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Stararchitekt Daniel Libeskind: Der Meister des Designs

Er entwarf den neuen „One World Trade Center“-Komplex am Ground Zero. Libeskind über Architektur, Emotionen und den Siegeszug der Städte.

Herbert Bauernebel12. Juni 2018 No Comments

Architect Daniel Liebeskind photographed in his office in Lower Manhattan, New York.

Holocaust-Nachfahre. Libeskind kam im polnischen Łódź als zweites Kind von Überlebenden der Naziherrschaft auf die Welt. In jungen Jahren sorgte er als Virtuose am Akkordeon für Furore samt Auftritten im polnischen Fernsehen.

1957 übersiedelte die Familie in einen Kibbuz in Israel, wo ihn vor allem das Leben im Einklang mit der Natur prägte. Später während seiner Karriere sollte er sich als Verfechter von „grüner Architektur” einen Namen machen. 1958 übersiedelte die Libeskind-Familie nach New York. Unter den Fittichen des Stararchitekten Richard Meier begann Libeskind seine eigene Karriere, die ihn zu einem der führenden Architekten der Welt machte. Studio Libeskind verwirklichte neben dem Masterplan des Ground Zero 42 monumentale Projekte, darunter die neue Akademie des Jüdischen Museums in Berlin, die London Metropolitan University, das MGM-Mirage City Center in Las Vegas oder das National Holocaust Museum in Ottawa, Kanada. Ganz neu: ein Apartment-Komplex im Brooklyn-Stadtteil Bedford-Stuyvesant. Alle diese architektonischen Meisterwerke hängen als überdimensionale Images an der Wand im Großraumbüro seines Studios.

Beim OOOM-Besuch strotzt Libeskind vor Lebensfreude und Energie. Auf ein Kompliment darüber reagiert er schüchtern: „Ach, wissen Sie, das liegt wahrscheinlich daran, dass das alles für mich keine Arbeit, sondern Vergnügen ist.” Dann bittet er in seine mit Hunderten Büchern aller möglichen Genres ausgestatteten Bibliothek zum Interview.

New York hat sicherlich die berühmteste Skyline der Welt. Was beeindruckt Sie als Architekt am meisten daran?

Was mich so fasziniert: Diese gesamte wunderbare Skyline ist einzig und allein ein Produkt des Geldes. Sie ist purer Kapitalismus. Als Louis Sullivan, der Vater der amerikanischen Architektur, hier 1900 ankam, sagte er: „Den einzigen Gott, den sie hier anbeten, ist Mammon, den des Geldes.“ Und bis heute hat sich daran nichts geändert. Alles ist dicht gedrängt, der Platz ist rar, es ist eine Insel. Und das Ziel war meist nicht die Ästhetik, sondern das Geldscheffeln, ausgenommen die wunderschönen Brücken und einige öffentliche Gebäude. Oder das Chrysler-Building: Die Turmspitze wurde ganz zuletzt – als Überraschung – montiert, einfach nur, um das Gebäude schöner und höher zu machen.

New York hinkte lange bei moderner, kühner Architektur hinter anderen Weltmetropolen her. Das hat sich zuletzt geändert.

Ich möchte mich ja hier nicht zu sehr selbst loben. Aber mit Ground Zero hat eine Epoche an funktioneller, ökologisch nachhaltiger Architektur in der Stadt begonnen. Obwohl man das von außen oft nicht sieht, aber das sind ganz fortschrittliche Gebäude, wo der Klima-Fußabdruck stark reduziert ist. Erstmals sehen wir in New York Innovation bei der Architektur.

Was halten Sie von den sogenannten Milliardärs-Türmen, extrem hohen Wolkenkratzern für die reichsten Menschen der Welt?

Die Kritiker haben sicher recht, das sind rein spekulative Projekte und so sollte eine Stadt nicht konzipiert werden. Aber wieder: Das ist die Natur von New York City. Es geht ums Geld. Was die Stadt so funktionell macht, ist die Dichte an Hochhäusern. Anders als in europäischen Städten, geht es hier immer noch höher, dichter, schneller. Die Dynamik ist gewaltig.

Wie viele von Ihren ursprünglichen Vorstellungen sind beim Bau des neuen „One World Trade Center“-Komplexes übriggeblieben?

Eigentlich fast alle. Die Größe und Höhe der Türme, wo sie stehen sollen, wie sie organisiert sind. Die Fußabdrücke der gefallenen Türme, die Wasserfälle. Und das Fundament unterhalb des Komplexes. Es gab da auch viele Kontroversen. Aber wenn ich den Ort heute sehe – und ich gehe jeden Tag am Weg zu meinem Büro daran vorbei – bin ich stolz.

Was sind für Sie derzeit die größten Herausforderungen in der Architektur?

Die größte Herausforderung für die Menschheit ist derzeit die wachsende Ungleichheit, die Kluft zwischen Arm und Reich – und das betrifft auch die Architektur. In einer Stadt müssen alle Bewohner, wohlhabend oder nicht, die gleichen Zugangsmöglichkeiten haben. Das beginnt mit erschwinglichem Wohnraum, dem Zugang zu öffentlichen Plätzen. Auf Ground Zero übrigens entstand der größte öffentliche Platz, der jemals in New York gebaut wurde. Und dann natürlich gibt es ökologische Herausforderungen, die Entwicklungen hin zu smarten Gebäuden, wo auf Energiesparen und Recycling gesetzt wird. Ich hatte bei meinem Entwurf für den Freedom Tower einen Garten in jedem Stockwerk vorgesehen – und genau das ist heute ein wichtiger Trend: Das Verschmelzen von Natur und Gebäuden.

Wird sich der Siegeszug der Städte fortsetzen?

Er wird sich beschleunigen. Generell wollen wir mit anderen Menschen zusammen sein. Es ist ein Zufluchtsort von Fremden, die in einer zivilen Gesellschaft zusammenfinden. Und in den Städten gibt es Chancen voranzukommen. Selbst wenn es in manchen Metropolen Slums gibt – die Leute ziehen immer noch dorthin. Sechs Millionen etwa pendeln jeden Tag nach São Paulo. Der Wunsch, seinen Traum zu erfüllen, lockt Menschen in die urbanen Zentren. Das wird immer so bleiben.

Ihre Eltern haben den Holocaust überlebt: Haben Sie manchmal Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könnte?

Jede Generation muss neuerlich um ihre Rechte kämpfen, das wird nicht einfach weitervererbt. Solange Menschen offen sind gegenüber den Wundern der Welt wird alles gut. Doch wenn sie sich von hässlicher Propaganda mitreißen, sich von sozialen Medien verblöden lassen, dann sind wir wieder anfällig für Verführer.

12. Juni 2018

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