Inspiration

Schriftsteller Martin Suter: Dandy der Worte

Wenn Bryan Ferry einen Schweizer Bruder hätte, so hieße er Martin Suter. Der Gentleman der Worte, stets stilvoll im Maßanzug gekleidet, begeistert mit seinen Büchern wie „Small World“ oder „Die dunkle Seite des Mondes“ ein Millionenpublikum. Der ehemalige Werber pendelt mit seiner Frau, der Mode-Designerin Margrith Nay Suter, zwischen Zürich, Marrakesch und Guatemala. Dort, wo seine 13-jährige Adoptivtochter Ana geboren wurde und sich die Tragödie seines Lebens ereignete, als ihr damals dreijähriger Zwillingsbruder Toni tragisch ums Leben kam.

Heidi List20. Dezember 2019 No Comments
martin suter ooom magazin

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Maßanzug mit 19. Seinen ersten Maßkonfektionsanzug hat er sich nach seinem Studienabschluß mit 19 um damals für ihn sagenhafte 300 Franken in Basel machen lassen. Nicht zuletzt aus dem Kalkül, dass wenn er schon als Lehrling in einer Werbeagentur mit Maßanzug daherkam, so wird dem Spruch „Fake it ‚til you make it“ genüge getan. Wegen seines Auftretens also und wohl auch wegen seiner herausragenden sprachlichen Begabung als Werbetexter war er innerhalb weniger Jahre mit 26 Creative Director bei der renommierten Agentur GGK. Eine Zeitlang lebte er in Wien. Später gründete er mit dem vormaligen Boss Robert Stalder die Werbeagentur „Stalder & Suter“ und wurde schließlich auch Präsident des Art Directors Club in der Schweiz. Das Leben von Martin Suter wurde ein erfolgreiches, mondänes, wie geplant. Auch wenn er mit 16 schon gewusst hat, vom Schreiben leben zu wollen, ein Leben als Schriftsteller, das traute er sich noch nicht zu. Dazu war es ihm zu wichtig, finanziell abgesichert zu sein. Und er wusste gut Bescheid, um gute Weine, gutes Essen und den Aufwand, den ein Leben mit Stil ausmachte. Ein Pendeln zwischen Zürich, Ibiza, Guatemala, später ein Riad in Marrakesch. Viele lange Reisen.

Während dieser Jahre als Werbeguru verfasste er nebenbei auch Reportagen für die Zeitschrift GEO und schrieb an Fernseh- und Kinodrehbüchen. Bis er Anfang der 1990er-Jahre beschloß, mit der Werberei aufzuhören und seinem Traum, Schriftsteller zu sein, nachzugehen, bevor es zu spät war. Er schrieb in der Zeit schon seine berühmten Kolumnen wie „Business Class“ oder „Richtig Leben mit Geri Weibel, die er regelmäßig in der Weltwoche oder dem Monatsmagazin NNZ Folio veröffentlichte. Die guten Honorare ermöglichten ihm den Versuch eines ersten Romanes. Der wurde prompt abgelehnt und ist bis heute in der Schublade verschwunden. Berechtigterweise, sagt Martin Suter.

„Small World“ brachte ihm 1997 schließlich den literarischen Durchbruch. Martin Suter ist fast 50 Jahre alt. Gemeinsam mit den Folgeromanen „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“ bildete sich  die  „neurologische Trilogie“, wie er sie nennt. Sie behandelt verschiedene psychische Prozesse wie den Verlauf einer Alzheimererkrankung, den verstörenden Sog einer bipolaren Störung oder den partiellen Gedächtnisverlust nach einem schweren Schlag auf den Kopf, der damit einhergehenden Persönlichkeitsveränderung des Protagonisten und seinen sozialen Auswirkungen. In unverschnörkeltem Stil geschrieben, zogen die Bücher die Leser rasch in ihren Bann, eine regelrechte Sutersucht begann, natonal und international. Der Rest ist Geschichte. Seither sind zehn weitere Romane erschienen, darunter „Der Teufel von Mailand“, „Der Koch“, „Die Zeit, die Zeit“ und natürlich „Montecristo“, ein globaler Wirtschaftskrimi, der viel Aufsehen erregte. Ab 2011 kam die berühmte Allmen – Krimiserie über einen „Pleitedandy, Kunstkenner und Amateurdetektiv“, der in die abenteuerlichsten Fälle in bizarren Milieus stolpert, um genug Geld für seinen Lebenswandel auf großem Fuß zusammenzubekommen. Angesichts Allmens Stilbewusstsein und seines Sinns für Genuss lassen wohl die persönlichen Vorlieben Martin Suters durchblitzen. Er arbeitete und publizierte unermüdlich.

Die Themen, die seine Geschichten aufwerfen sind akribisch recherchiert. Er ist ein Vielschreiber.  Man sagt, tausend Wörter am Tag ist sein Ziel. Etwa alle zwei Jahre kommt ein neues Buch heraus.  Seine Frau, mit der er schon seit 45 Jahren zusammen ist, ist seine Erstleserin. Ihre Reaktion auf ein neues Buch ist für ihn maßgeblich. Während sie liest, muß er ruhelos durchs Haus tigern und irgendetwas zusammenräumen oder schlichten, immer mit Seitenblick auf ihre Miene.

20. Dezember 2019