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Mathis Wackernagel: Österreich zerstört Österreich

Der Schweizer Wissenschaftler Mathis Wackernagel erfand den „ökologischen Fußabdruck“ und gilt als einer der globalen Vordenker im Bereich Nachhaltigkeit. Der Präsident des Global Footprint Network geht mit Österreich hart ins Gericht: Der Ausbau des Wiener Flughafens sei ein totaler Rückschritt und multipliziere das ökonomische Risiko für Österreich. Es sei „bedenklich“, dass die österreichischen Ideen „im 20. Jahrhundert stecken geblieben“ sind. Weder die politischen noch die ökonomischen Eliten hätten erkannt, dass sie Infrastruktur schaffen, die Österreich in Gefahr bringt. Zu Trump sagt er offen: „Er ist eine Katastrophe für die Welt.“

Georg Kindel8. Mai 2019 No Comments
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Wir leben auf zu großem Fuß. Wie lange kann man unsere Erde noch ausbeuten, bevor sie kollabiert?

Unser erstes Ziel ist, das Datum zu verschieben, an dem wir als Planet die Ressourcen eines Jahres verbraucht haben. Wir nennen dies den „Earth Overshoot Day“, und dieser war im letzten Jahr am 1. August. Dieses Jahr wird er bereits in den Juli fallen. Unser Ziel muss sein, ihn möglichst weit zum Ende des Jahres hin zu verschieben. Es ist wie bei einem Piloten: Wir wollen damit zeigen, wo die Berge sind, damit wir sicher fliegen können.

Was müssen wir dazu tun?

Wir müssen bald und lange vor 2050 ganz aus der fossilen Energie ausgestiegen sein. Alle, die nach 1985 geboren sind, werden bis 2050 in der Arbeitswelt stehen. Es geschieht in deren Leben. So schnell, wie wir das Handy zum iPhone transformiert haben, müssen wir die ganze Wirtschaft transformieren.

Ist das tatsächlich möglich?

Technisch ist es möglich, finanziell ist es von Vorteil. Aber der Wille scheint schwach. Das große Missverständnis ist, dass viele glauben, es zahlt sich ökonomisch nicht aus. Wenn wir unsere globale Infrastruktur darauf vorbereiten, werden wir eine wertvolle Infrastruktur besitzen. Wenn wir es nicht tun, werden wir in ökonomisch schwierigen Zeiten einen Werteverfall erfahren.

Woran liegt es, dass so wenige Leute Interesse haben, etwas zu verändern?

Weil das Thema als Schuldfrage aufgerollt wird. Wir sagen: „Es ist nobel, etwas zu tun“, und nicht: „Es ist notwendig.“ Das ist falsch und muss so werden wie Zähneputzen: Das ist auch nicht nobel, aber notwendig. Solange wir es nicht als notwendig erkennen, geschieht nicht viel.

Welche Rolle spielen Politiker wie Donald Trump in dieser ohnehin schwierigen Situation?

Global gesehen wird die Diskussion als moralische empfunden. Das heißt, man muss nur ein bisschen besser sein als der Nachbar. Durch Politiker wie Trump sind wir auf einem ganz niedrigen Niveau angelangt. Mit ganz wenig kann man schon gut dastehen. Auch da ist unser Fokus mehr auf jenen, die nach 1985 geboren sind, weil die Veränderung in deren Leben geschehen muss. Sie müssen mit den Entscheidungen von heute leben. Nachhaltigkeit zu produzieren hängt von ihrem eigenen Erfolg ab.

Der Ausbau des Wiener Flughafens macht mir Sorgen. Die politischen und ökonomischen Eliten Österreichs haben nicht erkannt, dass sie sich Infrastruktur bauen, die Österreich in Gefahr bringt. Das ist eine totaler Rückschritt.

Ist Donald Trump eine Katastrophe für die Welt?

Natürlich ist er eine Katastrophe, keine Frage. Ich glaube, die Chinesen haben das begriffen. Die lassen sich nicht durch Donald Trump definieren. Nicht nur Trump ist eine Katastrophe, sondern alle, die das Nachhaltigkeitsthema als moralisches identifizieren.

Welche Länder haben begriffen, dass wir handeln müssen?

