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Maximilian Riedel: Im Glaspalast

Der Glas-Tycoon über Corona, seine Träume und seine waghalsigen Stunts für seinen Instagram-Account. Maximilian Riedel leitet in 11. Generation die Wine Glass Company Riedel, die zu den führenden Glasproduzenten der Welt gehört. Mit der „Steamless Wings“-­Kollektion setzt das Unternehmen neue Maßstäbe im Glasdesign. OOOM sprach mit dem Riedel-CEO über Corona, die Kostenexplosion, das Aussterben der Glasmacher - und was uns alle nach Covid-19 erwartet.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Herr Riedel, Corona hat vielen Unternehmen extrem zugesetzt. War es eine harte Zeit für Riedel oder bestellten sich viele Leute schöne neue Gläser für daheim?

Ein bisschen von beidem. Der Anfang war für alle schwer, auch für uns. Wir haben die Kurzarbeit in den Werken, bei Kommunikation, Vertrieb beansprucht. Ich möchte mich dafür bei der Politik in Österreich bedanken. Als ein Mensch, der die ganze Welt bereist, ist das sehr schwierig, wir haben aber genauso wie viele andere den Vorteil in Zoom Calls gefunden und sehr viel dabei gelernt. Auf Messen werden wir wahrscheinlich nicht mehr ausstellen, weil es einfach nicht mehr notwendig ist im 21. Jahrhundert. 2020 haben wir natürlich einen signifikanten Einbruch gehabt, weil die Gastronomie, die Fluggesellschaften und die Kreuzfahrt-Industrie weggefallen sind. In der Stückzahl war es ein Rückgang, im Umsatz sind wir aber gleich geblieben und 2021, so wie es sich jetzt darstellt, wird wohl das erfolgreichste Jahr in der Firmengeschichte.

Unser Online-Geschäft ist explodiert, was wir nicht voraussehen konnten. Wir haben uns schon vor fünf Jahren auf B2C und das Onlinegeschäft konzentriert – das hat jetzt gefruchtet. 

Wenn ich in Prescott, Arizona, Riedel-Gläser bestelle: Wer liefert mir diese und wie schnell?

Riedel USA innerhalb von 24 Stunden. Wir haben eine Distributionslogistik weltweit, darauf sind wir sehr stolz. Dubai, Indien, den kleinsten Ort in China – all das kann ich abdecken. Das ist über die Zeit aus der Frustration heraus gewachsen, dass gewisse Partner nicht kreativ genug waren. Der stationäre Handel hat lange nicht verstanden, dass es ohne Online nicht mehr geht. 

Sie feiern das 265-jährige Jubiläum. Welche Lehren haben Sie aus der Coronazeit gezogen?

Wovon wir unheimlich abhängig sind, ist die Logistik. Meine Gläser brauchen die Zufuhr von Elektrik, um sie herzustellen. Da gibt es jetzt massive Kostensteigerungen, das ist den Menschen noch nicht bewusst geworden. Die Blockade im Suezkanal, der Warenfluss aus China, davon bin ich nicht abhängig. Ich bin aber abhängig vom leeren Container, dass der rechtzeitig übergeben und gefüllt werden kann. Das ist alles nicht mehr möglich. Dann die ganze Verpackung, selbst Paletten kosten jetzt mehr als das Doppelte. Das sind Strukturkosten, die ich in meinem Preis irgendwo unterbringen muss, weil ich lebe von meiner Marge, der Handel lebt von seiner Marge, ich kann das nicht von der Marge abziehen. 

Sind Luxusprodukte immer Krisengewinner?

Riedel international hat bis vor fünf Jahren für mindestens 15 Jahre die Preise auf dem gleichen Niveau gehalten, wir haben keine Preiserhöhung gemacht. Wir haben über eine bessere Produktion mehr Geld verdient. In den letzten fünf Jahren hatten wir fünf Preis­erhöhungen, einfach weil die Produktion teurer geworden ist. Ich weiß nicht, ob das der Endkonsument versteht, aber ich kann ja nicht die Preise nach oben ziehen und dann ein Jahr später mit den Preisen wieder nach unten gehen. Warum? Ich nehme ja damit den Wert des Lagers meines Kunden. Ich bin nicht der Benzinpreis, es kann also preislich immer nur nach oben gehen. Weil sonst müsste ich das ja als Lieferant ausgleichen, wir reden hier von 50 Millionen Gläsern. 

2004 haben Sie mit „O“ eine erfolgreiche Glasserie auf den Markt gebracht, wo Sie den Stiel kappten. 

Was zeichnet die neue Steamless-Wings-Serie aus? 

Das ist eine komplette Neuentwicklung. 

Wer entscheidet letztendlich über das Glas? Sind Sie das? Ist es das rein subjektive Empfinden des Maximilian Riedel, der sagt: Da ist der Cabernet am besten, so machen wir‘s!

Es ist immer ein Entwickeln und dann ein Feintuning mit Winzern. Diese sitzen dann zusammen und in der Verkostung wird dann aus Prototypen das Glas erarbeitet. Diese Serie ist die letzte meines Vaters Georg Riedel. Die ist auf seinen Gaumen abgestimmt. Mit dem ganzen Wissen, das er sich über die letzten 40 Jahre erarbeitet hat. Es ist nicht besser oder schlechter, es ist anders und dem entsprechend, was er am meisten wertschätzt: Das ist die Mineralität im Wein, in der Traube. Das ist ein ganz anderes Erlebnis, optisch, geruchlich, geschmacklich. Es ist von der Designsprache so markant anders, dass die Leute sagen: „I love it“ oder „I hate it“. Da gibt es nichts dazwischen. Wir greifen bei der Entwicklung, die in diesem Fall zwei Jahre gedauert hat, auf modernste Tools aus der Autoindustrie zurück, denn mittlerweile kann man selbst Prototypen aus Glas im 3D-Drucker produzieren. 

19. November 2021