüre, kann ich alles geben.“ In virtuoser Weise demontiert Lady Gaga ihren eigenen Mythos. Und am Ende dieses intimen Einblicks in ihr Leben denkt sich der Zuseher unweigerlich: „Tauschen möchte ich nicht mit ihr.“

„Man muss sich selbst zurücklassen“, sagt Lady Gaga über ihre Karriere. „Ich bringe meine Vergangenheit mit, aber ich kann nicht zurück.“ Normal war im Leben der 32-Jährigen bisher wenig. Und das, obwohl ihre Anfänge sehr geordnet waren: geboren in Manhattan, aufgewachsen an der Upper West Side, unterrichtet an einer katholischen Privatschule. Dass ihr die Musik angeboren war, weiß sie schon früh. Die entsprechende Kunstschule an der New York University bricht sie aber ab. Germanotta ist keine, die Zeit vergeudet. Sie muss raus in die Welt und singen.

Hoffnungsträgerin. Vor genau zehn Jahren dann ihr großer Durchbruch: Das Album „The Fame“ kommt auf den Markt. Titel wie „Just Dance“, „Pokerface“ oder „Paparazzi“ schlagen ein wie eine Bombe und katapultieren sie weltweit an die Spitze der Charts. Und das, obwohl ihr Debüt in eine Zeit fiel, die voller neuer weiblicher Shootingstars war: Rihanna, Katy Perry, Adele. Trotz dieser Schar neuer Interpreten am Markt schaffte es Lady Gaga, einen ganz neuen Ton anzuschlagen: Sie stellte sicher, dass man sein kann, was immer man will. Sie trug das „Anders-Sein“ als Lebenseinstellung: „Ich möchte genau das Gegenteil von dem tun, was alle erwarten.“

Und sprach damit nicht nur Mädchen und Frauen aus der Seele. Die Gay Community liebte ihre schrillen Kostüme, die Männer ihren Sex-Appeal. „Born This Way“ wurde zum Mantra einer Bewegung: Wir sind alle perfekt, so wie wir sind. Neu war dieses Statement nicht, selten aber hämmerte jemand die Botschaft so authentisch und charmant in die Köpfe seiner Fans wie Lady Gaga. Sie hatte zwar unbestritten Talent, eine klassische Schönheit war sie aber nie. Dass sie es trotzdem auf mehr Cover schaffte als die meisten ihrer Sangeskolleginnen, verdankt sie ihrem Talent und ihrer Eigenwilligkeit.

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Freak of Nature. Ihre Attitüde lautet in den ersten Jahren noch: Mehr ist mehr. Sie trägt schrille Perücken, futuristische Sonnenbrillen, Netzteile oder sogar ein Fleischkleid zu den MTV Music Awards: „Wenn mich die Produzenten sexy wollten, verkehrte ich es immer ins Absurde, um das Gefühl zu haben, dass ich die Kontrolle behielt.“ Durchgeknallt sein war eine Marke, „gaga“ sein eben.

Nichts an ihrem Äußeren ließ den Rückschluss zu, dass hinter der Fassade der Kunstfigur Lady Gaga eine sensible, verletzliche Frau steckt, voll Natürlichkeit und Bodenhaftung. Auf der Bühne wirkte sie unnahbar, exzentrisch, wenn auch nie spöttisch: „Es ist toll, berühmt zu sein,“ sagte sie damals, um offen hinzuzufügen: „Aber es ist nicht einfach rauszugehen und so zu tun, als sei man glücklich, obwohl man es gerade nicht ist. Ich bin auch ein menschliches Wesen, das zerbrechen kann.“

Permanente Neuerfindung. Gaga ist kein echter Junkie, aber auch nicht clean. Sie ist eine Botschafterin für die Jugend, dabei ist sie selbst kein Kind von Traurigkeit: Lady Gaga vereinigt eine ambivalente Mischung, die im Fake-Wahnsinn der Industrie als ehrlich und echt angesehen wird. Nach drei Studioalben schien das Motiv „Pop-Alien“ jedoch langsam abgetragen und redundant.

Sie beschloss sich zu verändern, auf das Wesen und das Wesentliche zu reduzieren, so zu sein, wie sie tatsächlich ist: dunkle Jeans, T-Shirt, dezente Schminke. Was zuvor als undenkbar galt, wurde nun zur Neuerfindung für ihr Album „Joanne“. Mit Jazzlegende Tony Bennett veröffentlicht sie schon zuvor ein überraschendes Album, das so gar nicht nach Gaga klang: „Ich bin viel mehr old-school, als die meisten mir zutrauen“, meinte sie in einem Interview. „Viele Leute sehen mich nur als exzentrisch und übersehen dabei die Künstlerin.“ Viele übersehen auch den Menschen.

Als Lady Gaga entdeckt wurde, wollte sie ihre Plattenfirma zunächst auf das Fließband der Kommerzialisierung stellen. Das ließ sie nicht zu. Sie wollte Entertainment, Kunstprojekt und ernst zu nehmende Interpretin in einem sein. Das „Gesamtkunstwerk Gaga“ gelang.

Zweite Leidenschaft. Und dann das: Bradley Cooper bietet ihr eine Rolle für das Revival des Filmklassikers „A Star Is Born“ an. Ausgerechnet Barbra Streisand verkörperte die Rolle in der letzten Verfilmung. Ein Himmelfahrtskommando. Schon mehr oder minder begabte Sängerinnen haben sich in den letzten Jahrzehnten vor der Filmkamera versucht: Madonna, Björk, Christina Aguilera, Jennifer Lopez. Einige davon sind fulminant gescheitert. „A Star Is Born“ ist die Geschichte eines Musiktalents, das sich als Kellnerin durchs Leben schlägt, bis es von einem Country-Star entdeckt und auf die große Bühne gebracht wird. In gewisser Weise findet man hier einige Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Bradley Cooper gab Lady Gaga die Chance sich zu beweisen.

Was Lady Gaga anpackt, macht sie ganz oder gar nicht. Sie lässt sich am Lee Strasberg Institute ausbilden, studiert Method Acting nach der Methode von Lee Strasberg, der schon Marilyn Monroes Lehrer war. 2015 bekommt sie ihre erste Rolle in der Mini-Serie „American Horror Story“ – und überrascht alle. Ihr TV-Debüt ist erstklassig. Anfang Februar 2016 erhält sie dafür den Golden Globe, den wichtigsten Film- und Fernsehpreis Amerikas. Eine neue Statuette, die sie neben ihre sechs Grammys stellen kann.