Schottland erkennt Ressourcensicherheit als wesentlichen Treiber. Sie sehen das als ihr Ticket in die Zukunft und erzeugen heute in der Elektrizität 60 Prozent weniger CO2 als 1990. In Ländern wie Costa Rica ist es Teil des Nationalprogramms geworden. Portugal ist auch viel aktiver als viele Länder Europas. Die Schweiz hängt hinten nach, obwohl sie Potenzial hätte, weil Nachhaltigkeit vom Finanzministerium noch immer als moralisches Thema behandelt wird: „Wir bezahlen schon so viel für die Nachhaltigkeit, wir können uns nicht mehr leisten.“ Das ist wie ganz früher, als einige Länder sagten: „Wir können es uns nicht leisten, alle Kinder zur Schule zu schicken.“ Andere Länder sagten zu Recht: „Wir können es uns nicht leisten, sie nicht zur Schule zu schicken.“

Wie steht es um Österreich?

Herr Schwarzenegger, der ja Österreicher ist, hat uns alle wegen seines Klimaengagements sehr positiv überrascht. In den 1990er-Jahren haben wir gedacht, wenn sich einer wie der „Terminator“ für Nachhaltigkeit stark macht, dann ist alles schon gewonnen. Mittlerweile hat sich Schwarzenegger sehr stark gemacht, und es ist immer noch nicht genug. Auch acht Jahre, nachdem er Gouverneur war, ist der Klimawandel nach wie vor großes Thema.

Wie nachhaltig ist Österreich?

Der Ausbau des Wiener Flughafens mit einer dritten Piste und wie das diskutiert wird, macht mir extreme Sorgen. Die politischen und ökonomischen Eliten von Österreich haben nicht erkannt, dass sie sich Infrastruktur bauen, die Österreich viel mehr in Gefahr bringt und langfristig gesehen nicht von großem Wert ist. Das geht zu weit.

Ist der Ausbau des Wiener Flughafens eine Schande?

Die Schande ist nicht moralisch. Es besorgt mich, dass die Business-Elite in Österreich nicht versteht, wie die Wertverhältnisse wirklich aussehen. Dass sie glauben, es ist nur nett für die Welt. Sie verstehen nicht, dass sie sich selbst ein Ei legen.

Eine zusätzliche Start- und Landebahn am Wiener Flughafen erhöht durch den höheren Flugverkehr automatisch auch den CO2-Ausstoß.

Das ist ein Teil, aber es wird ja damit noch die ganze Infrastruktur rund um den Flughafen verstärkt, die eigentlich an Wert verliert: Da bauen sie noch ein Kongress­zentrum, neue Wirtschaftszweige nahe dem Flughafen werden ausgebaut. Und die ganze Wirtschaft Österreichs macht sich noch abhängiger von noch mehr Flugverkehr. Umgekehrt bedeutet es dann, dass sich ganz Wien –
nicht nur der Flughafen,
sondern alles, was darum herum noch induziert wird –
noch verstärkt. Es multipliziert sich das ökonomische Risiko für Österreich. Und das Erstaunliche ist: Es ist nicht nur ein moralischer Schandfleck. Dass das nicht als ökonomisches Risiko gesehen wird, zeigt, wie weit die ökonomischen Risikoanalysten weg sind von der physikalischen Realität.

Ist das, was Österreich macht, ein totaler Rückschritt?

Ja, das ist ein totaler Rückschritt und zeigt, dass die Köpfe nicht vorbereitet sind. Als Kind war ich immer beängstigt über Beton, weil das bleibt. Das steht für immer. Ideen können sich von einem Tag zum anderen ändern. Es zeigt sich, dass Beton kommt und geht und Ideen viel, viel länger bleiben. Die Halbwertszeit der österreichischen Ideen scheint im 20. Jahrhundert stecken geblieben zu sein. Das ist wirklich bedenklich.

Woran liegt das? An der politischen Führung?

Dieses Unvermögen ist fatal. Das ist aber eine längere Geschichte und betrifft nicht nur Österreich. Ich glaube, dass seit dem Zweiten Weltkrieg die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Physik ausschließen. Die Führung in Österreich ist physisch uninformiert. Das führt zu schlechten Entscheidungen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten die Westmächte Kolonien, das brach dann zusammen und die Antwort darauf war die Entwicklungsidee. Aber die baute darauf auf, zu ignorieren, dass man die Ressourcen von anderen Orten herbringen musste. Dann ist die Physikalität in der Theorie verschwunden. Ich glaube, sie haben den Kolonialismus noch nicht verdaut.

