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M. Sperlich: Kleine Männchen mähen Schamhaarfelder

Auf seinen Bildern gleiten lollipop-rote Zungen ineinander, quillt Zuckerguss über dicke Speckfalten, demonstrieren Spielfiguren auf einer Brustwarze. Marius Sperlich, 28, steht für die neue Instagram-Generation deutscher Fotografen, die provozieren, polarisieren und sich über Konventionen hinwegsetzen – mit unverwechselbarem Stil, grenzenlosem Selbstbewusstsein und der nötigen Portion Sex. Zum 65. Jubiläum des US-Playboy schoss Sperlich das Cover: eine Demo auf einer zensierten weiblichen Brust.

Claudia Huber8. Mai 2019 No Comments
M. Sperlich: Kleine Männchen mähen Schamhaarfelder

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Tun Sie sich als Mann schwer, Ihre Argumente vorzubringen?

Ich gerate öfter in Diskussionen, in denen mir manchmal Frauenverachtung vorgeworfen wird. Was soll ich sagen, wenn eine Frau auf mich zukommt und das so fühlt? Ich habe mich mit einer Bekannten, die bei Femen aktiv ist, so in die Haare gekriegt, dass ich gesagt habe: „Einfach nur, weil wir so streiten, müssen wir etwas miteinander machen. Etwas, das dir und mir was bringt.“ Und wir haben ein gemeinsames Projekt über Zensur gemacht.

Was wollen Sie mit einem Bild einfangen?

Am Anfang war es so, dass ich es einfach geil fand, Artwork mit Freunden für Instagram zu machen. Es ging nur darum, zusammen etwas zu tun. Meine ganze Kultur, die ich aufgesogen habe, kommt vom Skateboarding. Und da ging es immer um das „never been done“. Wenn du auf dem Board etwas Neues gezeigt hast, warst du der Chef. Das Gleiche ist es bei meinen Fotos. Ich habe jahrelang nach meinem Style gesucht, und dann wollte ich einfach nur raushauen. Das ging zwei Jahre so. Jetzt ist 2019 und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, haben mir eine Richtung gegeben. Ich habe über 350.000 Leute auf Instagram, man hat eine Stimme und man muss damit arbeiten. Es ist auch noch Spaß, aber ich nehme es mittlerweile sehr ernst. Es ist krass zu sehen, wie viele Leute man mit seinem eigenen Stil erreicht und was man damit alles machen kann.

Wie funktioniert die Inszenierung eines Motivs?

Produziert wird fast zweimal die Woche, wie am laufenden Band. Mein Team ist klein, ich arbeite nur mit Freunden, alle haben gleich viel Mitspracherecht. Für das Shooting benötige ich die Idee, ein Studio, meine Make-up-Artistin, die Models und die Props. Um die richtigen Sachen zu kriegen, brauche ich teilweise Wochen, manchmal sogar ein halbes Jahr. Es soll ja alles echt sein und kein Photoshop.

the wet kiss

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Ist jeder Schuss ein Treffer?

Es gibt einen Festplatten-Friedhof mit lauter Bildern, die ich nicht verwendet habe. Wenn ich etwas zeige, will ich das Beste zeigen. Ich verstehe nicht, warum dieser Perfektionismus in manchen Sachen nicht mehr gewünscht ist. Die Leute geben sich mit so wenig zufrieden.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Playboy?

Playboy hat angefragt und gemeint, sie wollen etwas über Freedom of Speech machen. Als ich ihnen dann das Material geschickt habe, fanden sie das zwar gut, aber auch zu provokant. Da ich immer meiner Stilistik treu bleibe und ein Magazin wie der Playboy natürlich auch eigene Vorstellungen hat, war die Zusammenarbeit dementsprechend nicht einfach, dafür aber auf Augenhöhe. Als Glamour US angefragt hat, eine Strecke zu machen, habe ich auch zunächst gesagt: „Sorry! Genau das, was ihr von mir wollt, kann ich nicht machen.“ Drei Tage später haben wir dann die Strecke so bekommen, wie wir sie wollten.

Und mit dem Playboy hat es auch geklappt.

