Inspiration

Linda Steinborn: Zehn Tage Schweigen

Es gibt Orden wie die Kartäuser, die das Schweigegelübde abgelegt haben. Aber wie ist es für einen Menschen, der sein ganz normales Leben hat und beschließt, zehn Tage lang nicht zu sprechen und den ganzen Tag über nur zu meditieren? OOOM-Mitarbeiterin Linda Steinborn begab sich zehn Tage lang auf einen Vipassana-Meditationskurs des Schweigens. Und schildert, was sie dabei alles erlebte.

Linda Steinborn14. Januar 2022 No Comments

Der Wecker reißt mich um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf. Mein Rücken und meine Knie schmerzen noch vom Vortag. „Warum tue ich mir das an?“, schießt mir als Erstes durch den Kopf. Meine Zimmermitbewohnerin und ich stehen, ohne auch nur einen Blick auszutauschen, auf und bereiten uns für die erste einstündige Meditation vor, die erste von insgesamt bis zu zehn Stunden Meditation an diesem Tag. Genauso wie an den beiden vergangenen und den sieben kommenden Tagen. Wir schreiben Tag 3 auf dem Weg zur inneren Einkehr. c„Vipassana“ bedeutet „Einsicht“ und ist eine der ältesten Meditationsformen der Welt. Vor über 2.500 Jahren wurde sie von Buddha Gotama wiederentdeckt, der durch sie die volle Erleuchtung erlangte. Bis heute wird die Technik als Kunst des Lebens und universelles Heilmittel in der Tradition des Theravada-Buddhismus gelehrt.

Warum laufen Menschen Marathons? Warum besteigen sie die gefährlichsten Berge oder laufen über glühende Kohlen? Vermutlich aus Neugier, zur Selbsterfahrung, um die eigenen Grenzen auszutesten oder aus dem Alltag auszubrechen. Bei mir war vor meinem ersten Vipassana-Kurs von allem etwas dabei. Ich hatte vorher schon täglich meditiert, aber meistens nur 15 Minuten am Morgen. Ich wollte erfahren, wie tief ich mit meiner Medi­tation gehen kann. Ein paar Tage vor dem Kurs wurde ich gefragt, ob ich denke, dass ich verändert zurückkomme. Ich habe verneint. Mit einer so tiefgehenden Erfahrung, die ich später erleben sollte, hatte ich nicht gerechnet.

Atemspüren. Ich gehe durch die kühle, sternenklare Nacht zur Dhammahalle, in der sich für diesen Kurs immer wieder Meditations-Studierende jeden Alters zusammenfinden. Dort versuche ich es mir auf meiner Unterlage und dem Kissen, in einer möglichst aufrechten Sitzhaltung mit gekreuzten Beinen, bequem zu machen und bringe meine Aufmerksamkeit zu meinem Atem. Genauer gesagt, konzentriere ich mich auf die Stelle, an der Ein- und Ausatmen unter der Nase eine kaum spürbare Berührung hinterlassen. Manche Kurs­teilnehmer spüren diesen Punkt sofort, andere brauchen ein paar Stunden oder Tage Übung. Dieses punktuelle Atemspüren beschreibt im Grunde schon in Gänze die Anapana-Meditation, die wir in den ersten fünf Tagen immer wieder praktizieren.

Das Prinzip ist sehr simpel, die Anwendung jedoch fast immer schwierig und anstrengend. Nach wenigen Sekunden sind meine Gedanken schon abgeschweift und ich muss sie aktiv zurückbringen. Es ist bereits ein Erfolg, wenn ich schnell merke, dass die Gedanken woanders sind.

Das Ziel ist, den Geist zu beruhigen und wieder und wieder zum selben Punkt zurückzukehren. Einmal, hundertmal, tausendmal. Das Ausrichten der Gedanken auf diesen einen Punkt ist für mich das Einzige, das während dieser ersten fünf Tage zählt. Damit dies leichter fällt, gibt es während des gesamten Kurses so wenig Ablenkung wie möglich. Wir sollen das wunderschön im Grünen gelegene, aber recht kleine Gelände nicht verlassen. Selbstverständlich sind Handys tabu und wir sollen keinen Sport machen, andere spirituelle Techniken unterlassen, nicht lesen oder schreiben, kein Parfüm, keinen Schmuck, kein Make-up benutzen, kein Fleisch essen und nicht mehr nach 12 Uhr mittags sprechen, keine Drogen – einschließlich Alkohol und Tabak – nehmen und keinerlei sexuelle Hand­lungen vollführen. Deswegen sind Frauen und Männer auch während des gesamten ­Kurses getrennt, wobei das nicht sehr auffällt, weil sowieso niemand spricht. Wir dürfen nur während der täglichen Checkings mit dem Lehrer sprechen und beantworten, wie es uns geht oder Fragen stellen. Wenn es einem zu viel wird, kann man auch bei den täglichen Arbeiten helfen, was gleichzeitig dazu beiträgt, im Zentrum eine friedvolle und harmonische Umgebung zu schaffen.

Edles Schweigen. Nicht zu sprechen fällt mir als Mensch, der Ruhe liebt, deutlich leichter als anderen. Der Verzicht auf Sport ist schwieriger, aber die ständige Konzentration auf nur einen Punkt ist unglaublich anstrengend. Teilweise musste ich sehr mit mir kämpfen, um durchzuhalten. Ich musste meine Ungeduld überwinden und gegen Müdigkeit, zu unmotiviertes oder viel zu motiviertes Meditieren, Anspannung, Gedankenkreisen über alle möglichen Lebensthemen, die während der Pausen hochkommen, aber auch Schmerzen vom langen Sitzen ankämpfen. Dabei ist der tägliche Stundenplan weder zu streng noch zu locker angelegt – ganz im Sinne des buddhistischen Mittelwegs. Dieses Prinzip zu integrieren war auch eine meiner wichtigsten Lektionen in den ersten Tagen: immer bemüht, aber entspannt zu üben und mild und liebevoll mit mir selbst zu sein.

Liebevolle Güte. Die besten Meditationen waren die, in denen ich ganz entspannt und ohne Erwartungen meditiert habe. Das Praktizieren von liebevoller Güte ist eine der wichtigsten Prinzipien im Buddhismus und beim Meditieren kann man sich bewusst werden, dass man diese als Erstes für sich selbst anwenden muss. Immer, wenn ich etwas krampfhaft erreichen wollte, egal welche Schmerzen ich beim Sitzen hatte, war es eine echte Qual für mich durchzuhalten und es fiel mich schwer, mich zu konzentrieren. Erst als ich angefangen habe Pausen zu machen, mich auch mal gegen die Wand zu lehnen, wenn die Rückenschmerzen zu schlimm wurden oder kurz rauszugehen, wenn ich mich selbst im aufrechten Sitzen nicht wachhalten konnte, wurde die Meditation besser. Wenn ich wirklich entspannt und konzentriert war, konnte ich die volle Stunde schmerzfrei und völlig bewegungslos sitzen. Wenn der Geist lange Zeit auf einen einzelnen Punkt gerichtet bleibt, merken wir nichts anderes mehr um uns herum und der Körper entspannt sich.

14. Januar 2022