Top Stories

Leon Löwentraut: Gesprengte Ketten

Kein anderer bildender Künstler polarisiert derzeit so stark den Kunstmarkt wie der erst 23-jährige Leon Löwentraut. Er erscheint zu Vernissagen mit Entourage wie ein Popstar, hat über 220.000 Follower auf Instagram und verlangt für seine Werke bis zu 100.000 Euro. Von Fans im Wiener Bank Austria Kunstforum bis zum Bayerischen Nationalmuseum in München euphorisch gefeiert, gehen viele Kuratoren, Kunstkritiker und Galeristen auf Distanz. Was er macht, sei „keine Kunst“, son-dern reine Inszenierung. Erleben wir gerade ein völlig neues Phänomen, das den Kunstmarkt radikal verändern kann? OOOM traf das Ausnahmetalent in München zum Gespräch über seine harte Kindheit, den Hype der Medien, die Ablehnung des Kunstmarkts – und warum sein Glaube ihm auf seinem Weg hilft.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Maler Leon Löwentraut zeigt am 18.09.2021 neue Arbeiten auf der Nite de l’Art in der Gerhardt Braun Gallery in Palma de Mallorca.

Wann haben Sie das erste Bild verkauft?
Da war ich in der fünften Klasse und 10 Jahre alt. Ich habe dafür 150 Euro bekommen, das war für mich damals ein Riesenvermögen. Ich dachte: Mir gehört die Welt! 

Wer war der Käufer dieses ersten Bildes?
Das war ein Inhaber einer Pizzeria bei uns im Dorf. 

Wann hat der Hype eingesetzt?
Der Hype hat Anfang 2015 angefangen mit Stefan Raab, bei dem ich zu Gast war, und dem „Spiegel“, der über mich berichtet hat, und dann ging‘s weiter mit 18 Jahren, als auch die ersten größeren Sachen im Ausland passiert sind. In Singapur, Basel und New York, wo ich mit 18 Jahren meine Einzel-Ausstellung hatte.

Wie kommt man als No-Name aus Düsseldorf zu einer Ausstellung in New York?
NTV hat über mich berichtet, und über NTV ist 2015 jemand an uns herangetreten, der in der Schweiz wohnte – heute lebt er in Monaco – und ein Bild von mir kaufen wollte. Doch es gab schon damals eine Warteliste. Mein Vater sagte zu ihm: „Wenn Sie uns etwas Gutes tun, dann können wir ja mal drüber reden, dass Sie es früher bekommen.“ Er sagte: „Ich hab gelesen, Leon würde gerne in New York ausstellen, wo ich Kontakte ohne Ende habe. Da können wir auf jeden Fall was machen.“ Dann hat er uns eine Liste zusammengestellt mit Terminen, die wir abarbeiten sollten, wir sind nach New York geflogen, waren dann bei all den Leuten, die er uns vermittelte, und saßen letztendlich bei Asher Edelman.

Dem bekannten Kunstsammler und Investor.
Genau. Er war auch der Beeindruckendste von allen.  Asher war das Vorbild für Gordon Gekko in Oliver Stones Film „Wall Street“ mit Michael Douglas und die Inspiration dafür, dass Gekko auch im Film Kunst sammelt. Dem fiktiven Charakter Gekko liegen ja vier reale Charaktere zugrunde. Asher hat schon immer Kunst gesammelt und es war so beeindruckend, als ich zu ihm kam. In seinem privaten Haus hängt ein Tizian direkt über dem Kamin, ein Edvard Munch in der Ecke, dann hat er ein drei mal drei Meter großes Original von Keith Haring im Wohnzimmer hängen, einen Basquiat, einen Warhol.

Dann saßen wir bei Asher Edelman in New York, Vorbild für Gordon Gekko im Film Wall Street. Wenn man als kleiner Junge da hinkommt, fragt man sich: Was geht denn hier gerade ab?

Was hat er Ihnen gesagt?
Du musst dich entscheiden: Entweder du machst die Schule zu Ende und studierst, dann hast du ein sicheres Standbein. Oder du gehst jetzt deinen Weg, hast ein größeres Risiko, aber ich sag dir: Wenn du es damit schaffst – und ich kann dir nicht einmal sicher sagen, ob du es schaffen wirst – aber wenn du es schaffen solltest, dann hast du am Kunstmarkt die größte Anerkennung, die du dir nur vorstellen kannst. Da habe ich gesagt: Ich werde den zweiten Weg gehen, das war für mich schon von vornherein klar. Und ich würde mich sehr freuen, wenn du mich auf diesem Weg unterstützt. 

