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Die OOOM Redakteurin über ihren guten Riecher

Ich mochte schon als Kind meine Nase nicht und wagte deshalb den Gang zum Schönheitschirurgen. Der lange Weg einer prägenden Entscheidung.

Jessica Schreckenfuchs14. Februar 2017 No Comments

Ich bin etwas Besonderes. Das haben mir schon meine Eltern im Kindergarten gesagt. Wahrscheinlich lag das an meinem extravaganten Kleidungsstil: blaue Sternchenbrille, grüne Cordhose mit rotem Quastenpulli, aufgepeppt mit einem Faltenrock aus Gold und – das Wichtigste – schwarze Klapperschuhe mit goldener Masche. Ohne die konnte ich nicht sein. Jedem meiner Outfits habe ich mit einem Gürtel aus braunem Bastelgarn das gewisse Etwas verpasst. Und ich habe es geliebt.

Die Supernase. Ich bin also schon im Kindesalter aufgefallen. Das ausgeflippte Mädchen mit der großen Brille, haben sie mich genannt. Die quirlige Blonde, die gerne redet. Manche nannten mich aber einfach nur Nasenbär, Brillenschlange oder Kartoffelnase. So sind sie halt, die Kinder. Aufgekratzte, brutal ehrliche Frohnaturen, die dir einen jeden noch so kleinen Gedanken unverfroren ins Gesicht brüllen.

So außergewöhnlich meine Erscheinung damals war, so gediegen ist sie heute. Die Cordhosen und Bastelgarn-Gürtel habe ich ad acta gelegt. Die Sternchenbrille gegen Kontaktlinsen getauscht. Und die Zahnspange aus meiner Teenagerzeit habe ich nach etlichen Jahren entfernen lassen. Ich hab mich also zu einer ansehnlichen Gestalt entwickelt. Die Nase allerdings, die ist geblieben. Mit meiner Nase hatte ich schon immer ein Problem. Sie ist mir ein Dorn im Auge, was nicht zuletzt an ihrer Größe liegt. Sie ist knubbelig, lacht mit ihrem Höcker jedem ins Gesicht und verleitet durch ihre unnatürlich schmalen Nasenlöcher dazu, zu fragen, ob ich überhaupt atmen könne. Wie geht man damit um, wenn man sich mit seiner Charakternase nicht identifizieren kann? Muss man sein Äußeres akzeptieren, nur weil es einem von Natur aus gegeben ist?

Meine Nase und ich haben versucht uns zu arrangieren, uns zu lieben und zu ehren, an guten wie an schlechten Tagen. Irgendwann haben die schlechten überwogen, und ich war frustriert. Wenn die Gesellschaft anfängt einen mit „Ach ja, Sie meinen die Dame mit der lustigen Brille und der großen Nase“ zu beschreiben, fängt man an, über sich selbst nachzudenken. Sieht mich die Gesellschaft wirklich als Nase, die an einem Körper hängt? Oder nehme ich mein eigenes Äußeres so verzerrt wahr, dass ich mir „den Zinken“ nur einrede?

Neue Ästhetik. Geprägt von den Erlebnissen aus dem Kindergarten begab ich mich also gemeinsam mit meinem guten Riecher auf die Suche nach neuer Ästhetik. Plastischer Ästhetik. Leicht ist mir das nicht gefallen. Wer lässt sich schon gerne im Gesicht herumfräsen, die Haut aufschneiden und die Nase bis zum Anschlag umklappen? Entscheidet man sich für eine kosmetische Operation, gibt man unweigerlich ein Stück seiner eigenen Geschichte auf. Den kleinen Busen, die schmalen Lippen oder die krumme Nase. Aber ein Leben zu führen mit einem Makel, der einen sowohl optisch als auch psychisch stört, ist anstrengend. Es ist kräftezehrend und belastend. Den Entschluss zu fassen, „es zu tun“, ist mutig. Den Tag der Operation auszusuchen ist aufregend. Am Operationstag im weißen Kittel mit einem Venenkatheter im Arm auf den Eingriff zu warten ist furchtbar. Er macht Angst und lässt alles hinterfragen.

Das neue Ich. Für einen kurzen Moment kommt das Gefühl von Reue. Nackte Angst vor dem, was gleich passiert. Für mich war es die Angst vor meinem neuen Ich. Immerhin lösche ich doch mein altes Ich aus. Tue ich also das Richtige? Verleugne ich mich selbst? Bin ich nachher noch ich und akzeptiere meine neue Erscheinung?

Und dann kam er. Der nach Desinfektionsmittel riechende Moment, der alles ändern wird. Drei Schritte in den Operationssaal, zwei kurze Sätze mit dem Arzt, und eine gefühlte Minute später war der Eingriff schon wieder vorbei. Das Gefühl danach: Freude und Erleichterung.

Zwei Wochen nach dem Eingriff kam endlich der weiße Nasengips runter. Als ich meine neue Nase zum ersten Mal sah, ging mir nur ein Gedanke durch den Kopf: Ich bin tatsächlich immer noch ich. Und meine neue Nase passt zu mir. Sie gibt meinem Gesicht den Ausdruck, den ich will. Sie wirkt auf Leute so, wie ich möchte, dass sie wirkt. Natürlich und unscheinbar. Passend zu dem, was ich bin: unverblümt, quirlig, mit einem besonderen, einzigartigen Charakter. Nur nicht mehr im Gesicht.