Ja, durch die intensive Zusammenarbeit war der Playboy am Ende doch bereit ein provokantes Cover zu machen. Ich kann bis heute nicht glauben, dass ich den Schriftzug „Land of the Free?“ als Demonstration auf einem Nippel auf ein US-Cover gebracht habe. Wie viele Patrioten wohl durchgedreht sind, als sie das gesehen haben!

Haben Sie eigentlich irgendeine Botschaft?

Ich will mehr Awareness schaffen. Ob das der Planet ist, der in den Arsch geht, Teenager jeden Tag Stunden am Handy verbringen oder sich jemand wegen Internetmobbings umbringt. Wir sind einfach gerade richtig gut am Ende und die Leute haben gleichzeitig nichts Besseres zu tun, als sich Wein trinkend Katzen-Memes zu schicken. So viele Menschen verstehen einfach nicht, dass sie privilegiert sind, und nehmen das als selbstverständlich hin: in Europa geboren zu sein, einen Pass zu haben, mit dem man überall hinkann, nicht Angst haben zu müssen, irgendwann auf der Straße zu landen. Oftmals ist es das Problem, dass man nicht genügend Zeit hat, das, was passiert, zu reflektieren. Man ist ständig abgelenkt. Man muss Geld verdienen, Miete bezahlen, zum Arzt gehen. Ich kann als Otto Normalverbraucher nicht die ganze Erde retten. Ich möchte die vielen Widersprüche der heutigen Zeit in meine nächste Ausstellung reinbringen und versuchen, ohne große Wertung einfach das, was ich gerade von der Welt sehe und halte, abzubilden. Der Arbeitstitel dafür ist „This is us now“.

Würde es Sie ohne Instagram heute geben?

Instagram ist ein wahnsinnig krasses Medium. Ohne Instagram hätte ich die Aufmerksamkeit von Gabriel Wickbold nicht erhalten, mit dem ich in São Paulo ausgestellt habe. Ohne Instagram würde ich diese ganzen Follower nicht haben und diese Kredibilität nicht genießen. Wenn Leute sehen, du hast Follower, ist das wie ein großes Aushängeschild. Dadurch bekommt man zu bereits bekannten Leuten Zugang und auf einmal teilt Bella Hadid deine Bilder und eine Winnie Harlow folgt dir. Ich dachte auch nicht, dass eine App so viel Impact haben kann. Instagram beeinflusst dein Leben aktiv. Aber man darf nicht zu sehr in diese Welt abgleiten.

Verlieren sich viele auf den sozialen Plattformen?

So, wie man sich online verhält, sollte man auch offline sein. Sonst ist man zwei verschiedene Persönlichkeiten. Ich habe in einer meiner Ausstellungen namens „Virtual Me“ zum Beispiel in Berlin an die Wände „I am not real anymore“ gesprayt. Da geht es darum: Wer bist du überhaupt? Bist du derselbe Mensch, wie du dich online zeigst? Wer ist jetzt mehr von dir bekannt? Was ist von mir mehr bekannt? Wohl mehr mein virtuelles Ich.

Wie gehen Sie selbst damit um?

Dieses Tempo, das die App vorgibt, ist wahnsinnig gefährlich für Menschen, die keine Bodenhaftung haben. Ich kann so froh sein, dass ich in meinem Alter einen Freundeskreis um mich habe, der nur aus guten Menschen besteht, von denen auch viele die Öffentlichkeit auf den Plattformen haben. Aber es ist ja auch nicht immer einfach. So viele Leute drehen ab. Eine Followerzahl auf sich selbst zu projizieren ist der absolut falsche Weg. Instagram ist ein superspannendes Medium, wenn du selbst in der Lage bist, es für dich richtig zu nutzen. Ich muss mich da auch manchmal zusammenreißen. Wenn ich sehe, der Künstler stellt dort und da aus oder macht eine tolle Zusammenarbeit, vergleicht man sich automatisch. Ich habe diese tollen Leute um mich herum, die mir sagen: „Komm mal wieder runter, Marius. Entspann dich mal, es ist alles in Ordnung!“ Es ist einfach so: Man muss sich nicht immer so stressen.

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8. Mai 2019