Arts & Design

Marina Abramovic: Im Namen der Liebe

Mitten in der Pandemie brachte Kunst-Weltstar Marina Abramovic ihr Opernprojekt „7 Deaths of Maria Callas“ an der Bayerischen Staatsoper zur Uraufführung. Im OOOM-Exklusivinterview schildert Abramovic die Parallelen zwischen Callas Leben und dem ihren, ihre Beschäftigung mit dem Tod, Lebenspartner Ulay, die Liebe, späten Ruhm – und warum die 736-stündige Schweigeperformance „The Artist is Present“ im Museum of Modern Art in New York ihr ganzes Leben veränderte.

GERALD MATT28. Mai 2021 No Comments

Mit Ihrem gefeierten Projekt „Leben und Tod der Maria Callas“, das in schwierigen Pandemie-Zeiten in der Bayerischen Staatsoper sein Debüt hatte, haben Sie sich einen langen künstlerischen Wunsch erfüllt. Die Opernaufführung wird im Juli dieses Jahres in München zu sehen sein. Was fasziniert Sie so sehr an Maria Callas Leben?
Als ich 14 Jahre alt war und in der Küche meiner Großmutter frühstückte, hörte ich eine Stimme, die aus einem alten Radio kam, das wir damals hatten. Ich erinnere mich, dass ich vom Stuhl aufstand, die Lautstärke aufdrehte und hemmungslos weinte. Das war das erste Mal, dass ich Maria Callas singen hörte. Seitdem wollte ich alles über ihr Leben und ihre Arbeit wissen.

Trotz aller Unterschiede: Indem Sie über sie sprachen, haben Sie auch über sich selbst gesprochen?
Ich sah viele Ähnlichkeiten zwischen Maria Callas und mir. Sie ist Schütze wie ich, hatte eine schwierige Mutter und glaubte so sehr an die Liebe, dass sie schließlich an einem gebrochenen Herzen starb. Letzteres ist mir auch passiert – aber ich habe überlebt.

Wie haben Sie sich auf dieses herausfordernde Projekt vorbereitet? Wie hat die Pandemie Ihr Leben und Ihre Arbeit beeinflusst?
Ich habe das Gefühl, dass ich mich mein ganzes Leben lang auf dieses Projekt vorbereitet habe. Ich hatte das Glück, noch mitten in der Pandemie dieses ambitionierte Projekt in München zu starten und vor 500 Menschen in der Bayerischen Staatsoper aufzuführen.

„Leben und Tod der Maria Callas“ dreht sich um elementare Fragen der menschlichen Existenz. Inwiefern ist das Opernprojekt eine Weiterführung Ihrer künstlerischen Arbeiten und Ideen?
Ich denke jeden Tag über den Tod nach. Ich denke über die Tatsache nach, dass wir mit einem Verfallsdatum auf diese Welt kommen. In dieser Oper präsentiere ich sieben verschiedene Arten, für die Liebe zu sterben.

Können Sie sich als Künstler, dessen Arbeit so ausdrucksstark und persönlich ist, vorstellen, dass dieses Stück oder auch andere Ihrer Werke ohne Sie aufgeführt werden können?
Natürlich kann ich mir das vorstellen. Tatsächlich geschieht es bereits. Eine meiner bahnbrechendsten Performances, „House with the Ocean View“, bei der es darum ging, 12 Tage lang im Raum ohne Nahrung vor den Augen des Publikums präsent zu sein, wurde bereits zweimal während meiner Retrospektive „The Cleaner“ wiederaufgeführt. Die Wiederaufführung einer solch starken Performance erzeugte viele Emotionen in mir und gab mir die Hoffnung, dass meine Arbeit für immer weiterleben kann, nachdem ich nicht mehr auf dieser Welt bin.

Wenn man auf Ihre frühen Arbeiten wie „Lips of Thomas“ von 1975 zurückblickt, eine sehr beeindruckende Arbeit, und auf eine Ihrer jüngsten Arbeiten wie zum Beispiel „512 Hours“ in der Londoner Serpentinen Gallery 2014: Was sind die zentralen elementaren Ideen, an denen Sie kontinuierlich gearbeitet haben, und was waren die wesentlichen Veränderungen oder Erweiterungen? Können Sie die wichtigsten Veränderungen in Ihrem Werk über Ihre lange Karriere hinweg ansprechen, einige Arbeiten, die eine Art Meilenstein für wechselnde Ideen, Themen und Interessen waren?
Am Anfang meiner Performativen-Praxis lag der Fokus meiner Arbeit auf dem physischen Körper. Ich war daran interessiert, meine körperlichen Grenzen auszuloten. Während meiner Zeit mit Ulay (Anm.: bedeutender Performancekünstler und bis in die 1980er-Jahre ihr Lebenspartner) arbeiteten wir an der Erforschung der Justaxposition zwischen männlicher und weiblicher Energie. In diesem Moment in meinem Leben hat sich mein Interesse dem Publikum als Objekt der Performance zugewandt, wie ich es 2014 während „512 Hours“ in der Serpentine Gallery in London tat.

Ich denke jeden Tag über den Tod nach. In dieser Oper präsentiere ich sieben Arten für die Liebe zu sterben.

28. Mai 2021