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Martina Hörmer: Natürlich ist immer besser

Sie machte ein kleines Schweinchen zum Popstar und Ja! Natürlich zur mit Abstand größten und wichtigsten Bio-Marke Österreichs: Martina Hörmer ist die erfolgreichste Managerin in Österreichs Lebensmittelhandel. Mit mehr als 1.100 Produkten steht Ja! Natürlich nicht nur für Bio-Genuss, sondern auch für gelebte Nachhaltigkeit: als Förderer von Raritäten, Pionier bei artgemäßer Tierhaltung und Kämpfer für Artenvielfalt. OOOM sprach mit Martina Hörmer über Ja! Natürlich und ihre grünen Strategien.

Christina Zappella-Kindel8. Mai 2019 No Comments
martina hörmer ooom magazine

Tausende Schüler in Österreich demonstrieren jede Woche für den Klimaschutz. Ein wichtiges Signal?

Ich freue mich sehr, weil sich die Jugend für Umwelt und Politik interessieren muss, um etwas bewegen zu können. Die Bevölkerung wächst, die Kapazitäten unseres Planeten sind jedoch begrenzt und viele leben so, als ob es kein Morgen gäbe. Es wird Zeit, dass etwas getan wird und die Jungen die Erwachsenen zur Räson bringen. Greta Thunberg hat den nötigen Anstoß gegeben und viele Menschen dazu angeregt, über die Zukunft nachzudenken. In diesem Fall haben die sozialen Medien einen sehr positiven Nutzen bewiesen und ihren Kampf tatkräftig unterstützt. Man muss beginnen, die Konsequenzen seines eigenen Tuns zu verstehen, beginnen, Dinge zu verändern und für die Zukunft einzutreten. Ich hatte lange das Gefühl, dass die jungen Leute sich nicht für Politik interessieren. Das ist nun anders.

Ja! Natürlich feiert sein 25-jähriges Jubiläum. Wodurch unterscheiden Sie sich vom Mitbewerb?

Wir waren die Ersten, die den Bio-Gedanken in Österreich aufgegriffen haben, praktisch die Mutter von bio. Wir sind vorangegangen und andere haben sich angeschlossen, was den Markt vergrößert und die Landwirtschaft dafür geöffnet hat. Wenn man jetzt, nach 25 Jahren, zurückblickt, kann man stolz darauf sein, wie groß diese Bewegung geworden ist. Der Bio-Markt wächst stetig weiter und immer mehr Kunden entscheiden sich, biologisch einzukaufen. Ja! Natürlich hat von Anfang an ausgezeichnet, dass es nicht nur für bio steht, sondern auch für ökologische und soziale Aspekte. Für ein gutes Leben braucht es gute Lebensmittel, gleichzeitig aber auch eine intakte Umwelt, und es darf dabei keine Verlierer geben.

Welchen Anteil hat das Schweinderl am Erfolg?

Es hat einen großen Anteil, weil es die Marke in der Breite bekannter und sympathischer gemacht hat. Die Menschen wollen Geschichten, und seit 2005 erreichen die Spots Topplatzierungen. Es ist toll, nach so vielen Jahren immer noch mit diesem Konzept punkten zu können.

Ihr Produktportfolio wird ständig erweitert. Wie entwickeln Sie neue Produkte?

Gerade im Fall von Obst und Gemüse kommen die Bio-Bauern auf uns mit neuen Ideen zu. Sie experimentieren, sind neugierig auf Neues, und so kommt man auch zu den verschiedensten Raritäten. Vor drei Jahren zum Beispiel ist es gelungen, im Burgenland Reis anzubauen. Das hat natürlich auch mit der Klimaveränderung zu tun; es ist trockener und heißer geworden, und diese Trockenanbaumethode ist umweltfreundlicher als jene in den üblichen Reisanbaugebieten, wo der Reis geflutet wird und dadurch Methangase freigesetzt werden. Bei der Trockenanbaumethode muss zwar das Unkraut per Hand gezupft werden, aber es ist schonender für die Umwelt.

Wie finden Sie die richtigen Bio-Bauern? Oder finden die Bauern Sie?

Es gibt beide Varianten, wobei man sagen muss, dass es gerade im Gemüse- und Obstanbau bereits einen sehr konstanten Stamm an Landwirten gibt. Viele unserer Bauern sind langjährige Partner, die schon viele Jahre den Weg gemeinsam mit uns gehen. Man kennt sich, man weiß, wie es funktioniert, man hat gemeinsam Erfahrungen gesammelt. Die Bauern kennen ihr Land und wissen, was alles möglich ist. Natürlich kommen auch immer wieder neue Landwirte dazu, die ihre Produkte anbieten.

Ein Bauer wurde nach dem Tod einer Touristin durch seine Kuh im Stubaital zur Zahlung von 490.000 Euro verurteilt. Was bedeutet so ein Urteil für die Bergbauern, die generell ein schwieriges Leben haben?

