Arts & Design

M. Sperlich: Kleine Männchen mähen Schamhaarfelder

Auf seinen Bildern gleiten lollipop-rote Zungen ineinander, quillt Zuckerguss über dicke Speckfalten, demonstrieren Spielfiguren auf einer Brustwarze. Marius Sperlich, 28, steht für die neue Instagram-Generation deutscher Fotografen, die provozieren, polarisieren und sich über Konventionen hinwegsetzen – mit unverwechselbarem Stil, grenzenlosem Selbstbewusstsein und der nötigen Portion Sex. Zum 65. Jubiläum des US-Playboy schoss Sperlich das Cover: eine Demo auf einer zensierten weiblichen Brust.

Claudia Huber8. Mai 2019 No Comments
M. Sperlich: Kleine Männchen mähen Schamhaarfelder

Ein Po, aus dem eine Palme sprießt. Ein Burger, der aus Lippen quillt. Ein Donutberg, der sich erst auf den zweiten Blick als überdimensionaler Speckfaltenbauch mit rosa Streusel-Glasur offenbart. Ein meeresblauer Venushügel, auf dem sich Minifiguren sonnen. Und eine Brust, auf der statt einer Warze ein Temperaturregler klebt.

Instagram-Ikone. In einer an provokanten, polarisierenden Social-Media-Images durchaus nicht armen Zeit schafft Marius Sperlich, 28, aus Berlin immer wieder eines: aufzufallen. Der Berliner Fotokünstler, der sich gerne selbst mit bunten Haaren und
angemalten Fingernägeln inszeniert, steht für eine völlig neue Fotografen-Szene, die sämtliche verstaubten Konventionen hinter sich gelassen hat – und sich dadurch selbst zum ikonenhaften Spiegelbild der Instagram-Generation stilisiert. 358.000 Menschen folgen Sperlich auf dem Social Network, seine Ausstellungen in Miami, New York, Palm Springs und São Paulo wurden regelrecht gestürmt. Das Playboy-Cover machte ihn auch über die Instagram-Community hinaus berühmt.

Was in den letzten Monaten passiert ist, kann sich Sperlich selbst kaum erklären. Aufgewachsen im Hamburger Plattenbau, war für ihn eigentlich lange klar, dass er gar nicht in die Kunst gehen will. Jetzt steht er dort, wo viele andere hinwollen. Ganz ohne Nebenerscheinungen funktioniert es aber nicht: Viel Aufmerksamkeit ruft auch viel Kritik auf den Plan. Das soziale Netzwerk bringt neben dem Ruhm auch Realitätsverlust.

Ist Provokation für Sie der Schlüssel zur Kunstwelt?

Ich bin 28, möchte in der Kunstwelt Fuß fassen, habe aber überhaupt keine Lust, nach ihren Regeln zu spielen. Sehr viel Energie ging in den letzten Monaten in Ausstellungen, in die Platzierung am Kunstmarkt. Ich will aber trotzdem nicht meine Instagram-Persönlichkeit verlieren. Vor nicht mal zwei Jahren wurde mir von renommierten Leuten in der Szene gesagt, dass ich es niemals schaffen kann: „Du musst neu anfangen, du musst Instagram platt machen.“ Jetzt kommen dieselben Leute auf mich zu und sagen: „Respekt!“

Was haben Sie vorher gemacht?

Früher wollte ich nicht in die Kunst. Nach der Schule habe ich in einem Krankenhaus gearbeitet, in der Pathologie, dann als Schichtarbeiter in einem Lager. Später habe ich Kommunikationsdesign studiert und wollte unbedingt Werbung machen, aber das ist nicht meins.

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Der menschliche Körper wirkt bei Ihnen wie eine bespielbare Architektur, wo die Größen durcheinandergeworfen sind: Da sitzen kleine Figuren auf den Pobacken einer Frau, der Mund wird zum Waschbecken oder Fischteich.

So etwas zieht Menschen sofort an. Wenn du jemanden im Close-up siehst und das Gesicht nicht erkennst, dann projizierst du das unbewusst sofort auf dich. Das ist intime Anonymität. Diese Nähe hat etwas von Voyeurismus, was ja sehr menschlich ist. Du bist so nah an einer Brust, einem Schritt, einem Auge, einem Mund dran, als würdest du diese Person innig kennen. Aber sie ist trotzdem anonym. Die Hemmschwelle, das aus der Nähe anzusehen, ist sehr gering. Ein nacktes Model im Ganzen abzubilden wäre zu greifbar. Aber im Close-up wird der Körper in einen surrealen Kontext gebracht. Daher is es mir auch wichtig, sich mit seinem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Am Ende des Tages ist es ja nur ein Körper.

Sie zeigen volle Lippen, perfekt geformte Brüste. Ist diese Ästhetik bewusst gewählt?

Meine Ästhetik ist klar, plakativ, werblich, mit perfekten Körpern. Mein Fotografie-Stil hat sich immer mehr in diese Richtung entwickelt, denn ich glaube, wenn man heutzutage etwas erreichen will, muss man die Sprache der Generation sprechen.

Die visuelle Kommunikation beschränkt sich heutzutage auf Perfektion. Die Werbung schickt uns dorthin.

Die Leute werden durch sie zunächst von einem Bild angezogen. Sie bleiben stehen und betrachten es, weil es ihnen bekannt vorkommt, sehen den Körper dabei aber in einem anderen Kontext. Bei mir sehen sie das perfekte Bild, aber vielleicht steht dahinter eine krasse, negative Erkenntnis. Und das ist, wie Werbung funktioniert. Werbung besteht auch nur aus verschönerten Aussagen. Wenn ich die Bilder so mache, wie ich sie mache, bediene ich mich einer Stilistik, die eigentlich total generalüberholt werden sollte.

Ihnen wird Sexualisierung vorgeworfen …

Früher habe ich von Desexualisierung in Zusammenhang mit meinen Bildern gesprochen, aber davon bin ich wieder abgekommen. Es fußt zu sehr darauf, dass ich mich von der Sexualisierung abgrenzen möchte. Das ist falsch. Wenn Leute mir heute an den Kopf werfen, dass ich diese perfekten Münder und Frauenkörper nur hernehme, um Aufmerksamkeit zu bekommen, dann sage ich: Ja. Das ist das Bild in der Gesellschaft und ich bediene mich daran. Was ist daran verwerflich?

Marius Sperlich

Marius Sperlich

8. Mai 2019