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Leon Löwentraut: Gesprengte Ketten

Kein anderer bildender Künstler polarisiert derzeit so stark den Kunstmarkt wie der erst 23-jährige Leon Löwentraut. Er erscheint zu Vernissagen mit Entourage wie ein Popstar, hat über 220.000 Follower auf Instagram und verlangt für seine Werke bis zu 100.000 Euro. Von Fans im Wiener Bank Austria Kunstforum bis zum Bayerischen Nationalmuseum in München euphorisch gefeiert, gehen viele Kuratoren, Kunstkritiker und Galeristen auf Distanz. Was er macht, sei „keine Kunst“, son-dern reine Inszenierung. Erleben wir gerade ein völlig neues Phänomen, das den Kunstmarkt radikal verändern kann? OOOM traf das Ausnahmetalent in München zum Gespräch über seine harte Kindheit, den Hype der Medien, die Ablehnung des Kunstmarkts – und warum sein Glaube ihm auf seinem Weg hilft.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Fotos: Josef Fischnaller für ooom

Sie sind erst 23 Jahre alt, haben Einzelausstellungen vom Bank Austria Kunst­forum in Wien bis zum ­Bayerischen Nationalmuseum in München hinter sich und für Ihre Gemälde werden 30.000 bis 100.000 Euro aufgerufen. Viele Protagonisten des Kunstmarkts – Galeristen ebenso wie Kuratoren – scheinen fassungslos zu sein, dass hier ein junger Künstler plötzlich die Gesetze des Marktes sprengt. Polarisieren Sie gerne?

Es gibt verschiedene Ansichten über das, was ich mache: Einerseits sind da die Menschen, die sich ihre eigene Meinung bilden. Dann gibt’s den Kunstmarkt und dann gibt es mich als Künstler. Ich bin immer mit der Devise an die Sache gegangen, dass ich einfach authentisch bleiben möchte. Ich möchte den Weg gehen, den ich für richtig halte, auf dem ich mich selbst verwirklichen kann und der neu ist. Ich will Kunst in ein ganz anderes Licht rücken, sie zugänglicher machen für die Leute da draußen, vertrauter machen, gerade für junge Menschen, die mit Kunst bis dato vielleicht nicht viel anfangen konnten.

Das heißt weg von Kunst nur für Eliten, die sich teure Werke leisten können. Kunst ist nicht nur für einen elitären Kreis gedacht, sondern für alle Menschen! Wenn Sie auf meine Ausstellungen kommen, erleben Sie, dass Kunst so viel mehr ist, als irgendwie gelangweilt durchs Museum zu gehen, sondern dass man aus Kunst Emotionen schöpfen kann, wo dann ein Austausch stattfindet. Kunst darf nicht gewöhnlich sein, Kunst darf nicht perfekt sein, Kunst muss anecken, Kunst muss zur Diskussion anregen. Es wäre auch langweilig am Ende des Tages, wenn alle das toll finden, was ich mache. 

Sie haben mit sieben Jahren begonnen zu malen.
Ich habe damals in meinem Kinderzimmer gesessen und habe angefangen zu malen, weil es mich erfüllt hat. Ich habe lange meiner Mutter zugeschaut, die in Ihrer Freizeit gerne malte, das war für mich wie eine Art Hypnose. Ich bin wie in Trance verfallen, nur in meine eigenen Gedanken, in meine eigene Welt.

Ich will Kunst in ein ganz anderes Licht rücken, sie zugänglicher machen für die Leute da draußen. Es wäre langweilig, wenn alle toll fänden, was ich mache.  

Ihre Familie hat in Düsseldorf gewohnt. Viele Kritiker glaubten ursprünglich, da lässt sich ein verwöhnter Junge aus reichem Haus von seinen übereifrigen Eltern den Kunstspleen finanzieren. Doch das war bei Ihnen ganz anders. Wir haben in der Nähe von Düsseldorf gewohnt und es war so, als ich 15 Jahre alt war, dass wir familiär auch Mal eine nicht so schöne Zeit erlebt haben. Es gab finanzielle Probleme – mit dem damaligen Arbeitgeber meines Vaters.

