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Majas Welt: Das Wunderwerk Biene und was es alles kann

Plastisch riechen, Landkarten anlegen, Körpersprache codieren und Milliarden Pflanzen bestäuben: Die Bienen gehören zu den faszinierendsten Tieren der Welt und erst langsam begreifen wir, welch phänomenale Leistungen sie erbringen. So speichern Bienen Informationen über die Lage der ergiebigsten Blumenwiese ab, obwohl ihr Gehirn lediglich einen Kubikmillimeter groß ist. Und sie können ganz bewusste Entscheidungen treffen und gesammelte Sinneseindrücke abrufen. Ein Blick in Majas unbekannte Welt hinter die Kulissen des Wunderwerks Biene.

Magdalena Renth8. Mai 2019 No Comments
bienen ooom magazine

Sie ist ein Wunderwerk der Natur und uns Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen: Die Biene, durchschnittlich nur 13 Millimeter lang und gerade mal 82 Milligramm schwer, hat auf ihrem monströs wirkenden Kopf zwei überdimensionale Facettenaugen platziert, die aus 10.000 Einzelaugen, auch Ommatidien genannt, bestehen. Sie kann damit blitzschnell Bewegungen erfassen und reagieren. Während wir 25 Bilder pro Sekunde bereits als Film sehen, können Bienen 300 Bilder pro Sekunde einzeln wahrnehmen. Vom HD-Sehen sind sie trotzdem weit entfernt, ihre Augen liefern ein grobes, gerastertes Bild, das eher gedruckten Zeitungsfotos ähnelt. Dafür besitzen sie noch drei Punktaugen, die Ocellen, mit denen sie hell/dunkel sehen und ihre Flugbahn zum Horizont stabilisieren können. Ihr Farbenspektrum ähnelt dem des Menschen, doch nehmen sie diese anders wahr als wir. Nur Rot sehen sie als Schwarz. Dafür können sie einen Teil des ultravioletten Lichts wahrnehmen. Ab einer Geschwindigkeit von 5 km/h sieht die Biene nur noch schwarz-weiß. Eine Blüte kann sie aus einem Meter Entfernung fast nicht erkennen, daher orientiert sie sich an dem Duft.

40.000 Reizempfänger. Die Biene kann Blütendüfte deutlich besser riechen als der Mensch. Das Besondere dabei: Sie kann sich auch danach orientieren. Auf ihren beiden auseinanderstehenden Fühlern besitzt sie jeweils rund 40.000 Reizempfänger. Die mit Porenplatten versehenen Antennen orten exakt Gerüche und erkennen, von welcher Seite sie kommen. Nach nur einem einzigen Anflug können sich Bienen Gerüche merken.

Plastisches Riechen. Ihre Multifunktions-Antennen sind gleichzeitig hochempfindliche Tastorgane. Tausende kleine Härchen auf den Fühlern vermitteln wichtige Informationen. Mit den daneben liegenden Porenöffnungen für Gerüche ergibt das ein für uns kaum vorstellbares plastisches Riechen. Mit den Antennen können Bienen auch Wärme und Kälte feststellen und den Feuchtigkeits- und Kohlendioxidgehalt der Luft messen. Das alles macht die Biene zu einem einzigartigen Geschöpf. Und zu einem extrem wichtigen.

Big Eco Player. Die Biene ist ein Big Player im Ökosystem und verantwortlich für die Bestäubung der meisten Blütenpflanzen. Die westliche Honigbiene (Apis mellifera) ist die einzige Vertreterin, die es auf unserem Kontinent gibt. Ihre Verwandten sind in Asien heimisch. Dazu kommen in Österreich noch Wildbienenarten, zu denen auch die Hummel gehört. Weltweit gibt es rund 20.000 verschiedene Bienenarten.

Die Honigbiene ist weit mehr als nur ein fliegender Honigproduzent. Genauer betrachtet, hat sie unglaubliche Fähigkeiten, die Biologen erst nach und nach erforschen.

Jedes Bienenvolk hat seinen eigenen Geruchscode, der den Wächterinnen verrät, wenn sich fremde Bienen dem Stock nähern. Die beiden kräftigen Kiefer sind zum Nagen, zum Zerkleinern der Pollen und zur Bearbeitung des Wachses vorgesehen. Im Bereich der Zunge besitzt die Biene einen fast 7 Millimeter langen Saugapparat, durch den sie Nektar, Honigtau und Wasser aufnehmen kann.

300 Bilder pro Sekunden können Bienen wahrnehmen.

Den Giftstachel findet man nur bei den Arbeitsbienen, bei den Königinnen ist er verkümmert. Durch Widerhaken lässt sich der Stachel nach dem Stich nicht einfach wieder herausziehen. Beim Abflug wird der gesamte Stachelapparat aus dem Körper herausgerissen und die Biene stirbt.

Volk mit 60.000 Bienen. Im einem Volk leben 40.000 bis 60.000 Bienen. Neben der Königin, die mit rund 18 Millimetern Länge und 300 Milligramm Gewicht deutlich größer als die Arbeiterinnen ist, kommen noch einige Hundert männliche Bienen, die sogenannten Drohnen, hinzu. Die Königin kann am Tag bis zu 2.000 Eier legen und entscheidet selbst, ob aus dem Ei ein Männchen oder ein Weibchen wird. Fügt sie dem Ei eine Samenzelle hinzu, wird daraus eine weibliche Biene, legt sie nur das Ei ab, dann entsteht eine Drohne.