Was hat Asher Edelman für Sie getan?
Wir haben in zwei Jahren zwei Ausstellungen gemacht, die riesengroß promotet wurden und sehr viele Menschen auch durch Medien in New York erreicht haben. Der Sprung war rasant: Danach ging es mit anderen Partnern und Galeristen weiter: Singapur, Hamburg und Basel, wo dann auch erstmals die Galeristen auf mich aufmerksam wurden. Schließlich Berlin, Düsseldorf und dann Projekte mit meinem deutschen Galeristen für die UNESCO, Paris und das Osthaus Museum Hagen, das Puschkin Museum in St. Petersburg, der Palazzo Medici Riccardi in Florenz, es ging Schlag auf Schlag. Das war alles andere als eine Selbstverständlichkeit, was da abgegangen ist.

Alles, worauf Leute keine Antworten haben, macht mich nervös. Das geht vielen im Kunstmarkt mit mir so. So etwas wie mich hat es noch nie gegeben. 

Machen Sie Kunst für ein jüngeres Publikum attraktiv?
Ich mache Kunst auch für jüngeres Publikum zugänglich. Ich sage nicht: Ich will einer von den ganz Großen sein. Aber ich gebe mir Mühe. Natürlich bin ich dankbar, dass ich diese Luft von den Großen jetzt irgendwie schon einmal einatmen kann. 

Kann man die Bilder, die in Wien, Venedig und München hingen, kaufen?
Das sind reine Ausstellungsstücke. Erst nach den Ausstellungen stehen sie zum Verkauf. Die letzte Station, vier sind es insgesamt, ist die Ecole du Louvre in Paris. „Leonismo“ ist eine Wanderausstellung.

Ist das Ihre Marketingstrategie: Ich zeige Löwentraut in Museen, erzeuge einen Hype, steigere den Marktwert, verbreite im Markt, es gibt eine Warteliste und mehr Nachfrage als Bilder?
Ich habe bei dieser Ausstellungsgeschichte nicht an eine Strategie gedacht, mir ging‘s letztendlich wirklich nur darum, meine neuen Werke in internationalen Museen zu zeigen, die ich während Corona gemalt habe. Das Interesse ist sowieso groß, man darf sich darauf nicht ausruhen. Ich weiß nicht, wie es in ein paar Jahren aussieht und man muss auch immer fokussiert und ganz konsequent bei der Sache sein, um die ganz großen Ziele dann letztendlich zu verfolgen und zu erreichen. 

Sie treten immer wie ein Popstar auf, mit Entourage, Videoteam, Fotograf, Beratern.
Das ist schon richtig, da ist ein Filmteam dabei, ein Fotograf, der Manager und mein Pressemann, ohne die man das gar nicht alles bewerkstelligen könnte. Das ist wie bei einer Konzerttour von Künstlern, die von einem Konzert zum nächsten reisen, so ist das mit der Ausstellung auch. 

Aber der Boss sind Sie?
Ich sehe mich nicht als Boss. Aber es sind ja letztendlich meine Bilder, die dargestellt werden, und mein Name, der darauf steht. Aber nur gemeinsam ist man stark, das hört sich jetzt kitschig an, aber das ist halt die Wahrheit.

Halten Sie den Kunstmarkt für verstaubt?
Ich glaube, er könnte ein bisschen frischen Wind
gebrauchen.