Ich kenne die Geschichte nur aus den Medienberichten. Ich glaube, dass die Verantwortung bei beiden Seiten liegt. Der Bauer muss auf seine Tiere achten und die Leute müssen sich in der Natur entsprechend verhalten. Was da passiert ist, ist natürlich für beide Seiten ein tragisches Unglück. Es braucht die Tiere auf den Almen, aber früher gab es einfach nicht so viele Menschen, die in der Natur auf die Berge gewandert sind. Oft sind Leute recht unerfahren im Umgang mit Tieren und können Situationen nicht entsprechend einschätzen. Es müssen wahrscheinlich beide Seiten dazulernen.

Der WWF macht gerade eine spannende Kampagne – „Fleisch ist mir nicht wurscht“ –, wo es um das Bewusstsein geht, woher Fleisch kommt. Hat ein Bio-Schwein ein besseres Leben?

Ja! Es ist natürlich nicht wurst, was in der Wurst ist, und schon gar nicht, welches Fleisch man isst. Die Österreicher essen extrem viel Fleisch, ca. 160 Kilo pro Jahr. Das ist zu viel und vom gesundheitlichen Aspekt sicher nicht zu empfehlen. Es ist weder aus ernährungstechnischer Perspektive noch aus Sicht der Tiere gut und hat dazu geführt, dass immer mehr Tiere auf zu engem Raum gehalten werden. Die Massentierhaltung wurde forciert, um diese unersättliche Lust nach Fleisch befriedigen zu können. Ein konventionelles Schwein sieht in seinem ganzen Leben kein einziges Mal das Tageslicht. Es wird im Stall auf Spaltböden in engen Boxen geboren und verlässt den Stall nur einmal, wenn es zum Schlachter geführt wird. Für Ja! Natürlich-Schweine ist es Pflicht, dass sie einen Auslauf haben, dass die Schwänze nicht kupiert (Anm.: operativ verkürzt) werden. Hält man Schweine nur im Stall beißen sie sich aus lauter Langeweile den Schwanz gegenseitig ab. Wenn weniger Tiere auf einem Platz sind und man sie auf Stroh bettet – das sind übrigens unsere sogenannten „Strohschweine“, die in Strohbuchten liegen –, sind die Tiere friedlich, und das ist sehr schön anzusehen. Bei Ja! Natürlich gibt es auch noch die Freilandschweine, die überhaupt ganz im Freien gehalten werden. Vor 20 Jahren hat man nicht gewusst, ob ein Schwein das auch aushält oder ob es im Winter zu kalt wird, aber man hat gesehen, dass es kein Problem darstellt. Jeder, der tierische Lebensmittel zu sich nimmt, sollte sich bewusst sein, dass dahinter ein Tier steckt, und sich darüber Gedanken machen, wie es gehalten wurde.

Welchen Stellenwert nimmt die Qualitätskontrolle ein? Testen Sie täglich Ihre Ja! Natürlich-Produkte?

Ich teste sie täglich, denn ich habe sie im Kühlschrank. Man muss die Produkte ja auch aus Sicht des Konsumenten sehen. Wenn man die Lebensmittel zu Hause in Verwendung hat, dann sieht man gleich, ob alles passt. Die Qualitätskontrolle besteht bereits aus mehreren Stufen, bevor das Produkt überhaupt zu uns kommt, und danach gehen die Kontrollen weiter.

Jeder, der tierische Lebensmittel zu sich nimmt, sollte sich bewusst sein, dass dahinter ein Tier steckt, und sich Gedanken machen, wie es gehalten wurde.

Mit „Green Packaging“ haben Sie den Markt nachhaltig verändert. In welchem Bereich sehen Sie noch Optimierungsmöglichkeiten?

Da gibt es viele Bereiche. Wir haben die Idee von „Green Packaging“ vor sieben, acht Jahren begonnen, da war das Thema Verpackung noch kein großes. Wir wussten schon damals: Was innen biologisch ist, muss auch außen ökologisch verpackt sein. Wir haben mit dem Obst- und Gemüsebereich angefangen, weil dort die meiste Verpackung vorkommt. Für Kunden ist es oft nicht logisch, warum Produkte nicht lose verkauft werden, sondern verpackt. Wir haben begonnen, vor allem Kunststoffe durch umweltverträglichere Materialien zu ersetzen. Unsere Initiative nannten wir „Raus aus Plastik“, und wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem wir sagen müssen: Gänzlich raus aus Plastik wird nicht möglich sein. Kunststoffe halten stabil und frisch, also wird es nicht nur „replace“ heißen, sondern auch „recycle“.

Glauben Sie, dass bio jemals ein Massentrend wird?

Es ist schwierig zu sagen, wann es Nische und wann es Masse ist. Wir haben in manchen Bereichen 20 bis 30 Prozent Marktanteil, da kann man sicher nicht mehr von einer Nische sprechen.

Welche Produkte sind das?

