Top Stories

Max Simonischek: Im Dauer-Spiel des Lebens

Die Kritiker lieben ihn: Der 36-Jährige verkörpert Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ob im TV-Zweiteiler „Hindenburg“, im Kino-Drama „Desaster“, mit seinem Regiedebüt von Kafkas „Der Bau“, am Wiener Burgtheater, am Berliner Maxim Gorki Theater oder zuletzt im Historiendrama über den Schweizer Reformator „Zwingli“ und in der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ in St. Margarethen. Im OOOM-Gespräch spricht der viel beschäftigte Schauspieler über Berlin, seine einjährige Tochter, die Suche nach den eigenen Grenzen, Spiritualität, warum soziale Medien ein Fluch sind – und über seine Suche nach dem richtig guten Leben.

Christina Zappella-Kindel8. Oktober 2019 No Comments
max simonischek ooom magazin

Sie sind in Westberlin geboren. Haben Sie als Kind die Mauer und die getrennte Stadt noch bewusst mitbekommen?

Nein. Ich wurde 1982 geboren und habe nur die ersten zwei Lebensjahre dort gewohnt. Deswegen kann ich mich nicht bewusst daran erinnern. Die erste bewusste Erinnerung, die ich daran habe, ist ein Spaziergang mit meinem Vater (Anm.: der Schauspieler Peter Simonischek), der damals an der Schaubühne war und der mir etwas über die Stadt erklärte. Das muss Ende der 1980er-Jahre gewesen sein. Ich war damals zu jung, um das zu begreifen, aber es ist die erste Erinnerung, die ich an die Mauer habe.

Berlin hat Sie immer wieder begleitet. Sie waren 2007 Ensemblemitglied am Maxim Gorki Theater, zu einer Zeit, als die Mauer und der Kalte Krieg längst Geschichte waren. Spürte man noch eine Art Aufbruchsstimmung in Berlin?

Das Maxim Gorki Theater ist ein altes Ost-Theater. Und es waren noch viele Kollegen der ehemaligen DDR dort unter Vertrag – unkündbar. Es war mein erstes Engagement nach der Schauspielschule. Für mich war diese Thematik gar nicht so präsent in meinem Leben, weil ich in Zürich und Norddeutschland aufgewachsen bin. Erst durch dieses erste Engagement bin ich darauf gestoßen, dass das nach wie vor eine solche Relevanz hat, selbst im heutigen Berlin noch. Was mich am meisten fasziniert hat, war dieser andere Wertekodex der ehemaligen DDR-Bürger, eine andere Form des Miteinanders. Der wurde dort viel höher gehängt. Das hat mich nachhaltig geprägt. Theater als Mannschaftssport und als Miteinander zu begreifen – da war das Maxim Gorki Theater mit seiner Historie sehr entscheidend.

Schweiz, Österreich, Deutschland – wo leben Sie am liebsten?

Ich würde sagen: in Europa. Ich bin überzeugter Europäer. Am liebsten bin ich da, wo meine Familie – meine Frau und meine Tochter – lebt, das würde ich gar nicht vom Land abhängig machen. Ich verbinde zu jedem dieser Länder ein Heimatgefühl. Großeltern in Österreich, aufgewachsen in der Schweiz, geboren in Deutschland. Deswegen ist Heimat entweder in meinen eigenen vier Wänden oder großgeschrieben in Europa.

Sie haben eine einjährige Tochter. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Es ist eine Erleichterung, wenn man sich selbst nicht mehr so wichtig nimmt. Es kommt eine Person ins Leben, nach der man alles ausrichtet. Man ist selbst nicht mehr an erster Stelle, sondern es kommt jemand ins Leben, der wichtiger ist. Das ist fast eine Entlastung. Beruflich hat es mich so verändert, dass ich jetzt mehr darauf achte, dass ich dort arbeite, wo meine Familie ist. Das ständige Reisen wird ab dem nächsten Jahr weniger werden.

Ein Ratschlag an Ihre 16-jährige Tochter?

Da hoffe ich, dass sie mit 16 schon so weit ist, dass ich ihr keine weisen Ratschläge mehr geben muss. Die Arbeit dafür ist jetzt zu leisten.

max simonischek ooom magazin

Welche Ratschläge haben Sie von Ihren Eltern bekommen, auch in Bezug auf die Berufswahl?

In Bezug auf die Berufswahl haben sie sich so verhalten, wie es sich für anständige Eltern gehört: Sie haben sich weitestgehend rausgehalten. Sie haben gesagt: „Finde einen Beruf, den du gerne ausübst und der dir Spaß macht. Dann sind die Voraussetzungen auch gegeben, dass du glücklich wirst und darin aufgehst.“ Ab dem Moment, da ich meinen Berufswunsch formuliert hatte, haben sie mich unterstützt. Ich hatte es natürlich leichter als einige meiner Kommilitonen, deren Eltern Metzgermeister sind und erst mal gar nicht verstanden haben, warum ihr Sohn jetzt in die Kultur geht. So würde ich das bei meiner Tochter auch handhaben.

In welchem Alter war es für Sie klar, dass Sie Schauspieler werden wollen?

Es gab nicht den einen romantischen Punkt, von dem an ich es wusste. Eigentlich würde ich mir diese Frage immer wieder gerne stellen und immer wieder neu beantworten. Mit jeder neuen Arbeit, die ich eingehe, möchte ich mich für den Beruf entscheiden – oder vielleicht auch einmal dagegen. Bei mir ist es nicht so, dass ich weiß, dass ich ihn bis zum Lebensende machen werde. Ich bin grundsätzlich ein neugieriger Mensch, was die Vorstufe von Kreativität für mich ist, und ich habe auch viele andere Inter­essen. Ich möchte so offen wie möglich bleiben.

8. Oktober 2019