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Influencerin und Avatar Lil Miquela: I Am Robot

1,8 Millionen Follower auf Instagram, Markenkooperationen mit Prada und Calvin Klein, mehrere Millionen Klicks auf ihre YouTube-Videos. Lil Miquela ist 19 Jahre alt und hat es in der Welt der neuen Einflussreichen geschafft. Einziger Haken: Sie ist nicht real. Miquela ist ein Avatar, erschaffen von einer kalifornischen Medienfirma. Letztes Jahr wurde sie von der „Times“ unter die 25 einflussreichsten Personen im Internet gewählt, die Firma im Hintergrund ist mittlerweile 125 Millionen Dollar wert. Wie schafft es ein virtuelles Wesen solche Wellen zu schlagen? OOOM begibt sich auf die Spurensuche eines Phänomens, das den Zeitgeist sozialer Medien und deren Marketingpolitik auf die Spitze treibt.

Claudia Huber20. Dezember 2019 No Comments
lil miquela i am robot

Fädenzieher. Lil Miquela ist der erste Avatar, der groß im Werbe-Business angekommen ist. Ihr Instagram-Account zeigt knapp 1,8 Millionen Follower, unter ihnen Prominente wie „Game of Thrones“-Star Sophie Turner oder der Musiker Diplo – und es sind deutlich genug, um als Influencerin mit Marken zusammenzuarbeiten, die ein gutes Einkommen garantieren. Wenn man sich als Influencer gut präsentiert, können mehrere 10.000 Dollar pro Werbedeal herausspringen. Kampagnen, die Lil Miquela mit Prada oder Calvin Klein gemacht hat, dürften weit darüber hinaus gehen. Doch wer bekommt hier eigentlich das ganze Geld? Hinter dem Meisterstück, das Lil Miquela in der Konsum- und Vermarktungswelt darstellt, steht eine kalifornische Firma namens Brud. Viel ist über den Betrieb nicht in Erfahrung zu bringen. Sich selbst bezeichnet Brud als Problemlöser für Robotik und Künstliche Intelligenz. Vielmehr scheint dahinter jedoch ein ausgereiftes Medienkonzept zu stecken, mit dem sich Millionen verdienen lassen. Wie viel mit Lil Miquela oder ihren beiden Freunden Blawko und Bermuda, die ebenfalls aus ihrer Feder stammen, bereits verdient wurde, verrät die Firma nicht. Der Marktwert des Unternehmens stieg im Jahr 2019 jedoch auf 125 Millionen Dollar. Brud verkauft ein neues Marketingkonzept, das zum einen durch den Überraschungseffekt des Künstlichen funktioniert. Medien werden vor allem dann über die neue Kampagne einer Marke berichten, wenn das Mädchen, das die neue Kleidung trägt, eigentlich nicht einmal einen echten Körper besitzt. Darüber hat ein Avatar, der wirklich gut in der Community ankommt, auch noch andere Vorteile. Hier gibt es keine sturen, eigensinnigen Persönlichkeiten, keine Allüren, die am Set für Probleme sorgen könnten.

Lil Miquela ist der erste Avatar, der groß im Werbe-Business angekommen ist. Und: Sie hat keine Allüren.

Am Puls der Zeit. Aktuell befinden sich soziale Plattformen, die Figuren wie Miquela bedingen, in einer ersten Umbruchphase. Facebook hat Probleme mit seiner Meinungsäußerungspolitik. Instagram überlegt, das Anzeigen der Like-Anzahl abzuschaffen. Hier würde ein immanenter Teil der neuen Werbestrategien den Bach runtergehen. Denn keine Resonanz bedeutet keine Reichweite – die Währung der neuen Medien. Das würde nicht nur eine Menge menschlicher Influencer betreffen, sondern auch computergenerierte Wesen, wie Lil Miquela. Sie leben zudem nicht nur davon, sondern auch von dem Vergnügen, das einem das Unbekannte bereitet. Hier im Zeitgeist liegt die große Ungewissheit für solche Avatare. Lil Miquela funktioniert als Repräsentantin der neuen Medien, die uns das Smartphone als ständigen Begleiter angewöhnt haben. Eine Zeit, in der jeder von uns berühmt werden kann, in der Werbung nicht mehr durch konventionelle Mittel funktioniert, in der die Technologie soweit fortgeschritten ist, dass Realität und Konstrukt durch Filter und Computergrafik ununterscheidbar werden und in der nicht-menschliche Intelligenz als Home Assistants oder Fortbewegungssysteme bereits in Anfängen Einzug in unser Leben gehalten haben. Wenn es wahr ist, dass das Neue mit der Zeit immer an Reiz verliert, haben Lil Miquela und Co. aber vielleicht eine kürzere Halbwertszeit, als wir uns jetzt gerade vorstellen können. Wenn bis dahin genug Geld eingenommen wurde, dürfte es den Machern dahinter allerdings egal sein. Man steigt dann auf den nächsten Zug auf. Und verräumt Lil Miquela in den virtuellen Papierkorb.

20. Dezember 2019