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Stararchitekt Daniel Libeskind: Der Meister des Designs

Er entwarf den neuen „One World Trade Center“-Komplex am Ground Zero. Libeskind über Architektur, Emotionen und den Siegeszug der Städte.

Herbert Bauernebel12. Juni 2018 No Comments

In diesem Moment war das Gewicht der Geschichte spürbar. Für Daniel Libes­kind, Architekt von Weltrang und Sohn zweier polnischer Holocaust-Überlebender, sollte es ein denkwürdiger Tag werden. Er machte sich bereit für einen Besuch der Eröffnungszeremonie des Jüdischen Museums in Berlin. Am frühen Abend sollte das Gebäude eingeweiht werden – nach zwölf Jahren Bauzeit. Für den in Polen geborenen, in Israel und später den USA aufgewachsenen Libeskind war es ein bewegender Moment. In seinem Berliner Architekturstudio sagte er noch zu Kollegen: „Jetzt hat die Geschichte endlich einen Ort, an dem sie erlebt werden kann von neuen Generation.”

Dass an diesem Tag neuerlich ein brutales Kapitel der Menschheitsgeschichte hinzugefügt würde, wurde ihm und der ganzen Welt wenige Stunden später bewusst. Es war der 11. September 2001. Bald flimmerten die Horror-Bilder der brennenden Twin Towers über die Bildschirme. Die 9/11-Terroranschläge waren im Gang, 3.000 Menschen sollten an diesem Tag ihr Leben lassen und die Welt aus den Fugen geraten. Eine ganze Epoche an Krieg und Terror hatte begonnen. Schließlich gab es eine Verlautbarung, dass das Jüdischen Museum an diesem Tag nicht eröffnet werde.

Zwei Blöcke bis zum Ground Zero. Fast 17 Jahre nach dem Albtraum steht Daniel Libeskind in seinem Architektur-Büro in New York inmitten Dutzender Modelle seiner Bauprojekte. Vom 18. Stock aus ist – nur zwei Straßenblöcke entfernt – das Grün des „9/11 Memorial Parks” in Lower Manhattan zu sehen. „Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich”, sagt er. Libeskind pausiert. Es geht ihm wie fast allen Menschen der Metropole, wenn dieser Tag zur Sprache kommt.

Architekt des neuen World Trade Centers. Dann sagt er leise: „Als ich die Bilder im TV sah, sagte ich sofort zu meiner Frau Nina: ‚Ich will zurück nach New York, so schnell es geht!‘” Zu Hause angelangt ist der heute 71-Jährige zur Schlüsselfigur beim Comeback von New York City nach der verheerenden Terrorattacke geworden: Sein Architektur-Entwurf für den Bau des neuen World Trade Centers wurde trotz eines Wettbewerbs unter zahlreichen Einreichungen ausgewählt. Der gesamte Grundriss von „Ground Zero”, der Standort der neuen Wolkenkratzer, die Idee der Fußabdrücke der gefallenen Türme mit den beeindruckenden Wasserfällen – das alles stammt aus der kreativen Feder des Architektur-Weltstars, der im Big Apple seine Heimat gefunden hat. Er hatte sich schließlich durchgesetzt gegen eine Konkurrenz von mehr als 5.000 Architekten aus aller Welt.

