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Influencerin und Avatar Lil Miquela: I Am Robot

1,8 Millionen Follower auf Instagram, Markenkooperationen mit Prada und Calvin Klein, mehrere Millionen Klicks auf ihre YouTube-Videos. Lil Miquela ist 19 Jahre alt und hat es in der Welt der neuen Einflussreichen geschafft. Einziger Haken: Sie ist nicht real. Miquela ist ein Avatar, erschaffen von einer kalifornischen Medienfirma. Letztes Jahr wurde sie von der „Times“ unter die 25 einflussreichsten Personen im Internet gewählt, die Firma im Hintergrund ist mittlerweile 125 Millionen Dollar wert. Wie schafft es ein virtuelles Wesen solche Wellen zu schlagen? OOOM begibt sich auf die Spurensuche eines Phänomens, das den Zeitgeist sozialer Medien und deren Marketingpolitik auf die Spitze treibt.

Claudia Huber20. Dezember 2019 No Comments
lil miquela i am robot

Generation „Gefällt mir“. Eine Studie stellte fest, dass 2018 über 5 Milliarden Dollar für Influencer-Marketing ausgegeben wurden, fast 40% aller Instagram-Konten werden von den neuen Einflussreichen, die gerne Geld durch alternatives Marketing verdienen möchten, betrieben. Die Konkurrenz ist also groß. Das neue Modell des Avatar-Influencers wirkt auf die Mehrheit frisch und spektakulär, obgleich es in der Praxis schablonenhaft auf die mittlerweile altbekannte Bloggerszene übertragen werden kann: Coole Markenkleidung tragen, hippe Restaurants besuchen und bei angesagten Partys auftauchen, alles wird bildlich festgehalten, mit den immergleichen Posen und immergleichen Filtern. Instagram und Co. haben es in dieser Hinsicht geschafft, die Jugend in eine Sinnkrise zu stürzen. Man will besonders sein, anders sein – und wird sich dabei doch wieder unglaublich ähnlich. Denn nur allzu oft wird der Selbstwert durch die Likes und Gefällt-mir-Angaben definiert. Der Satz: „Sei du selbst!“ wird mantrahaft in die Tastaturen geklopft, aber was ist es in Zeiten von Social Media noch wert? Lil Miquela hebt diesen Konflikt dabei nochmal eine Stufe höher. Wenn die Individualität in den neuen Medien im Mittelpunkt steht, was sagt es dann aus, wenn ein Avatar über eineinhalb Millionen Follower erhält?

Eine Studie stellte fest, dass 2018 über 5 Milliarden Dollar für Influencer-Marketing ausgegeben wurden.

Selbstreflexion. Ein Blick auf Miquelas Internetauftritt lässt das Anomale dahinter zunächst nur schwer erkennen. Ihre Mimik und ihre Gestik wirken lebensecht, ihre Nase zieren viele süße Sommersprossen, kleine zarte Haare lösen sich aus ihrer Frisur, die an eine moderne Variante der Prinzessin Leia aus „Star Wars“ erinnert. Regelmäßig lässt sie sich mit Promis auf Partys ablichten oder hängt mit berühmten Bloggern und Künstlern ab. Kann das wirklich alles Fake sein? Ja. Die perfekte Täuschung gelingt dank ausgereiftem CGI, 3D-Bildgebungen – und dem Streben nach Perfektion. Facetune, Faceswap und diverse Filter haben es heute schwierig gemacht, echte Menschen überhaupt noch als solche zu erkennen. Nicht nur, dass man sein Gesicht innerhalb von Sekunden mit dem eines anderen tauschen kann, alles was einem an sich selbst stört, kann mit nur ein paar Mausklicks retuschiert werden. Für einen computeranimierten Avatar, der nicht auffallen möchte, ein wahrer Glücksfall. Auch hier ergibt sich eine bizarre Ambivalenz. In diesem Fall nicht zwischen Individualität und einem Teil der Masse sein, sondern zwischen Natürlichkeit und Unkenntlichkeit. Lil Miquela indes verschweigt nicht, kein Mensch zu sein. Als sie auf einer Videoleinwand am Times Square abgebildet wurde, schreibt sie dazu als ironischer Kommentar auf Instagram: „Schaut euch meinen großen alten Roboterkopf an.“ Ihre Selbstbeschreibung in ihren YouTube-Videos macht sie gerne wie folgt: Musikerin, Taco-Liebhaberin, Weltverbesserin und, ach ja, Roboter. Was sie in weiterer Folge aber auch klarstellt: Nur weil sie ein Roboter ist, bedeutet das nicht, dass sie nicht echt ist. Es ist eben eine andere Ebene von Echtheit. Eine Echtheit, die perfekt in unser heutiges Weltbild passt. Heute kann man im privaten Leben ein schüchternes Mäuschen und auf YouTube ein verrückter Vamp sein. Wer sagt, dass das echter ist, als ein Mädchen, das alles so macht wie wir, aber eben nicht aus Fleisch und Blut besteht?

Du bist die Botschaft! Während wir seit Jahren von Talentshows im Privatfernsehen überflutet werden, hat das Zeitalter der neuen Medien daneben für eine ganz neue Star-Definition gesorgt, in der sich ein Roboter wie Miquela perfekt einfügen kann. Jeder kann heute vom eigenen Zuhause aus berühmt werden. Auf der Couch liegend kann man seine Videos filmen und hochstellen. Jeder Person wird Raum gegeben. „Traditionelles Talent“ wie Singen oder Schauspielerin ist nicht mehr notwendig, Ruhm kann man durch sich selbst erhalten, durch die eigene Person und das vermeintlich authentisch Dargestellte und Gesagte. Dass man sich für diese Art von Ruhm aber oft ganz schön verbiegen muss, ist ein unausgesprochenes Geheimnis. Dass man weiters Reichweite nicht mit echter Bindung gleichsetzen kann, ist darüber hinaus ein Prozess, den wir knapp 15 Jahre nach Auftauchen der sozialen Medien erst wieder lernen müssen. Lil Miquela kann das egal sein. Kein Shitstorm wird dem Instagram-Sternchen wirklich zur Last fallen. Es ist der Vorteil, den man besitzt, wenn man eine künstlich geschaffene Figur ist. Die Emotionen spielen keine Rolle.

20. Dezember 2019