Milch, Fruchtjoghurts, Eier, Gemüse. Die Leute greifen zu diesen Produkten, weil sie begriffen haben, dass es die besseren Lebensmittel sind. Im Bereich Fleisch ist sicher noch viel Luft nach oben. Beim Rindfleisch sind wir sehr erfolgreich, weil es nicht so deutlich teurer ist als das konventionelle Rindfleisch, bei Schweinefleisch ist der Preisunterscheid viel größer, weil die Kosten für den Stall, für den Freilauf, für die geringeren Besatzdichten und für das Futter viel höher sind. Ich glaube, es ist einerseits eine preisliche Schmerzgrenze, die hier überschritten wird, aber auch ein Mangel an Wissen, was in der konventionellen Tierhaltung und auf unseren Äckern passiert. Wenn es hier mehr Kenntnis gäbe, würde sich das auch im Kaufverhalten niederschlagen.

Wie stehen Sie zu veganen Produkten?

Auch hier bieten wir einiges an. Ein gutes Beispiel ist die Milch. Früher war man der Meinung, dass sie Kraft und Leben schenkt, dann sagte man, dass Milch krank macht. Die Menschen wurden verunsichert und die Milchalternativen haben den Weg ins Regal gefunden. Es waren Alternativen zur Kuhmilch gefragt, worauf wir mit Schaf- und Ziegenmilch reagiert haben, oder auch mit Produkten wie Mandel- und Dinkelmilch, die sich sehr gut verkaufen.

Wie können Sie als Marke dazu beitragen, dass der Konsument bewusster entscheidet?

Wenn man saisonal, regional und frisch einkauft und selbst kocht, macht man am wenigsten falsch. So sind auch die Produkte frischer und die Vitamine bleiben erhalten. Wenn man Produkte von weit herholt, ist der CO2-Abdruck natürlich viel größer.

Was unterscheidet die Bio-Branche in Österreich von jener in Deutschland?

Bei uns wird ein Viertel der Landwirtschaft biologisch bewirtschaftet, da sind wir schon viel weiter als in anderen Ländern. Der deutsche Handel hat das Bio-Sortiment lange nur über den Fachhandel abgedeckt, dadurch war bio lange ein Nischenprodukt. Bio wurde in Österreich so groß, weil ein beträchtlicher Teil des Sortiments in den Supermärkten zu bekommen ist.

Sie haben im Vorjahr begonnen, Milchprodukte in Recyclinggläsern auf den Markt zu bringen.

Das war ein unglaublicher Erfolg. Zum einen lieben die Leute die Glasverpackung, weil sie eine große Wertigkeit und eine schöne Ästhetik besitzt, zum anderen war die Zeit einfach reif. Wir freuen uns sehr, dass wir ab Herbst die Möglichkeit haben, auf Mehrwegglas umzustellen und damit den ökologischen Fußabdruck noch optimieren zu können.

Sie sind bei REWE auch für Eigenmarken wie Clever verantwortlich. Wie bekommt man diesen Spagat zwischen anspruchsvollen Bio-Produkten und preisorientierten Clever-Produkten hin?

Ich habe einen ganzen Fächer an Eigenmarken im Portfolio, da muss man das große Ganze schon im Blickpunkt behalten. Es gibt Leute, die sich mit bio nicht anfreunden können oder wollen oder denen es zu teuer ist, und für diese Menschen muss man auch ein Angebot schaffen. Ich kann mir nicht anmaßen zu verlangen – auch wenn mein Herz und meine innere Überzeugung an Ja! Natürlich hängen –, dass das alle genauso sehen.

Sind Bio-Produkte und Nachhaltigkeit ein Statement für „Ich kann’s mir leisten“?

Einerseits beginnen die Leute, sich über die Ernährung als Persönlichkeit zu definieren; sie setzen damit ein Statement nach außen, was sicherlich ein gesellschaftliches Phänomen ist. Es ist also sicher auch ein Zeichen für Wohlstand. In anderen Ländern hat Priorität, dass Kalorien auf den Tisch kommen. Bei uns beginnt man, sich über die Ernährung zu identifizieren.

Wie nachhaltig sind Sie selbst, Stichwort „Work-Life-Balance“?

Ich achte darauf, bewusst zu leben, und bin ein überzeugter Kunde meiner eigenen Lebensmittel. Wir kochen auch sehr saisonal, biologisch und frisch. Ich bemühe mich, in der Stadt mit dem Rad zu fahren, und das macht mir viel Spaß.

Welche drei Dinge gehören in jeden Kühlschrank?

Bei mir sind es Milch, Butter und Eier. Ich habe auch fast immer Gemüse – Salat, Karotten, Erdäpfel – sowie Senf und Wein im Kühlschrank.

Ein Rezept, das jedem gelingt?

Da gibt es viele. Zurzeit wäre ein Tipp von mir, das Gemüse nicht am Herd zu dünsten, sondern im Rohr zu backen. So kann sich der Geschmack richtig entfalten und man braucht nicht so viel Öl. Melanzani verwende ich dann oft in einer Spaghetti-Sauce, und das Wurzelgemüse ist herrlich, wenn man Knoblauch, Olivenöl und eine Prise Salz dazugibt und es einfach im Rohr backt.

8. Mai 2019