Inspiration

Schriftsteller Martin Suter: Dandy der Worte

Wenn Bryan Ferry einen Schweizer Bruder hätte, so hieße er Martin Suter. Der Gentleman der Worte, stets stilvoll im Maßanzug gekleidet, begeistert mit seinen Büchern wie „Small World“ oder „Die dunkle Seite des Mondes“ ein Millionenpublikum. Der ehemalige Werber pendelt mit seiner Frau, der Mode-Designerin Margrith Nay Suter, zwischen Zürich, Marrakesch und Guatemala. Dort, wo seine 13-jährige Adoptivtochter Ana geboren wurde und sich die Tragödie seines Lebens ereignete, als ihr damals dreijähriger Zwillingsbruder Toni tragisch ums Leben kam.

Heidi List20. Dezember 2019 No Comments
martin suter ooom magazin

Ich treffe Martin Suter im Backstageraum der Sendung „Willkommen Österreich“. Ich bin die Redakteurin. Er sieht so aus, wie man ihn sich vorstellt. Perfekt gekleidet, Maßanzug, Maßschuhe, die Haare stets zurückgegelt. Ich frage mich, ob er in dem Aufzug auch schreibt. In Anzug und Krawatte an seinen Schreibtischen sitzt, je nachdem in seinem Riad in Marrakesch  oder im Büro in Zürich oder im Haus in Guatemala. Oder darf es im kreativen Prozess auch etwas bequemer sein? Sein Stimme ist leise, vor jeder Antwort lächelt er, auch wenn diese dann ernst ausfällt. Wir sprechen über Guatemala, das ich auch ein wenig kenne, dem Land, in dem er einen Zweitwohnsitz hat. Panajachel, der kleine Ferienort, malerisch gelegen am Atitlánsee, war immer ein Ort der Inspiration, erzählt er. Er dachte lange Jahre sogar, er könnte nur dort schreiben. Guatemala beschreibt er als vielseitiges Land in Mittelamerika, mit seinen karibischen Teilen, dem Hochland und dem tropischen Regenwald. Es gibt dort zumindest demokratisch gewählte Regierungen, doch das Land ist arm, ausgebeutet durch Korruption.

Würde der Menschen. Emotional gebunden an Guatemala sind seine Frau und er spätestens  durch ihre Kinder, die sie im Jahr 2006 adoptierten. Das Mädchen und der Junge waren altersmäßig nur drei Tage auseinander und kamen aus armen, zerrüttenden Familien, mit sehr jungen, teils minderjährigen leiblichen Eltern. Die Kinder sollten wie Geschwister aufwachsen. Diese Verbindung gewährte dem Ehepaar einen besonderen Einblick in die Gesellschaft der Bevölkerung Guatemalas. Sie begannen, ihre Art der Unterstützung zu entwickeln, indem sie dort ansetzten, wo es auch sinnvoll ankam: bei der Würde der Menschen. So begann Margrith Nay Suter, sich auf ihr Talent für Architektur zu besinnen. Sie plante sicheren, trockenen Wohnraum, kleine schöne Häuschen, die sie für die Leute bauen liess.

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Tragödie eines Lebens. Und auch als die große, schmerzhafte Katharrsis im Leben der Suters eintrat, 2009, als ihr damals dreijähriger Sohn Toni durch einen Unfall starb – er erstickte beim Essen, als ihm ein Bissen in der Luftröhre stecken blieb –, fuhren sie fort, so viel wie möglich für die Menschen der Familien ihrer Kinder zu tun. Der kleinen Tochter Ana, die heute 13 Jahre alt ist, sollten auch immer die Wurzeln ihrer Kultur erhalten bleiben, der Sohn immer im Herzen. So  finanzieren sie für sehr viele Kinder die Schulen und Ausbildungen.

Doch, er schreibt immer im Anzug. Lediglich in der Nacht kann man Pyjama von hochkarätiger Stoffqualität tragen, allerdings den wieder vorzugsweise mit einem Stecktuch, so feixte er später im Fernsehinterview. Dort wird er gefeiert, als eine Ikone des deutschsprachigen Literaturbetriebes. Ein Bestsellerautor mit millionenfachen Verkäufen, übersetzt in 34 Sprachen, seine Werke hochkarätig verfilmt in prominenter internationaler Besetzung. Und das alles im Maßanzug.

Martin Suter hat viel mit Bryan Ferry gemeinsam. Er schreib immer im Anzug. Lediglich in der Nacht kann man Pyjama von hochkarätiger Stoffqualität tragen, sagt er – vorzugsweise mit Stecktuch.

Ein Gentleman-Superstar. Martin Suter erträgt die Huldigungen mit einem Lächeln. Kontert mit feinem Humor, auch dann, wenn man ihn in die Schweizer Ecke der kapitalistischen Geizhälse drängen will. Es sehe das pragmatisch, meint er. Wer gut Leben will, muss Geld verdienen. Und gut leben wollte Martin Suter. Stil war ihm wichtig, schon als Kind. Geboren am 29. Februar 1948 ist er in einem gut bürgerlichen Elternaus in Zürich und Freiburg aufgewachsen. Früh hat sich eine Neigung entsponnen, die zu seinem Markenzeichen werden sollte: dem Faible für korrekte Kleidung. Für Sonntage besaß er kleine Anzüge. Im Winter welche mit Knickerbocker, im Sommer mit kurzen Hosen aus Tweed. Grau ist nicht gleich mitternachtsblau, die Krawattenknoten müssen zu den Hosenbünden passen. Ein Sakko mit Ärmelknöpfen, „die sich nicht küssen“, also ganz dicht beieinanderliegen, wandert zurück in die Änderungsschneiderei.

20. Dezember 2019