Wir haben in Österreich eine Mitte-rechts-Regierung mit einem sehr jungen konservativen Bundeskanzler. Wird in dieser politischen Führung einfach nicht weitergedacht?

Das größte Versagen liegt in der Klimapolitik, dass sich sogar die meisten Klimawissenschaftler schwertun, die ökonomische Dimension gut auszuleuchten. Wir gehen weiter zu Klimakonferenzen und verhandeln, ich weiß nur nicht, worüber. Das ist so, wie wenn ein Sturm kommt und man sagt: „Ich flicke mein Boot – aber erst, wenn es auch mein Nachbar macht.“ Wir bereiten uns nicht auf die Zukunft vor, die ziemlich offensichtlich ist. Weil wir uns an den heutigen Preisen orientieren, und die sind blind gegenüber den ökologischen Realitäten. Dazu kommt: Die politische Führung eines Landes ist immer ein Spiegel des Mindsets der Bevölkerung. In der Schweiz gibt es zum Beispiel einen Konsens, dass es schlecht ist, hohe Staatsschulden zu haben. Das wird dann rigoros durchgeführt. In anderen Bereichen haben wir dieses Verständnis ganz klar und setzen es auch um. Bei den Ressourcen sehen wir das nicht, die notwendige Ressourcensicherheit wird erstaunlicherweise nicht erkannt.

mathis wackernagel global footprint

mathis wackernagel global footprint

Haben die Leute in Österreich Scheuklappen auf?

Genauso ist es. Sie schneiden sich ins eigene Fleisch. Österreich zerstört Österreich, das sollten die Politiker und Unternehmer bedenken. Die Mehrheit sieht das nicht, das ist das Fatale.

Die Halbwertszeit der österreichischen Ideen scheint im 20. Jahrhundert stecken geblieben zu sein. Das ist wirklich bedenklich.

Das sind harte Worte.

Österreich ist ein Land mit viel Biokapazität im Vergleich zu anderen Ländern wie die Schweiz. Österreich steht viel besser als die Schweiz da.

Kann in Österreich noch ein Umdenken erfolgen?

Die Leute denken sich: Was kann denn so schwierig sein, wenn ich jetzt das Haus zwei Grad weniger heizen muss oder nicht? Die Folgen können sich die meisten nicht vorstellen. Das große Risiko ist ja nicht nur die höhere Temperatur. Der Unterschied zwischen 1,5 und 2 Grad Celsius entscheidet zum Beispiel, ob wir noch Korallen in den Meeren haben oder nicht. Das Risiko sind auch die Schwankungen. Dann wird es schwieriger sein, Landwirtschaft zu produzieren. Die Lebensmittelsicherheit weltweit wird nicht mehr gegeben sein. Da geht es um viel mehr als nur kürzere Gletscher.

Was läuft schief?

Ich denke, die Klimaforscher kommunizieren nicht klar genug, was das Risiko für die einzelnen Länder ist. Wir wissen ja, was wir in Zukunft brauchen: Die Leute werden gerne essen, sicher schlafen, sich fortbewegen. Alle Assets, die dies ermöglichen, haben Zukunft. Unternehmen, die die Menschheit braucht, um langfristig erfolgreich zu sein, werden die Gewinner von morgen sein. Wenn wir schlecht investieren, ist das schlecht für die ganze Gesellschaft. Dumme Dinge zu tun wie den Wiener Flughafen auszubauen ist eine Falle und eine Investition, die immer weniger wert wird.

Was kann der Einzelne tun?

Die Menschen glauben, dass sie leiden müssen, dass es ums Aufgeben geht, es ein moralischer Druck ist und sie nicht aus Eigeninteresse handeln. Das Wesentliche ist, dass wir unsere Sprache ändern. Statt „Wir sollten“ müssen wir „Ich will“ sagen lernen. Wenn du nicht willst, sag nichts. Sag aber nicht: „Ich sollte.“ Wir müssen eine solche Identität schaffen.

8. Mai 2019