Was hat Ihr Vater damals gemacht?
Er war als selbstständiger Geschäftsmann im Schuh­business tätig. Deshalb habe ich ihn gefragt, als sich der erste Erfolg bei mir einstellte, ob er nicht für mich und meine Kunst tätig sein kann. 

Das heißt, Ihre Familie stand damals finanziell am Abgrund.
Ja, leider, aber nicht nur das. Meine Eltern hatten sich für eine kurze Zeit getrennt, sie kamen glücklicherweise aber wieder zusammen. 

Haben Sie bei Ihrem Vater oder Ihrer Mutter gelebt?
Bei beiden. Ich habe mich da rausgehalten und gesagt: Ihr seid alt genug, um zu wissen, was ihr da macht. Ich werde meinen Weg sowieso gehen. Wenn ihr meint, euch trennen zu müssen, dann macht das. Aber ich werde keine Partei für irgendwen ergreifen.  

War das Malen auch eine Möglichkeit, diese Angst, diese Verzweiflung auszudrücken, die man als Kind haben muss, wenn sich die Eltern trennen?
Wir hatten damals auch unser Haus verloren, in dem ich aufgewachsen bin. Dann haben sich meine Eltern getrennt, gleichzeitig sind noch sehr enge Verwandte gestorben, das war alles nicht so einfach. Ich war auch nicht der beste Schüler. Dazu kam noch der Druck, für Klausuren zu lernen, Hausaufgaben zu machen, in denen ich damals einfach keinen Sinn sah. Das Malen war für mich schon immer Passion, besonders in schwierigen Situationen, weil es mich zur Ruhe kommen lässt. Und kurz bevor ich vor dem Abitur stand, habe ich gesagt: „Ich mache das Abitur nicht, ich will Künstler werden.“ 

Leo Löwentraut. Gesprengte Ketten

Leo Löwentraut. Gesprengte Ketten

Ihre Eltern haben das damals einfach akzeptiert?
Ja, die haben das akzeptiert. Sie haben gesehen, dass es schon irgendwie läuft. Das hat gut angefangen mit der Kunst, war damals aber noch lange nicht so wie heute, sondern es war ein großes Risiko, das wir eingegangen sind. Da gehört auch Mut dazu zu sagen: Ich mache das Abitur nicht. 

Aber Sie waren sich sicher, dass es die richtige Entscheidung ist?
Bei allen Entscheidungen, die ich getroffen habe, war ich mir da zu 150 Prozent sicher. Gäbe es kein Risiko, hätte ich keine Herausforderung, dann hätte ich auch nicht mit Herzblut dafür gekämpft, dass es klappt. Ich wollte es ja beweisen, ich wollte einen neuen Weg gehen. 

Sie sind mit 17 Jahren mit Ihren Eltern in einem Camper nach London gefahren, um in Notting Hill Ihre ersten Bilder auszustellen. Ja. Das war meine allererste internationale Ausstellung. Ich war damals der jüngste Künstler in London mit einer Solo-Ausstellung! Der Stil war schon klar, und der musste halt gefestigt und weiterentwickelt werden. Deshalb sage ich auch öfters, dass ich gar nicht selber die Bilder male, sondern mein Unterbewusstsein, weil ich gerade auch durch diese experimentellen Zeiten jetzt in der Corona-Krise nur im Atelier bin. Ich experimentiere viel.

Finanziell sind wir damals sehr schlecht dagestanden, wir hatten unser Haus verloren, meine Eltern haben sich kurzzeitig getrennt. Ich war auch nicht der beste Schüler. Doch dann hab ich das Malen entdeckt. 

19. November 2021