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Matthias Strolz: Wer und was bin ich?

Die Welt aus neuer Perspektive. Was ist der Mensch? Wer bin ich? Fragen von großer Tragweite. Je nachdem, wie wir sie beantworten, dreht sich unser Leben. Gerade in Zeiten grober Verwerfungen widmen wir uns diesen Fragen. Kommen wir zu neuen Antworten, bebt unsere Welt. Unser Sein und Tun verändern sich, unser Alltag wird aus den Fugen gehoben. Wir begeben uns auf eine neue Ebene.

Matthias Strolz30. Juli 2020 No Comments
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Wir Menschen werden uns selbst immer ein Stück weit ein Geheimnis bleiben – sowohl im Kollektiven als Spezies als auch im Erkennen des persönlichen Selbst. Lohnt es sich dennoch, diese Entdeckungsreise anzugehen? Jawohl! Schon der Weg ist das Ziel. Wer bei wichtigen Entscheidungen im Leben seinem Wesenskern ein Stück näher kommt, kultiviert sein Glück und seine Lebendigkeit. Wer sich von sich selbst entfernt, säht Unfrieden.

Aus der Unzahl an Annäherungen an unsere Wesenheit seien hier zwei ausgewählt:

Annäherung 1: Wir Menschen sind zutiefst schöpferische Wesen. Jede und jeder von uns. Wir sind stetes Werden. An keinem Tag sind wir dieselben. Wir entwickeln uns bis zum letzten Atemzug. Keine Generation zuvor in der Geschichte unserer Spezies hatte eine so große Auswahl bei der Lebensgestaltung. Doch auch nie zuvor gab es so viel dunkle Verlockung. Ob wir konstruktive oder destruktive Wege gehen, bestimmen wir selbst mit. Neid, Hass, Missgunst, Aggression, Ignoranz, Arroganz – alle sind angelegt in uns. Und alle können “aufblühen”, wenn wir die entsprechenden Entscheidungen treffen. Gleichermaßen können sich Lebensfreude, Mitgefühl, Frohmut, Zufriedenheit, Dankbarkeit und Liebe prall entfalten, wenn wir sie achtsam kultivieren. Es steht nicht in unserer Macht, Hell oder Dunkel zu beseitigen. Aber es steht in unserer Macht, sie zu nähren oder sie in Schranken zu weisen.

Annäherung 2: Wir Menschen sind nicht nur vergängliche, sondern auch außerzeitliche Wesen. Mit der Ankunft auf diesem Planeten schlüpfen wir in einen sterblichen Körper, um uns für die Dauer unseres irdischen Daseins in Raum und Zeit zu binden. Wir werden „Fleischlinge“, wir bekommen ein machtvolles Gehirn, fünf Sinne. Gleichzeitig verstellen uns der Wahrnehmungsapparat und das Denken den Blick in die Unendlichkeit. Das kosmische Ganze verschleiert sich, um in das Abenteuer Menschsein einzutreten. So werden wir hineingeboren in vielfältige Spannungsbögen und Ambivalenzen. Sachzwänge dirigieren uns, Hormone steuern uns, Erziehung prägt uns, das politische System lenkt uns. Doch wir bleiben sonderbare Geschöpfe des (partiell) freien Willens.
„I am the master of my fate: I am the captain of my soul“, meint der englische Schriftsteller William Henley. Er beschreibt damit sein Ringen mit der Knochentuberkulose und den Kampf um den Verlust seiner Beine. Ich musste zu Beginn des Jahres an diese Zeilen denken, als ich in Soweto – im Südwesten von Johannesburg – vor dem ehemaligen Wohnhaus von Nelson Mandela stand. „Ich bin der Meister meines Schicksals. Ich bin der Käpt’n meiner Seele.“ Das war eines seiner Mantras, aus denen er während seiner 27 Jahre Haft als politischer Gefangener Kraft und Trost schöpfte. Er hat die Freiheit in seiner Gefangenschaft nie ganz verloren. Und er war vielfach gebunden, als er schlussendlich wieder „frei“ war.

Jede Ambivalenz und jede Spannung sind potenziell auch ein Trampolin für Lebendigkeit. Manchmal hebt es uns sogar so weit, dass wir einen Blick in die Ewigkeit erhaschen. Dann kippen wir aus der Zeit. Es sind dies für uns Erwachsene meist erlesene Momente, seltsam erfüllende. Sie lassen uns erahnen, dass wir mehr sind als sterbliche Körper. Wir sind eine kosmische Funktion, wundersame außerzeitliche Wesen auf Besuch auf einem wunderbaren Planeten.

Matthias Strolz gründete die politische Partei NEOS. Er ist Portfolio-Unternehmer, freier Publizist, Leadership-Begleiter und Mitgründer von story.one.

30. Juli 2020