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Max Simonischek: Im Dauer-Spiel des Lebens

Die Kritiker lieben ihn: Der 36-Jährige verkörpert Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ob im TV-Zweiteiler „Hindenburg“, im Kino-Drama „Desaster“, mit seinem Regiedebüt von Kafkas „Der Bau“, am Wiener Burgtheater, am Berliner Maxim Gorki Theater oder zuletzt im Historiendrama über den Schweizer Reformator „Zwingli“ und in der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ in St. Margarethen. Im OOOM-Gespräch spricht der viel beschäftigte Schauspieler über Berlin, seine einjährige Tochter, die Suche nach den eigenen Grenzen, Spiritualität, warum soziale Medien ein Fluch sind – und über seine Suche nach dem richtig guten Leben.

Christina Zappella-Kindel8. Oktober 2019 No Comments
max simonischek ooom magazin

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Würden Sie gerne mal den Jedermann spielen?

Aus heutiger Sicht würde ich Nein sagen. Zum einen finde ich die Essenz des Stücks nicht so wahnsinnig spannend, zum anderen würde ich mich in dem Rummel, der um diese Figur gemacht wird, in dem ganzen Kasperl­theater, das man als Jedermann mitspielen muss, zu unwohl fühlen. Aber wer weiß, was in Zukunft sein wird.

Regiearbeit?

Ein zartes Pflänzchen ist da. 2015 habe ich einen Abend mit mir selbst, einen Kafka- Monolog, auf die Beine gestellt. Eine Stunde Spielzeit in Zürich. Mittlerweile habe ich das verkauft, hab es im Burgtheater gespielt, im Schauspiel Frankfurt, bei den Salzburger Festspielen. Das ist so der erste Schritt in diese Richtung. Das hat mich bereichert und mich auch aus einer Krise befördert. Aber es ist ein zartes Pflänzchen, das ich mir für schwere Zeiten aufhebe, wenn mich mal die Lust am Schauspielen verlassen sollte.

Das große Thema unserer Zeit ist der Umwelt- und Klimaschutz. Der Amazonas brennt, Brasiliens grüne Lunge steht in Flammen, „Fridays for Future“ wurde zur globalen Bewegung. Haben Künstler und Schauspieler eine Verpflichtung, da ihren Teil beizutragen?

Zum einen gibt es die sozialen Medien, wo viele Kollegen dazu aufrufen, Müll zu trennen oder Plastik zu reduzieren. Ich halte mich in den sozialen Medien eher zurück und versuche, es im privaten Leben schon umzusetzen: das Licht auszumachen, Müll zu trennen. Ich glaube, da geht es um ein Bewusstsein.

Essen Sie Fleisch?

Ich esse Fleisch, aber immer weniger. Und auch nur, wenn ich weiß, wo es herkommt. Dieses Bewusstsein hat dazu geführt, dass ich mir meistens vegetarische Gerichte bestelle, wenn ich nicht weiß, woher es ist.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Weniger, weil ich auch nie so richtig wählen durfte. In Deutschland, wo ich geboren bin, durfte ich nicht wählen, weil ich den Pass nicht besitze. In Österreich habe ich nicht gewählt, weil ich hier nicht wohnhaft war. Nur die Schweizer schicken mir seit zwei Jahren Wahlunterlagen, seitdem wähle ich auch in der Schweiz.

Können Sie mit Spiritualität etwas anfangen?

Wenn, dann am ehesten in der Natur. Ich wandere gerne, am liebsten allein. Wenn man das als spirituell bezeichnen kann, dann wohl so, dass ich meine Kraft aus der Natur ziehe. Ich bin überhaupt kein religiöser Mensch. Auch mit Buddhismus oder Meditation habe ich noch keine Schnittpunkte, wobei ein langes Wandern in der Natur fast schon etwas Medi­tatives hat. Bei der Frage, wie ich meine Tochter großziehen will, beobachte ich zwei Dinge: Religion wird bei der Jugend immer unwichtiger, und auch ein gewisser Werteverfall ist zu bemerken, der Umgang miteinander, das höfliche Miteinander. Ich glaube, da besteht ein Zusammenhang: die Religion als Vehikel, ein Wertesystem aufzubauen. Ich glaube nicht, dass das nur durch Religion zu vermitteln ist, aber irgendetwas müsste man vielleicht als Ersatz finden, wenn man nicht mehr religiös ist.

Ihr Instagram-Account hat 4600 Follower, was extrem überschaubar ist. Sind soziale Medien für Sie Fluch oder Segen?

Ich würde eher sagen: Fluch. Es liegt mir grundsätzlich fremd, mein Privatleben zu veröffentlichen. Man kann es aber gut dosieren. Tom Waits hat mal gesagt: „Die Öffentlichkeit ist eine gefährliche Bestie, man sollte sie nur ab und zu füttern.“

Mittlerweile gehört Instagram leider zum Business. Followerzahlen sind bei Castings oft der entscheidende Faktor, noch vor dem Talent. Ein Wahnsinn! Soziale Medien sind eher Fluch als Segen.

Nutzen Sie Instagram, um sich mitzuteilen oder um Ihre Fanbase zu vergrößern?

Mittlerweile gehört Insta­gram leider zum Business. Follower-Zahlen sind bei Castings oft der entscheidende Faktor, noch vor dem Talent oder dem Zusammenspiel. Ein Wahnsinn, dem ich mich am liebsten verweigern würde. Als Kompromiss nutze ich Instagram hauptsächlich als Werbeplattform, um über meine Arbeit zu berichten.

Was bedeutet ein richtig gutes Leben für Sie?

Da halte ich es mit Goethe, der schreibt: „Augenblick, verweile doch.“ Ein richtig gutes Leben habe ich, wenn ich es schaffe, im Moment zu leben, und nicht ständig an den nächsten denke. Wenn es mir gelingt, den Augenblick – vor lauter Angst, etwas zu verpassen – nicht zu verpassen.

 

Fotos: Roland Unger

 

 

8. Oktober 2019