Inspiration

Berlinale 2019: Marie Kreutzer bringt das Unberechenbare auf die Leinwand

Sie ist eine der wichtigsten österreichischen Regisseurinnen der Jetztzeit: Mit Filmen wie „Die Vaterlosen“ oder „Was hat uns bloß so ruiniert?“ katapultierte sich Marie Kreutzer in die Topliga des österreichischen Films und arbeitet seither regelmäßig mit Bühnengrößen wie Johannes Krisch oder Pia Hierzegger. Auf der Berlinale traf OOOM die 42-jährige Grazerin zum Gespräch über ihr neuestes Werk „Der Boden unter den Füßen“.

Esther Sophia Artner20. Februar 2019 No Comments
Marie Kreutzer - Premiere von "Gruber geht" im Gartenbaukino in Wien

Darin wird eine konfliktreiche Beziehung zweier Schwestern thematisiert. Die eine, Lola, Workaholic in der Unternehmensberaterbranche, die andere, Conny, schizophrene Psychiatrie-Insassin. Was das Spannende an dem Konzept Familie ist, wie psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft behandelt werden und wie man als Filmemacherin die Zukunft plant, hat uns Kreutzer im Interview geschildert.

OOOM: Was hat Sie inspiriert, den Film zu schreiben?

Kreutzer: Da gab es mehrere Inspirationsquellen. Einerseits eine ganz weit zurückliegende: Meine Tante war schizophren. Da hatte ich einige Erlebnisse mit ihr, die im Film auch nacherzählt sind. Auf der anderen Seite hat meine Stiefschwester als Unternehmensberaterin gearbeitet. Und es war für mich immer fasziniert zu sehen, wie weit wir, trotz unseres ähnlichen Alters, von einander entfernt sind. Weil sie so etwas ganz anderes macht als ich. Des Weiteren hat mich das Dunkle interessiert, das in jedem von uns drinnen ist. Dieses Unberechenbare, Unkontrollierbare, das jeder als Anteil in sich trägt, aber nicht wahrhaben will. Und mehr auf der Oberflächenebene hat mich auch der Aspekt des Immer-funktionieren-müssens und Immer-schneller-werdens und Perfekt-sein-müssens interessiert. Dadurch ist es auch eine Geschichte unserer Zeit geworden.

OOOM: In dem Film meinen die Schwestern, sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Aber eigentlich sind sie beide in ihrer eigenen Art und Weise gefangen. Was macht das Besondere der Schwestern-Dynamik für Sie aus?

Kreutzer: Ich werde ständig gefragt, warum Familie in meinen Filmen so oft Thema ist. Das ist keine Absicht, aber es ist etwas, was mich in vielen Aspekten anspringt. Weil Familie etwas Unauflösliches ist. Und darum ging es mir: Diese Beziehung zwischen den Schwestern ist unauflöslich. Auch wenn man sich voneinander distanziert, kann man diese familiäre Bindung nicht aufheben. Dass man sich so nahesteht, auch wenn es einem nicht immer recht ist, macht etwas mit einem. Mich hat auch die Angst der Lola interessiert, ob es nicht auch mehr Ähnlichkeiten gibt, als ihr lieb sind.

OOOM: Glauben Sie, dass psychische Erkrankungen noch ein Tabuthema sind?

Kreutzer: Auf der einen Seite schon, weil wir alle Angst davor haben. Es ist etwas, was wir nicht ganz verstehen und uns zu einem gewissen Grad unberechenbar vorkommt. Ich glaube, dass es die Angst vor dem Kontrollverlust ist, die uns oftmals davor abschreckt, genauer hinzuschauen. Bzw. mit Menschen zu tun zu haben, die psychisch erkrankt sind. Es beängstigt viele von uns mehr als körperliche Erkrankungen. Andererseits wird schon viel mehr heute darüber gesprochen, über Burnout, über Depression, über Zivilisationserkrankungen.

OOOM: Es war spannend zu sehen, wie der Umgang mit psychisch Kranken in der Klinik funktioniert, wie das Gesundheitswesen aufgebaut ist. Das war ja auch das Thema der Berlinale: „Das Private ist politisch“. Als Kranke wird man oftmals nicht als ganzer Mensch gesehen oder ist nicht wirklich in der Gesellschaft aufgehoben. Es ist wenig Raum für alle Farben, die dazwischen sind.

Kreutzer: Die Institution Psychiatrie hat mich immer fasziniert, auch wenn es zeitgleich so ein Ort ist, vor dem man sich ein bisschen fürchtet. Als ich mich zum Beispiel für das Recherchegespräch mit einer Psychiaterin getroffen habe, wollte der Mann an der Rezeption automatisch meine E-Card sehen. Und dann habe ich mir kurz, total absurd, gedacht: „Nein, sicher nicht! Wenn meine Versicherung sieht, dass ich in einer Psychiatrie war, bin ich gebrandmarkt.“ Und wenn man dann dort im Spital aber so sitzt am Gang, und die Pfleger und die Patienten beobachtet, dann ist das einerseits wahnsinnig interessant, aber auch sehr extrem. Man sieht da so viele Situationen. Es ist ja auch nicht so, dass jeder zu 100 Prozent psychisch krank ist, jeder hat auch gesunde Anteile. Ich machte mir Sorgen bei einer Szene, in der ein Patient sich als Arzt ausgibt, ob das nicht sehr plakativ rüberkommt. Aber die Psychiaterin meinte, dass das sehr oft passiert, dass sich Patienten als jemand anderes ausgeben.