Für Medien von „Bild“ bis RTL sind Sie ein Kunststar, selbst bekannt kritische Publikationen wie „Die Zeit“ zeigen Respekt vor Ihrem Erfolg. Jedoch der Kunstmarkt – Kuratoren, Galeristen, auch manche Museumsdirektoren – sieht Sie und Ihr Werk kritisch oder belächelt Sie sogar.
Wie kommen Sie darauf, dass der Kunstmarkt mich ablehnt? Ich stelle in Museen, Galerien und Institutionen weltweit aus und bin erst 23. Alles, worauf Leute keine Antworten haben, macht sie nervös. Das geht einigen im Kunstmarkt mit mir so, weil sie diese Seite der Kunst nicht kennen. Ich glaube einfach, dadurch, dass es so was wie mich noch nie gegeben hat im klassischen Kunstmarkt, fühlen sich diese Leute ein bisschen verunsichert. Ich bewege mich nicht auf den klassischen Wegen des Kunstmarkts, und trotzdem funktioniert es. Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was Kunst ist und was nicht. Wer bestimmt denn letztendlich da draußen, was Kunst ist? Wer hat denn wirklich das Recht dazu? Wenn ich hier auf den Boden spucke und sage: Das ist Kunst, ja dann ist das für mich Kunst. Für zehn andere vielleicht nicht.

Wollen Sie damit andeuten, Sie sehen sich gedanklich bei Marcel Duchamp, der mit Readymades den gängigen Kunstbegriff in Frage stellte und auch ein Urinal zur Kunst erklärte?
Richtig. Oder Beuys. Das war auch genau darauf angespielt. Das sind jetzt extreme Beispiele, dann gibt es Künstler, die ein Jahr lang ganz naturalistisch ein Porträt malen, wo ich dann auch sage: Da steckt so viel Arbeit dahinter, das ist auch Kunst, was aber für andere Leute wiederum keine Kunst sein mag. Das ist einfach so.

Wenn ich Ihren Gedanken weiterspinne: Bestimmt dann letztendlich der Käufer, der bereit ist, für ein Werk Geld zu zahlen, was Kunst ist?
Jeder bestimmt das für sich selbst, weil das, was ich als Kunst empfinde, kann ja für jemand anderen keine Kunst sein. Jeder entscheidet mit seinem eigenen Empfinden, was er gut findet und was nicht. Und ich finde, dass sich der Künstler mit seiner Kunst mitteilen sollte. Das mache ich mit meinem eigenen Stil auch. Ich erzähle meine Geschichten.

Sie haben gesagt, dass Sie die Radikalität von Künstlern wie Basquiat oder Hermann Nitsch sehr bewundern. Wo ist das Radikale in Ihrer Kunst?
Einmal ist es die radikale Meinung, die ich auch gegenüber dem Kunstmarkt habe. Ich kritisiere nicht den Kunstmarkt, ich habe nur eine eigene Vorstellung davon. Das führt bei Leuten dann zu einer Diskussion. 
Wenn Leute anfangen mich zu kritisieren und nicht zulassen, dass ich ich selbst bleiben kann, dann äußere ich mich auch dazu. Den anderen Punkt in der Radikalität würde ich als den wichtigeren bezeichnen. Das ist mein Umgang mit der Kunst im Atelier.

Wenn ich jetzt ins Atelier gehe und alles rausschmeiße, dann ist das für mich auch eine Art von Radikalität und eine Art von Sprache, die ich einfach rauslasse. Ich kann nicht anders als einfach ins Atelier zu gehen und mich selbst zu verwirklichen. Dann rede ich auch tagelang mit niemandem. 

Haben Sie fixe Sammler?
Ja, aber es bekommt jeder nur ein einziges Bild bei einer Ausstellung, weil wir einfach sonst den Leuten, die noch kein Bild von mir haben, nicht gerecht werden können. Ich mache auch keine Auftragsarbeiten. Ich arbeite nur dann, wenn ich Lust habe oder die Muße verspüre, malen zu wollen. Auch nur dann werden die Bilder gut. 

Wie viele Bilder malen Sie pro Jahr?
Im etwas höheren zweistelligen Bereich. In der Corona­krise war ich die ganze Zeit im Atelier, da waren es ein paar Bilder mehr. 

Sie haben 221.000 Follower auf Instagram. Viele junge Menschen erleben durch Sie erstmals den Zugang zu bildender Kunst.
Mir ist es ganz, ganz wichtig, dass ich immer als Künstler gesehen werde. Ich bin Künstler und dabei bleibe ich auch. Wie ich mich nach außen darstelle, das ist auch ein Teil von Inszenierung, so wie Shows eine Inszenierung sind. Aber ich nenne es lieber Performance-Kunst, die eigentlich ein Teil der Kunstausstellung ist. Das haben schon viele gemacht, Dalí zum Beispiel mit seinem Bart und mit seinen verrückten Fotos, auch Picasso.

19. November 2021