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Maximilian Riedel: Glasmagie aus Österreich

Er übernahm in 11. Generation das Traditionsunternehmen Riedel Glas. Der Top-Unternehmer über Aberglauben, seinen kleinen Sohn und die Hektik des Lebens.

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

Herr Riedel, was macht einen guten Designer aus?
Ich glaube, wenn man sich selber mal die Frage stellt: „Bin ich ein guter Designer oder nicht?“, dann hat man schon verloren. Ich habe relativ früh eine gute Idee gehabt, das Riedel-O-Glas ohne Stiel zu entwickeln, das war einfach in meiner kleinen Industrie ein Quantensprung, weil es eine Innovation darstellte. Das letzte Neue war von meinem Großvater, der einfach Gläser ohne Dekoration auf den Markt gebracht hat.

Schmeckt ein billiger Wein aus einem guten Glas besser?
Mein Vater hat in Schweden vor vielen Jahren eine wunderbare Verkostung gemacht, um genau diese Frage zu beantworten. Besonders in Skandinavien sind Tetra-Pak-Weine sehr begehrt. Einer dieser Tetra-Pak-Weine wurde damals in Riedel-Gläsern präsentiert. Das Interessante war, dass die Weine, die gewonnen haben, im Riedel-Glas präsentiert wurden und alles Tetra-Pak-Weine waren. Es gibt gute, es gibt sehr gute, es gibt aber auch Durchschnitts-Weine. Wenn man sich den Durchschnittspreis anschaut bei Hofer und Aldi, da fängt guter Wein bei 3 € an. So etwas habe ich selber, glaube ich, noch nie verkostet. Nicht, weil es mich nicht interessiert, sondern weil mir so ein Stoff noch nie in die Quere gekommen ist.

Was ist an einem Riedel-Glas anders?
Mein Großvater sagte immer: „Menschen, die aus Riedel-Gläsern Wein trinken, trinken einfach den besseren Wein.“ Das ist die Botschaft, die ich in allen meinen Verkostungen noch einmal kommuniziere. Es ist nicht, dass meine Gläser den Wein irgendwie beeinflussen. Sie präsentieren ihn nur so, wie er gemacht wurde.

Wie intensiv muss das Bewusstsein des Konsumenten geschult werden, um das auch zu verstehen?
Es ist fast wie eine Religion.Wir müssen über diese Guerilla-Taktik die Menschen an den Tisch bringen, um ihnen durch eine Verkostung zu zeigen, wie wichtig der Unterschied der Gläser ist. Nur wenn der Mensch dieses Aha-Momentum einmal gehabt hat, einmal hineingerochen hat, die Viskosität am Gaumen gespürt hat, wie sich der Wein anders verhält, und dann den ersten Schluck genommen hat, dann kann man ihn überzeugen. Ansonsten bin ich mir sicher, dass 85 % der Leute unsere Gläser nur kaufen, weil sie schöne Gläser sind. Oder weil die Marke bekannt ist.

Wir leben in einer digitalisierten Welt, wohin sich auch der Weinhandel verlagert. Wo kann ich dann dieses Aha-Erlebnis noch haben?
Wir sind ohne die Sinne des Menschen Staubfänger. Jeder hat zuhause eine Vase, eine Schüssel, ein Glas, das er selten benutzt, weil Schnittblumen meines Erachtens nicht mehr modern sind. Und deswegen die Dinge verstauben. Ein Riedel-Glas verstaubt genauso. Außer man füllt es mit Wein, dann gibt es den Kontakt mit den Sinnen. Ich kann Emotion im Internet nur über das Bild kommunizieren. Da möchte ich zurückgehen in die 80er-Jahre: Die Einzigen, die es damals geschafft haben, was man heute nicht mehr als modern sieht, ist Benetton. Benetton hat damals mit der Nonne, mit Blut und einem sterbenden Aidskranken in der Werbung die Welt in Aufruhr versetzt. Und hat mit diesem Skandal, der zu der Marke Benetton gar keinen Bezug hatte, die Leute aufmerksam gemacht.

Oliviero Toscani, der die Kampagnen damals fotografierte, war ein kreatives Genie.
Beispiel Formel 1: Sie hat keinen Sound mehr, und man kann auch nur mehr über Bilder kommunizieren. Die Rennfahrer schauen alle gut aus, aber es fehlt der Tod, das Excitement. Fragen Sie Niki Lauda, was sich verändert hat. Er wird sagen: „Die Emotion.“ Damals ist jedes Rennwochenende jemand verunglückt, so tragisch das war: Es hat die Massen angezogen. Wie kann ich also Weingläser digital so präsentieren, dass die Leute emotional eine Beziehung aufbauen? Unmöglich. Man riecht nicht, man schmeckt nicht. Ich kann nur eine Verkostung von Riedel emotional gestalten. Da müssen die Leute aufschreien!

Sie haben 13 Jahre in den USA gelebt, bevor Sie nach Kufstein zurückgekehrt sind und als CEO das Unternehmen übernommen haben. Sie haben die Verkaufszahlen in den USA vervierfacht. Wie?
Es war der richtige Zeitpunkt, um am richtigen Ort zu sein. Mein Vater hat Ende der 70er-Jahre die Marke in die USA gebracht. Unser erster Kunde war Tiffany, der an die Gläser geglaubt hat. Und ist es heute noch. Dann hat er sehr früh den Herrn Mondavi kennengelernt, der hat die Weinkultur in Amerika großgemacht und auch den teuersten Wein Amerikas produziert, Opus One. Es war einfach der richtige Zeitpunkt.