OOOM: Wie funktioniert Ihre Arbeit mit den Schauspielern? Ist alles fix vorgescriptet oder wird teilweise auch improvisiert?

Kreutzer: Es ist alles sehr genau vorgeschrieben, andererseits gibt es kein Storyboard bei mir. Wenn wir am Set sind machen wir Vorproben und Stellproben mit den Schauspielern. Und je nachdem wie sie sich dann im Raum bewegen, richten meine Kamerafrau und ich die Bilder aus. Improvisation war in diesem Film sehr schwer, weil die Dialoge in der Unternehmensberaterwelt so spezifisch sind. Die Schauspieler meinten auch, dass es wie eine Fremdsprache ist. Man kann da nicht improvisieren, da fehlt einem einfach das Wissen. Die einzige, bei der ich es ein bisschen gemacht habe, war bei der Pia Hierzegger, die die Conny spielt, weil ich die Valerie Pachner als Lola manchmal verunsichern wollte. Meistens arbeite ich mit den Schauspielern einzeln, und dann spielen sie zusammen und wissen nicht, was ich mit der jeweils anderen ausgemacht habe. Da war es auch wichtig, dass die Pia manchmal etwas sagt, was so nicht geplant war, und so die Valerie aus dem Konzept bringen kann.

OOOM: Was war für Sie ästhetisch entscheidend bei diesem Film?

Kreutzer: Für mich war wichtig, ihn analog zu drehen, also in 35 mm. Ich mag dieses Material sehr gerne. Es ist einfach organischer, unberechenbar auf eine gute Art, hat aber auch seine Grenzen. Also man kann danach nicht so viel bearbeiten, was mir aber auch lieber ist, weil ich meine Entscheidungen schon beim Dreh treffe. Ich arbeite fast immer mit derselben Kamerafrau, schon seit der Filmakademie. Wir einigen uns vorher schon auf die Atmosphäre des Films.

OOOM: Man sagt ja oft: Bei einem Pitch kreuzen sich zwei Filme.

Kreutzer: Ja, ich weiß was Sie meinen. Eine ganz frühe Inspiration war „Marnie“ von Hitchcock. Das ist mein Lieblingsfilm von ihm, obwohl er gar nicht so wahnsinnig gut war, aber ich finde die Hauptfigur so speziell. Die Frau, die sehr unzugänglich ist, aber mit der man trotzdem mitleidet – das war eine frühe Inspiration für mich. Das ist auch visuell immer wieder aufgetaucht. Es gibt zwei, drei Bilder in dem Film, die wirkliche „Marnie“-Kopien sind. Dass Valeries Charakter blond ist, daran ist auch „Marnie“ Schuld.

OOOM: Auch der leichte Horrorflair?

Kreutzer: Ja, Hitchcock hat diese Art von Atmosphäre als „uncanny“ beschrieben. Wenn man sich so leicht unwohl fühlt, aber noch gar nicht genau weiß, warum. Das finde ich bei ihm so toll. Es ist kein klassisches Gruselding bei ihm, wo man sich vor etwas Konkretem fürchtet, sondern man spürt einfach immer wieder, dass etwas nicht stimmt. An sich gibt es aber kein direktes Vorbild. Man will ja immer einen Film machen, den es so noch nicht gibt.

OOOM: Gibt es schon einen nächsten Film in Vorbereitung?

Kreutzer: Ich schreibe gerade an vier Sachen, was ein bisschen viel ist. Einen Fernsehkrimi, eine Komödie, ein Filmprojekt mit zwei Regie-Kolleginnen und dann gibt es noch einen historischen Stoff. Womit man als nächstes in eine Finanzierung gehen kann, das steht noch überhaupt nicht fest. Seitdem ich einen Fernsehfilm im WDR und ZDF gemachte habe, gibt es relativ viele Angebote. Aber bis jetzt war ich da sehr zurückhaltend, weil ich die Zeit brauche für meine eigenen Projekte. Aber als Selbstständige gibt es dann natürlich immer auch Phasen, wo man nicht weiß, wie es weitergeht. Man weiß ja in Österreich auch gerade gar nicht, wie es mit der Filmförderung weitergeht. Deswegen gibt es manchmal so Tage, wo ich mich frage: „Wieso hast du das eigentlich alles abgesagt? Du weißt ja gerade gar nicht, wann du wieder einen Film machen kannst!“ Das ist immer so ein Abwägen – die Sicherheit oder meine Vision. Bislang habe ich mich immer noch für meine Vision entschieden.

Transkription: Claudia Huber
Foto: Manfred Werner

20. Februar 2019