Eine 75 Meter tiefe Grube. „Eigentlich war alles ein Zufall“, erzählt er weiter. Er steht jetzt vor dem damals eingereichten Modell für die Neubebauung, er blickt fast ehrfürchtig darauf. Libeskind sollte zunächst als Juror mitwirken, um die Siegerprojekte auszuwählen. Als ihm das wegen eines Termin-Konfliktes nicht möglich war, entschloss er sich selbst zur Teilnahme. Die meisten Trümmer der WTC-Ruine waren bereits weggeschafft, als Libeskind zur Inspiration für seinen Entwurf in die Baugrube stieg. „Es war ein miserables Wetter, Nieselregen, eine graubleierne, tiefhängende Wolkendecke“, erinnert sich der Architekt. Der Anblick des bereits aufgeräumten Terror-Tatorts sei überwältigend gewesen. In Lower Manhattan klaffte eine gigantische, 75 Meter tiefe Grube, abgesichert mit dicken Zementwänden, der sogenannten „Slurry Wall”, die das Grundwasser des nahen Hudson-Flusses fernhalten sollte. Er ging über eine Rampe in die Grube, starrte auf die rohen Zementwände. „Genau da hatte ich den Geistesblitz”, sagt er noch heute aufgeregt: „Ich wusste, dass wir mit dem Wiederaufbau ein Zeichen setzen mussten, uns nicht einschüchtern lassen konnten.” Nach vom Boden der Grube aus rief er sein Team in Berlin an: „Vergesst alles Bisherige, wir fangen von vorne an”, sagte er. Der Entwurf sollte mutig, symbolisch, ikonisch werden. Libeskind wusste: „Es geht hier nicht um Stadtplanung, es geht um Amerika, Menschen, die Gesellschaft, die Kultur. Ein Symbol!” Er fügt an: „Ich hatte augenblicklich eine Vision.” Erinnert hatte er sich dabei auch, als er als Jugendlicher mit seiner Familie auf einem Atlantik-­Dampfer im New Yorker Hafen ankam und erstmals die Freiheitsstatue erblickte.

Libeskind legte fest, dass einer der Türme sogar höher als die gefallenen Twin Towers werden und mit 1.776 Fuß eine symbolische Höhe erreichen sollte (die Zahl steht für das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung). Er nannte den Turm auch bombastisch „Freedom Tower” (Freiheitsturm). Eine kühne Nadel ragte an der Seite der Turmspitze empor, die Ästhetik sollte an den hochgereckten Arm der Freiheitsstatue erinnern.

Für den Architekten haftete der Arbeit auch etwas Persönliches an. Er hatte erlebt, wie die beiden ursprünglichen Türme in den Siebzigerjahren auf einer künstlichen Landmasse am Hudson River errichtet wurden. Rund um die Baustelle streunte er damals mit Freunden durch eine bizarre Mondlandschaft aus Sand und Schutt. „Die Gebäude waren derartige Kolosse, sie sprengten alle bisherigen Dimensionen selbst in der Mega-Metropole: zwei wahre vertikale Giganten”, sagt er heute.

Bloomberg machte ihn zum Sieger. Libeskind hatte sich gute Chancen bei dem Wettbewerb ausgerechnet, doch nach der finalen Präsentation plagten ihn Zweifel. Ein Mitglied des rivalisierenden Teams der Konkurrenzfirma Michael Arad und Peter Walker, die das Projekt „Reflecting Absence” vorlegten, zeigten ihm im Vorbeigehen den gestreckten Mittelfinger, wie er noch heute erbost erzählt. Und tatsächlich: Kurze Zeit später berichtete die New York Times, dass die Rivalen von der Jury zum Sieger erklärt wurden. „Ich dachte noch, schade, kann man nichts machen”, fährt er grinsend fort. Er war gerade beim Packen für den Flug retour in sein damaliges Büro in Berlin, als er einen Anruf erhielt. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und der damals amtierende Gouverneur George Pataki baten ihn, sofort zu einem Gespräch zu kommen. „Mr. Libeskind”, wurde ihm am Telefon gesagt, „glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht.” Es folgte der Clou: Fast staatsstreichartig hatten die beiden mächtigsten Politiker des Staates New York die Wahl des Expertengremiums überstimmt – und Libeskind zum Sieger erklärt.

Das Design des Freedom Tower hat dann ein anderer Architekt übernommen, doch Libeskinds Bebauungsplan wurde weitgehend umgesetzt. Es war der Höhepunkt in einem bewegten Leben, das vom Horror des Holocaust zum wichtigsten Wiederaufbau aller Zeiten führte.

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