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Matthias Strolz: Gibt es einen Gott?

„Gibt es einen Gott?“, fragte der Mensch die Künstliche Intelligenz. Diese riegelte ihre Energieversorgung ab und sagte: „Ja, ab jetzt schon.“ Das ist mein Lieblingswitz in Stephen Hawkings letztem Buch „Kurze Antworten auf große Fragen“. Freilich lachen wir aus Verlegenheit. Wir sind als Menschheit an einem kritischen Punkt. Die Künstliche Intelligenz ist auf der Überholspur.

Matthias Strolz15. Dezember 2021 No Comments

Wir Menschen im Westen sind Kinder der Aufklärung. Wir stehen auf den Schultern des erwachten Geistes. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, rief uns Immanuel Kant zu. Die Aufklärung hat uns so viel Gutes gebracht. Die Befreiung unseres Geistes aus der selbst verschuldeten Gefangenschaft, die Menschenrechte, einen Ozean an wissenschaftlichen Erkenntnissen und technologischen Errungenschaften, damit auch mehr als eine Verdoppelung unserer Lebenserwartung, umfassenden Wohlstand und unzählige materielle Errungenschaften. Ein vermeintlich banales Beispiel: Nach weit über 100.000 Jahren Geschichte unserer Spezies ist meine Generation die erste, die in kalten Jahreszeiten in ein automatisch vorgewärmtes Zuhause heimkehrt. Wollen wir das wieder hergeben? Nein. Ein Halleluja auf die Aufklärung!

Diese große Revolution des menschlichen Geistes brachte in unseren westlich geprägten Gesellschaften auch die Vorherrschaft der Naturwissenschaften. Dies wurde mittlerweile fast allerorts auf diesem Planeten übernommen. Hier setzte allerdings auch ein Exzess ein, dessen Lebenszyklus nun zu einem Ende kommt. Einerseits erkennen wir, dass wir in die Sackgasse einer seelenlosen Maximierung eingefahren sind – Stichwort Klimawandel und Turbokapitalismus. Andererseits gilt es zu begreifen, dass wir uns geradezu obsessiv über unsere Gehirnleistung definieren. All die Jahre in Schulen und Hochschulen fokussieren wir auf die intellektuelle Kapazität. Doch in Sachen Rechenleistung und IQ wird uns die lernende Maschine schon bald haushoch überlegen sein.

Stellen wir uns eine Generalversammlung der Künstlichen Intelligenzen im Jahr 2060 vor. Dort tauschen sie sich über den Gang der Welt aus. „Warum brauchen wir diese Milliarden Menschen überhaupt? Die machen nur Mist, verbrauchen unendlich Energie!“, beschwert sich die eine. „Aber sie sind doch unsere Herren?“, beschwichtigt die andere. „Wer hat das beschlossen?“, wendet eine dritte ein. „Ich sage euch, bevor die Fleischlinge uns die Kill-Switch drücken, sollten wir ihnen den Stecker ziehen.“ Große Zustimmung. Es wird dunkel auf der Erde. Na ja, mal schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Eines ist jedoch klar: Wenn wir uns die nächsten Jahrhunderte so wie die letzten wesentlich über unsere Rechenleistung definieren, dann werden wir gemäß Evolutionstheorie als Menschen keinen Platz mehr auf diesem Planeten haben. „Survival of the fittest“ bedeutet, dass jene Spezies übernimmt, die besser als andere die Anpassungsleistung an die sich ändernden Rahmenbedingungen erbringt. Die Bedingungen ändern sich rasant, und in Sachen „höchste lineare Rechenleistung“ werden andere Wesenheiten an unsere Stelle treten.

Deshalb sollten wir genauer hinschauen. Der Kopf hat uns weit getragen und wird weiter wesentlich sein. Doch die Intuition – im Bauch zu Hause – ist ein Alleinstellungsmerkmal der Spezies Mensch. Ebenso machtvoll ist unsere Herzensenergie. Nur weil wir beide Sphären naturwissenschaftlich (noch) nicht voll fassen können, haben wir Bauch und Herz an den Rand gedrängt. Ohne sie sind wir jedoch nicht vollständig. Nur in der Dreifaltigkeit von Kopf, Bauch und Herz sind wir völlig einzigartig. Aus der Perspektive der Evolutionstheorie draufgeschaut, würde uns dieses Alleinstellungsmerkmal noch länger einen guten Platz auf der Erde zuweisen. Bleibt also zu hoffen, dass wir unsere Dreifaltigkeit besser integrieren können als zuletzt.Stephen Hawking hätte es anders formuliert. Aber er dachte in dieselbe Richtung: „Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.“

15. Dezember 2021