Inspiration

Schriftsteller Martin Suter: Dandy der Worte

Wenn Bryan Ferry einen Schweizer Bruder hätte, so hieße er Martin Suter. Der Gentleman der Worte, stets stilvoll im Maßanzug gekleidet, begeistert mit seinen Büchern wie „Small World“ oder „Die dunkle Seite des Mondes“ ein Millionenpublikum. Der ehemalige Werber pendelt mit seiner Frau, der Mode-Designerin Margrith Nay Suter, zwischen Zürich, Marrakesch und Guatemala. Dort, wo seine 13-jährige Adoptivtochter Ana geboren wurde und sich die Tragödie seines Lebens ereignete, als ihr damals dreijähriger Zwillingsbruder Toni tragisch ums Leben kam.

Heidi List20. Dezember 2019 No Comments
martin suter ooom magazin

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Es folgten Buchausgaben seiner Businessclass Kolumnen, Theaterstücke, Drehbücher. Und auch Ausflüge in ein ganz anderes Genre wagte er, wie zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit Stephan Eicher, einem der maßgeblichsten Musiker der Schweiz. Lesetourneen, Pressereisen, zig Auftritte in TV- und Radioshows.

Fragt man ihn, wie er an seine Bücher herangeht, so bekommt man – natürlich – stilsichere Antworten wie: um eine gute Geschichte zu schreiben, sollte man vor Beginn schon den letzten Satz wissen. Oder: man muss die Geschichte extrem genau vorher konstruieren, ansonsten wirkt sie konstruiert. Er meinte einmal, er schreibe eigentlich für den Leser Martin Suter. Und er könne sich nicht in Figuren hineinversetzen, sondern nur die Figuren in sich finden. Sein Erfolg scheint ihm in allem Recht zu geben. Doch, wie so oft, haftet dem Aufstieg für manche etwas Verdächtiges an. Im Falle von Martin Suter kam das Feuilleton auf die Idee, dem geraden, klaren Stil des Schreibhandwerkers die Bezeichnung „Literatur“ abzusprechen. „Mit Suterismus geht Europa unter“ behauptete beispielsweise der Hamburger Spiegel. Doch er hat auch seine Verteidiger. „Wenn es überhaupt einen Schriftsteller gibt, dessen Feder man gern entsprungen wäre, dann ihn“, schrieb Elmar Krekeler etwa in der Berliner Morgenpost.

Suter twittert. Wie kann es weiter gehen, nach diesen Jahren der stetigen Erfolge? Neuerdings twittert Martin Suter gerne. Und zwar in Reimen, gerne mit seinen Followern im „Poetrypingpong“. Das Hobby nahm einen holprigen Anlauf. Nach dem Gedicht „Im Vestibül liegt unberührt / Mein Volksabstimmungsbrief. / Vom Balkon filmt schon ungerührt / Mein Sozialdetektiv“, einer Kritik an der systematischen Überwachung von Sozialversicherten in der Schweiz war plötzlich sein Account gesperrt. Nach einigen Anläufen fand er heraus: sein eigener Verlag, Diogenes, hielt es nicht für möglich, dass der Autor twittert und meldete dies ohne Rücksprache. Das Missverständnis konnte aufgeklärt werden. Martin Suter darf weiterdichten. Die besten dieser kleine Preziosen kann man nun auch auf seiner Website www.martin-suter.com nachlesen. Gegen ein – ganz schweizerisch geschäftstüchtig – monatliches Entgelt von 5 Euro bekommt man dort auch Einblick in die Allmen-Welt, neue Business-Class-Geschichten, ein Comeback von Geri Weibel, unveröffentlichte, wiedergefundene oder vergessene Texte, Fotos oder Anekdoten von seinen Reisen, kurze Lesungsvideos und sogar einen Podcast mit seinem Kollegen Benjamin von Stuckrad-Barre.

Suter ist in der Gegenwart angekommen. Er twittert neuerdings und nimmt einen Podcast mimt seinem Kollegen Benjamin von Stuckrad-Barre auf.

Nach der Fernsehsendung ist Martin Suter umringt von Fans, Journalisten und Fotografen. Er lässt sich Fotografieren, schreibt geduldig Autogramme. Beantwortet Fragen zu seinen Büchern. Ich muss schnell weg, den Babysitter daheim ablösen. Es ist kein Abschiedstrunk mehr geplant. Mir tut das leid. Martin Suter lächelt. Das macht nichts, meint er, ein Abend mit Martin Suter müsse ja nicht sein. Er hätte nur keine andere Wahl. Schörkellos, stilvoll, am Punkt.

 

www.martin-suter.com

20. Dezember 2019