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Max Simonischek: Im Dauer-Spiel des Lebens

Die Kritiker lieben ihn: Der 36-Jährige verkörpert Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ob im TV-Zweiteiler „Hindenburg“, im Kino-Drama „Desaster“, mit seinem Regiedebüt von Kafkas „Der Bau“, am Wiener Burgtheater, am Berliner Maxim Gorki Theater oder zuletzt im Historiendrama über den Schweizer Reformator „Zwingli“ und in der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ in St. Margarethen. Im OOOM-Gespräch spricht der viel beschäftigte Schauspieler über Berlin, seine einjährige Tochter, die Suche nach den eigenen Grenzen, Spiritualität, warum soziale Medien ein Fluch sind – und über seine Suche nach dem richtig guten Leben.

Christina Zappella-Kindel8. Oktober 2019 No Comments
max simonischek ooom magazin

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Nervt es Sie, immer mit Ihrem Vater Peter Simonischek verglichen zu werden?

Mittlerweile nicht mehr, es passiert auch nicht mehr so oft. Ich habe das Gefühl, dass ich mir darüber viel weniger Gedanken gemacht habe als alle anderen. Meine Entscheidung, diesen Beruf auszuüben, hat eigentlich nichts mit meinen Eltern zu tun. Nur, wenn in der Schauspielschule aufgrund meines Nachnamens die Aufmerksamkeit auf mich unnatürlich groß war, dann fühlte ich mich unwohl. Ich habe mir nach dem Abschluss eigentlich mehr die Orte und die Menschen ausgesucht, wo es keine Rolle spielt. Das war in Berlin am Maxim Gorki Theater und nicht in Österreich.

Film oder Theater – was entspricht Ihnen eher?

Theater, das kann ich klar sagen. Das assoziative Arbeiten und die Fantasiewelten werden viel großzügiger aufgebaut, während im Film doch eher immer die vermeintliche Realität abgebildet wird, auch in der Typbesetzung. Ich fühle mich angesprochener in diesem Fantasieraum Theater, da komme ich mehr auf meine Kosten. Auch die Auseinandersetzung mit dem Regisseur und den Kollegen ist intensiver. Wenn du dich jetzt acht Wochen in einem dunklen Raum einschließt und dir über Weltliteratur den Kopf zerbrichst, da kommst du einfach weiter unter die Oberfläche, als wenn du vier Drehtage bei der „SOKO Donau“ hast. Beim Fernsehen dreht sich vor allem alles um Zeit und Geld und Quoten. Das steht an erster Stelle und das bestimmt auch das Miteinander. Das Theater ist ein subventioniertes Institut und es kann sich noch erlauben, verschwenderisch mit Zeit und sich selbst umzugehen. Das ist ergebnisorientiertes, effizientes Arbeiten.

Wenn du dich acht Wochen in einem dunklen Raum einschließt und dir über Weltliteratur den Kopf zerbrichst, kommst du weiter unter die Oberfläche als bei vier Drehtagen „SOKO Donau“.

Ist Method Acting etwas, das man auch im Theater anwenden kann?

Method Acting ist für die Bühne sehr interessant. Das reine Method Acting nach Lee Strasberg ist vielleicht für die Bühne nur semigut, weil es ja viel mit dem sensorischen Gedächtnis arbeitet. Sich allein in eine Emotion zu bringen, die dann im Film zurechtgeschnitten wird, das funktioniert am Theater nicht. Da musst du dich wirklich auf die Emotion einlassen, die gerade auf der Bühne stattfindet, sonst würde das nicht matchen. Da halte ich mich lieber an Brecht oder Stanislawski mit ihren Theorien, beim Drehen durchaus einmal an Strasberg. Und insgesamt ist es wahrscheinlich eine Mischung, da pickt man sich die Rosinen heraus. Aber man darf es auch nicht zur Wissenschaft machen.

Gibt es Grenzen, an die Sie beim Schauspielen gestoßen sind?

Der Beruf ist eine Suche nach den Grenzen und ein Ausloten davon. Das ist auch das, was die Zuschauer interessiert und was mich auch am Leben erhält. Die Grenzen auszuloten, die man im Alltag eher zu umgehen versucht. Theater ist die Spielwiese, wo ich mich austoben kann in Sachen, die ich mich privat nicht traue.

Haben Sie sich dadurch auch besser kennengelernt?

Absolut. Das geht schon im Studium los, dass du dich nicht nur mit deinem Körper, sondern auch mit deinem Ich stark auseinandersetzt. All die existenziellen Fragen. Man muss dann eher aufpassen, dass sich nicht alles nur noch um einen selbst dreht. Da gibt es ja auch eine weit verbreitete Berufskrankheit.

Schauen Sie Netflix-Serien?

Ja, tue ich. Meine Frau ist ja Filmjournalistin. Ich kenne sie eigentlich nur mit Laptop auf dem Bauch und Netflix vor der Nase. Und manchmal klinke ich mich ein. Allerdings bin ich nicht so ein berüchtigter Serienjunkie. Aber ich kenne dieses Suchtpotenzial.

Gibt es eine Serie, die Sie besonders anspricht?

Ich bin nicht so up to date, aber was ich in Österreich besonders gelungen fand, war „Braunschlag“. Was der Kollege Ofczarek da so fabriziert hat – alle Achtung! „Der Pass“ haben wir auch geguckt. Aber die Amis sind schon noch Spitzenreiter mit „True Detectives“, „Peaky Blinders“ etc.

„Der Leopard“ kommt jetzt ins Kino, in dem Sie einen Schweizer Zuhälter verkörpern, der mit Waffen und Tierfellen, aber auch mit DDR-Flüchtlingen handelt. Was hat Sie an dieser Rolle fasziniert?

Das ist eine Biografie, die man wirklich nicht nach Zürich in die Schweiz legen würde, vielleicht eher nach Las Vegas. Mich reizte diese spezielle Biografie von diesem tierlieben, gewaltverherrlichenden Zuhälter, der mit seinen Geparden mitten durch Zürich spazieren gegangen ist. Mit seiner Knarre. Er war so ein Selbst­inszenierer, der gleichzeitig Flüchtlinge geschleppt hat. Das andere ist der Umgang mit dem Medium Film, was der Regisseur zusammen mit der Produzentin anstrebt. Achronologisch zu erzählen und auch einen Geist von ihm auftreten zu lassen, der das Geschehen kommentiert und mit dem Publikum direkt in Kontakt tritt – daran interessiert mich einfach die Unterwanderung unserer Sehgewohnheiten. Wenn ich vorhin gesagt habe, das Theater interessiert mich mehr, finde ich es beim Film spannend, die Grenzen zu durchbrechen und Neues zu probieren. Wenn dieser Versuch konsequent passiert, hat er mich schon gewonnen.

8. Oktober 2019