Arts & DesignMagazin

Maximilian Riedel: Glasmagie aus Österreich

Er übernahm in 11. Generation das Traditionsunternehmen Riedel Glas. Der Top-Unternehmer über Aberglauben, seinen kleinen Sohn und die Hektik des Lebens.

Jessica Schreckenfuchs14. Februar 2017 No Comments

Aber vielleicht von seinem Lächeln?
Es ist für mich die größte Genugtuung, wenn mein Sohn mich schätzt, mich erkennt, zu mir kommt, ob auf allen Vieren, kriechend etc. Das beflügelt mich jetzt. Das ist keine Motivation, sondern das ist eine Genugtuung. Das ist eine Liebe, die ich vorher nicht kannte. Ich war mir selber immer am nächsten, weil ich immer alleine unterwegs war. Ich bin zu viel in der Welt herumgekommen. Ich bin mit 11 aus meinem Familienhaus in ein Camp nach Kanada, mit einer Sprache, die ich nicht kannte, einen Monat im Wald überleben. Dann bin ich ins Internat, dann bin ich zum Bundesheer. Ich war immer selbstständig. Das war auch das Ziel meiner Erziehung. Mein Vater hat immer gesagt: „Junge Adler müssen fliegen. Ihr müsst’s raus, ich will euch nicht sehen.“

Hat Ihnen da nicht die Nähe zu Ihren Eltern auch irgendwie gefehlt?
Nein. Dadurch ist auch der Respekt noch intensiver geworden. Sie haben es richtig gemacht. Ich bin aber auch aufgewachsen in einer Zeit, da war die Frage: Überlebt die Firma oder nicht? Wir waren dem Bankrott sehr nahe in den 80er-Jahren, als mein Großvater an meinen Vater übergeben hat. Das heißt, wir sind in Italien am Mercato angezogen worden. Ich merke schon, dass bei mir ein gewisser Luxus eingekehrt ist, den meine Familie nicht gehabt hat. Und das war eigentlich sehr wichtig für mich.

Gibt es Fehler, die Sie bei Ihrem Sohn nicht machen möchten, die vielleicht Ihr Vater gemacht hat?
Nein … Die gesunde Watsch’n – die ist vielleicht nicht mehr modern.

Gibt es Dinge, die Sie anders machen möchten?
Nein. Weil ich bin das Produkt meiner Erziehung.

Und es gibt auch nie Momente, in denen Sie das hinterfragen?
Wenn ich nicht gerade mit meinen Eltern total gut wäre, könnte ich Ihnen wahrscheinlich einen Roman erzählen. Aber zurzeit läuft es relativ gut. In einem Familienunternehmen gibt es schon gewisse Punkte, wo man sich nicht schätzt, und nicht duldet und aggressiv gegenübersteht und frustriert ist. Diese Momente gibt es, aber man muss es langfristig sehen.

Ich kenne Unternehmer, da sind die Söhne CEOs und leiten das Unternehmen, und die Väter mischen sich noch immer sehr aktiv ein. Bei mir genauso. Schrecklich.

Und müssen Sie da manchmal sagen: „Sorry, Papa, das entscheide jetzt ich!“
Ja oft. Diese Momente gibt es. Und ich muss sagen, mein Vater ist ein Genie in allem, was er tut. Er ist extrem sportlich und – er hat keine Hobbys. Ich glaube, er ist zu früh ausgestiegen, er hat mich zu früh zurückgeholt. Weil mit 68 Jahren bist du am Anfang des Endes sozusagen. Du hast noch alles in dir, er geht wahrscheinlich schneller den Wilden Kaiser rauf als ich. Es ist wahrscheinlich zu früh gewesen. Und er sucht jetzt die Balance.

Es gibt viele Manager, die sagen, sie brauchen gewisse Rituale, damit sie zu sich finden können. Ist das bei Ihnen auch so?
Ich fliege zum Beispiel immer mit dem gleichen Gepäck, habe immer das Gleiche an im Flugzeug. Da bin ich ein bisschen abergläubisch. Wenn man sich an ein Limit treibt, dann glaubt man zwar an sich selbst, aber so von sich selbst eingenommen sein kann man gar nicht. Und dann braucht es ein Ventil. Ich bin auch ein sehr gläubiger Mensch. Ich bete auch.

Hilft Ihnen das in schwierigen Situationen weiter?
Im Aufbauen – wenn ich weiß, die schwierige Situation kommt auf mich zu – ja. Im Moment selber nein. Da bist du alleine auf dich gestellt. Aber wenn ich weiß, ich muss jetzt dem Piloten vertrauen, dass er diese 400 Tonnen in die Luft hebt, dann kann ich ihn ja nicht unterstützen. Dann bete ich.

Das heißt, Sie haben eher Angst vorm Fliegen?
Nein. Aber ich bin schon mehrmals in der Situation gewesen mit Notlandungen, auch von größeren Flugzeugen, wo das Triebwerk explodiert ist.

Wenn Sie sagen, Sie sind ein gläubiger Mensch: Gibt es einen Himmel
Ja. Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt. Ich habe relativ viele Unfälle gehabt, auch schwere, bin wochenlang im Krankenhaus gelegen, im Rollstuhl gesessen. Habe Autounfälle gehabt, Schiunfälle, alles Mögliche. Und mein Großvater hat mir als Kind immer eines gesagt: Der Grund, warum er lebt, ist, weil man auf ihn aufpasst. Wenn ich gefragt habe „Wer?“, meinte er: „Der Heilige Geist hat irgendwo was für uns Riedels. Die Kugeln fliegen an uns vorbei.“ Und wenn man sich jetzt die 260-jährige Geschichte anschaut, und ich habe die Geschichte jetzt vertieft studiert, dann hat er recht. Mein Vater hat immer gesagt: Rückspiegel gibt es bei ihm keinen. Die haben alle Glück gehabt! Bei mir ist es das Gleiche: Die Kugeln fliegen an uns vorbei, ich habe das alles überlebt, weil der Heilige Geist auf uns aufpasst.

Schöne Ansage.
Darf ich danach leben? Nein. Darf ich deswegen aus dem Flugzeug ohne Fallschirm springen – eher nicht.

14. Februar 2017