Tot vom Himmel. Während ihres Hochzeitsfluges lässt sich die Königin von knapp 20 Drohnen begatten, die anschließend tot vom Himmel fallen. Die Königin nimmt während der Begattung so viele Samenzellen auf, dass es für ihr ganzes Leben – bis zu fünf Jahre – reicht und sie nie wieder den Stock verlassen muss. Die männliche Biene kann man durch ihre größeren Augen und den kräftigeren Körperbau von der Arbeitsbiene unterscheiden. Die Königin entsteht aus einem ganz normal befruchteten Ei, lediglich das Futter unterscheidet sich von dem der anderen Bienen. Sie wird mit einem besonderen Futtersaft, dem sogenannten „Gelee Royal“, gefüttert. Dadurch wird sie deutlich größer als eine normale Arbeiterin, lebt länger und besitzt die Fähigkeit, sich fortzupflanzen.

Geburtenkontrolle. Die Bienen besitzen sogar eine eigene Geburtenkontrolle. Legen Arbeiterinnen Eier, sterben diese zu über 80 Prozent von allein ab. Wenn nicht, werden sie von der Königin oder anderen Arbeiterinnen vernichtet. So wird das Fortpflanzungsmonopol der Königin aufrechterhalten. Wenn ein Volk stark genug ist, wird ein befruchtetes Ei zu einer neuen Königin herangezogen. Noch bevor diese geschlüpft ist, verlässt die alte Königin mit knapp 70 Prozent der Bienen das Volk. Sie suchen sich ein neues Zuhause und gründen einen Staat, bis die alte Königin durch eine neue ersetzt wird.

Der Todfeind der Bienen: Die Varroamilbe saugt sich an den Bienen fest und ernährt sich von ihrem Blut.

30.000 Imker. Abgesehen davon, dass die Bienen ein Wunderwerk der Natur sind, haben sie eine essenzielle Bedeutung bei der Bestäubung unserer Pflanzen. Von 100 Pflanzenarten, die 90 Prozent der menschlichen Ernährung ausmachen, werden 71 Arten von Bienen bestäubt. In Österreich sichern fast 30.000 Imker mit knapp über 350.000 Bienenvölkern die Bestäubung der Wild- und landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Es wird geschätzt, dass 75 Prozent der globalen Nutzpflanzen von Bestäubern abhängig sind. Der daraus resultierende ökonomische Wert wird weltweit auf 153 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.* Wild- und Honigbienen bestäuben oft unterschiedliche Pflanzen. Die Honigbiene hat dabei einen Flugradius von ca. 3 Kilometern, die Wildbienen legen Flugdistanzen zwischen 180 und 1.250 Metern zurück. „Beide Bienenarten tragen somit zusammen dazu bei, dass unsere Pflanzen bestäubt werden“, so Robert Brodschneider, Professor für Biologie an der Universität Graz. Er erforscht am Institut für Zoologie nicht nur den Stoffwechsel, die Physiologie und das Verhalten der Honigbiene, sondern koordiniert auch seit mehr als einem Jahrzehnt die Untersuchung der Winterverluste von Bienenvölkern, identifiziert Risikofaktoren und erforscht die Völkerdynamik. Diese Daten sammelt Brodschneider jährlich von knapp 1.500 Imkern und trägt sie für Auswertungen der interessierten Öffentlichkeit in eine Datenbank ein (www.bienenstand.at).

Leben und Sterben. Wie steht es also um den Bestand der Bienen? Was sich bei Brodschneiders Forschung klar erkennen lässt, ist, dass es enorme Schwankungen gibt, die sich noch keinem bestimmten Phänomen zuschreiben lassen. Warum in einem Jahr mehrere Völker und in einem anderen weniger sterben, ist nicht gänzlich geklärt. Mögliche Ursachen dafür können die Varroamilbe – der Todfeind Nummer 1 der Bienen –, eine Intensivierung der Landwirtschaft, äußere Umwelteinflüsse (inklusive Wetter), der Einsatz von Insektiziden und in manchen Fällen Fehler durch den Imker sein.

Die Todesmilbe. Die Varroa­milbe ist sicher ein immer größer werdendes Problem für die Honigbienen und letztendlich auch die Imker. Sie stammt ursprünglich aus Asien und kam erst Ende des 19. Jahrhunderts mit der westlichen Honigbiene in Berührung. Im Gegensatz zu ihren asiatischen Verwandten kann die Biene die Milbe nicht eigenständig bekämpfen. Diese saugt sich an der Biene fest und ernährt sich von ihrem Blut bzw. von der sogenannten Hämolymphe, der nährstoffhaltigen Körperflüssigkeit. Gerne schleicht sich die Varroamilbe in den Bienenstock, nistet sich in die Bienenbrut ein und legt ein Ei. Die geschlüpften Milben suchen sich neue Brutzellen und vermehren sich schlagartig weiter. In der kurzen Zeit zwischen Mai und Oktober können bis zu 700 Neutiere entstehen, die in einem milden Winter zur zerstörerischen Macht werden können.

8. Mai 2019