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Maximilian Riedel: Im Glaspalast

Der Glas-Tycoon über Corona, seine Träume und seine waghalsigen Stunts für seinen Instagram-Account. Maximilian Riedel leitet in 11. Generation die Wine Glass Company Riedel, die zu den führenden Glasproduzenten der Welt gehört. Mit der „Steamless Wings“-­Kollektion setzt das Unternehmen neue Maßstäbe im Glasdesign. OOOM sprach mit dem Riedel-CEO über Corona, die Kostenexplosion, das Aussterben der Glasmacher - und was uns alle nach Covid-19 erwartet.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Stephan Schwartz von der Saybrook University in Kalifornien hat eine Serie von Experimenten mit Cabernet Sauvignon gemacht, wo er den Wein aus derselben Flasche in zwei identische Karaffen gießen ließ. Eine Karaffe stellte er in einen Raum, wo eine Gruppenmeditation stattfand, die Meditierenden richteten ihre Intention auf diese Karaffe. Mit der anderen Karaffe machte er gar nichts. Danach sollten Testpersonen feststellen, welcher Wein besser ist, ohne zu wissen, dass es derselbe Wein war. In elf von zwölf Experimenten wurde jener Wein eindeutig als besser empfunden, über den meditiert wurde. Was sagst uns das?

Ich bin von solchen Sachen sehr beeindruckt. Wir wissen das ja auch aus der Weinproduktion, angefangen vom Alois Lageder, den ich vor einigen Wochen besucht habe und der immer Musik spielt im Weinkeller, damit der Wein beim Ruhen irgendwo diesen Rhythmus oder diese Schwingungen mitnimmt. Das kann alles sein. 

Beeinflusst vielleicht jeder von uns seinen Wein selbst individuell mit seinen Gedanken?

Ein gekorkter Wein ist ein gekorkter Wein und ein schlechter Wein ist ein schlechter Wein. Kann ich mit dem Glas mehr herausholen? Ja, und das kann man auch beweisen: Trinkfluss, Trinkverhalten, Entwicklung des Weines. Aber trotzdem: Ich kann es glauben und ich glaub das auch. So rational bin ich gar nicht, ich bin auch einer, der ein bisschen ein Träumer ist.

Wie definieren Sie Träumer?

Ich habe eine Vision.

Wie ist Ihre Vision? 

Die Leute mit Riedel zu begeistern, die Leute abzuholen.

Das machen Sie ja schon. Was kann da noch die Steigerung sein? Nur höhere Umsätze?

Als Eigentümer einer Marke hast du natürlich ein Ziel, die Marke ist wie ein Kind. Und ich kann es erst sagen, seit ich selbst Kinder habe. Du willst, dass sie sich entwickelt und entfaltet, dass du Leute damit begeistern kannst, dass sie deinem Produkt vertrauen und dass die ganze Welt es genießt. Und ich möchte mit meinem Produkt auch ein Zuhause schaffen für die nächste Generation. Es gibt meine Kinder, es gibt meine Neffen und ich möchte denen ein Unternehmen übergeben, mit dem sie Freude haben. 

Womit kämpft ein Unternehmen wie Ihres heute?

Wir sind leider in einem Segment, wo von außen wenig Einfluss kommt. Alle Maschinen, die unsere Gläser herstellen, sind selbst entwickelt, weil einfach der Glasmarkt zu klein ist. Das Thema ist nicht wichtig genug und es gibt sehr wenige Hersteller, es gibt keine Kommunikation unter den Herstellern, kein Miteinander.

Ich bin ein Verrückter, und wenn ich nicht Glasmacher geworden wäre, wär ich wahrscheinlich bei Red Bull untergekommen. 

Viele fragen, was bringt Dekantieren? Es ist Erleben. Das Wichtigste im Leben ist Zeit und das Miteinandersein. Jetzt in der Pandemie haben wir uns ein Haus in der Toskana gemietet, haben die ganze Familie unter ein Dach gebracht, Zeit miteinander verbracht und das ist das Schönste, was es gibt.

Sie bespielen auf sehr amüsante Weise Ihren Instagram-Account mit 158.000 Followern. Maximilian Riedel dekantiert Wein auf Wasserski, macht waghalsige Manöver und fast stuntähnliche Szenen. 

Ich bin ein Verrückter, und wenn ich nicht Glasmacher geworden wäre, wär ich wahrscheinlich bei Red Bull untergekommen. Das macht mir Spaß, es ist nicht erzwungen. Ich hab junge Neffen, das sind wilde Hunde und ich als Mitte 40-jähriger kann mit ihnen mithalten und sie begeistern. Die Leute merken, dass mir das Spaß macht. Die Marke Riedel mit ihren 265 Jahren könnte ja verstaubt wirken. Doch wir sind nicht verstaubt, wir sind innovativ, wir sind kreativ. Riedel Glas ist teuer, aber es ist auch stabil, das zeigen solche Stunts. 

Wie viele Gläser sind bisher zu Bruch gegangen?

Genau eines, aber nicht bei einem Manöver, sondern als ich im Teich das Glas mit einem sehr langen Stiel durchziehen wollte. Ich hab wenig Ahnung von der Physik, das Gewicht des Wassers hat das Glas zerstört und mir fast den Finger abgetrennt. 

www.we-see.at / Christoph Villgrattner

Sie sagten mir mal: Das Wesentlichste ist, dass die Leute das Glas mit Wein ausprobieren, es in der Hand halten und verkosten. Nur so merkt man den Unterschied. Wie geht das zu Coronazeiten?

Das leidet unfassbar. Unser USP des miteinander Verkostens in großen Räumen mit 300 bis 1.000 Menschen findet einfach nicht mehr statt. Wir haben es versucht, die Leute über Zoom abzuholen: es funktioniert nicht, es fehlen die Emotionen und darunter leidet die Marke. Wir müssen die Leute wieder motivieren, zusammenzukommen, Wein zu riechen und zu verkosten, weil das macht den großen Unterschied. Das Glas überzeugt durch seine Funktionalität. Wir müssen die Leute dazu aufrufen: Steck deine Nase ins Glas!

Wie werden die nächsten fünf Jahre?

Das Leben wird signifikant teurer, also einfach alles. Gewisse Berufe werden aussterben, angefangen beim Glasmacher. Es werden manche Produkte noch seltener werden und die Nachfrage wird steigen. Wir Europäer sind jetzt genauso wie die Amerikaner draufgekommen, wie sehr wir von China abhängig sind. Fliegen wird teurer, Autofahren wird teurer. Es wird Preiserhöhungen geben, zweistellig. Es geht nicht anders, auch auf neu vorgestellte Produkte, weil die vor zwei Jahren kalkuliert worden sind. Also es wird nicht leichter werden, aber ich bin optimistisch. 

Und der Wein?

Die Jahrgänge werden immer besser, 2020 scheint ein guter Jahrgang zu werden. 

19. November 2021