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Michaela Reitterer: Wiens Green Queen

Sie gehört zu Österreichs Pionierinnen der Nachhaltigkeit und schuf mit dem Hotel Stadthalle das erste Stadthotel Wiens mit Null-Energie-Bilanz. Michaela Reitterer begann vor 16 Jahren mit einer großen Leidenschaft und Vision. Heute ist sie Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung und erzählt, wie wichtig es ist, bei sich selbst anzufangen, wenn man die Welt verändern will.

Christina Zappella-Kindel8. Mai 2019 No Comments
michaela reitterer ooom magazine

Sie sind eine Vorreiterin der Nachhaltigkeit und gründeten das erste Null-Energie-Bilanz-Hotel Wiens. Was war der Impuls dafür?

Meine Eltern haben ursprünglich das Hotel geführt und meine Mutter hat das Umweltzeichen so vorangetrieben, dass wir damals das zweite Haus in Wien damit waren. Als ich das Hotel übernahm, wurde ich anfangs ausgelacht, weil ich unkonventionell an die Sache heranging, auch als ich sagte, ich hätte gerne eine Regenwassernutzanlage, mit der wir das Regenwasser sammeln und für die Toiletten verwenden. Das verstand damals noch keiner. Wir haben vieles verändert und uns bei allem gefragt, wie umweltfreundlich es ist, aber wir haben auch genug Fehler gemacht. Heute nehmen wir das Brunnenwasser von der Wasserwärmepumpe für die Toiletten.

Das war 2002?

Zwischen 2002 und 2007, also mitten in der Steinzeit der Nachhaltigkeit. Zum damaligen Zeitpunkt waren wir das einzige Hotel in Wien, das eine Solaranlage hatte. Ich habe das Neben­haus gekauft, weil ich es für logistische Zwecke benötigte. Und ich dachte mir: Wenn ich jetzt dieses Haus neu baue, soll es eines sein, das seine Energie selbst erzeugt. Das war mir schon damals ein wirkliches inneres Anliegen. Ich wollte etwas bewegen.

Und Sie fingen bei sich selbst an.

Es ist falsch, sich immer auf die Chinesen auszureden, dass sie so viel Dreck in die Luft schleudern. Du musst bei dir selbst anfangen. Deswegen zitiere ich so gerne den Gandhi-Spruch: „Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“ Heute haben wir ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Es war für mich immer eine Herausforderung, weil ich eine komplette Quereinsteigerin bin. Ich habe mir alles selbst beigebracht, immer von den Besten gelernt, indem ich sie ungeniert gefragt habe.

Wer war damals schon vorbildlich in Sachen Nachhaltigkeit?

Ich habe mir damals die unterschiedlichen Bereiche angesehen. Jemand, vor dem ich immer hohe Achtung hatte, war Elisabeth Gürtler, die damals das Sacher leitete. Sie hat unglaublich viel Innovation reingebracht und viel aus ihrem Haus gemacht. Bei uns ist Innovation auch wichtig, weil ich als Präsidentin der Hoteliervereinigung natürlich so wahrgenommen werden will. Da bekomme ich viele Projekte vorgestellt, und wir sind dann immer ganz weit vorne dabei, selbstverständlich auch beim Thema „Nachhaltigkeit“. Wir haben eine Green Community für Wien gegründet, wo wir kleine Unternehmen, die nachhaltig sind, dreimal im Jahr zusammenbringen. Wir bekommen jetzt zum Beispiel nur noch Kaffee, der mit dem Segelschiff über das Meer kommt und nicht mehr mit den Schwerölmonstern. Diese Firma haben wir letztens auch mit anderen verknüpft. Ich möchte die Unternehmen, die von jungen, vor Idealismus strotzenden Leuten geführt werden, miteinander vernetzen.

Ihr USP ist also nach wie vor die Nachhaltigkeit. Kommen die Gäste vor allem deswegen zu Ihnen?

Ich glaube, dass es mittlerweile sicher 60–70 Prozent sind. Mit unserer Nähe zur Stadthalle haben wir natürlich viele Menschen, die zu einem Konzert oder einer Veranstaltung kommen. Unsere Website informiert den Besucher vorab. Der Gast soll im Vorhinein wissen, wie es hier ist, auch, dass wir keine Minibar im Zimmer haben und dass er womöglich in einem Zimmer mit Upcyc­ling-Möbeln schläft, wenn er das will. Wir sind gerade dabei, ein großes Projekt zu starten. Wir möchten zusammen mit der Firma Gabarage 17 Upcycling-Zimmer bauen, wobei wir jedes Zimmer einem SDG, also einem „Sustainable Development Goal“, zuordnen. Aus einer Aufladestation für E-Autos wird eine Garderobe, aus einem Modell eines Windrades werden wir eine Stehlampe bauen.

Nehmen junge Menschen das eher an?

Überraschend ist, dass es auch viele Ältere annehmen. Man glaubt immer, dass den Leuten 60+ alles egal ist. Im Gegenteil: Viele sagen, dass es für sie in der Kindheit normal war, dass nicht alles weggeworfen wurde, sondern Dinge repariert wurden. Unser Publikum besteht nicht nur aus jungen, hippen Leuten, sondern aus Menschen aller Alterskategorien. Viele kommen regelmäßig, weil sie Familie haben, ihre Kinder hier studieren oder weil sie sich in Wien verliebt haben. Es kommen ganze Familien, weil sie es toll finden, wenn ihre Kinder das auch einmal sehen oder nur bio essen können. In allen Schulferien schlafen die Kinder hier bei uns gratis in den Zimmern der Eltern.

Sehen Sie generell einen positiven Wandel des Bewusstseins?

Absolut. Es gibt zwar genug Märkte, wo du noch über den Preis verkaufen musst. Aber ich glaube, so viele unterschiedliche Gäste es gibt, so viele verschiedene Hotels gibt es auch. In Zeiten wie diesen – Stichwort „Digitalisierung“ – sage ich: Es ist eine ganz große Chance für alle. Es ist nicht alles nur eine Bürde, sondern wir haben die Chance, den Menschen zu zeigen, dass es Hotels für jeden gibt. Wenn ein Hotel nichts über sich zu erzählen hat, dann muss es sich über seinen Preis behaupten. Jeder findet das Hotel, das zu ihm passt.

Wie wird das Hotel der Zukunft aussehen? Wird uns ein Computer begrüßen?

Ich glaube, dass Dienstleistung immer menschlich bleiben wird. Das, was Menschen jetzt schon an Hotels schätzen – dass man jeden Tag ein frisch gemachtes Bett hat, Frühstück essen kann, begrüßt wird –, wird bleiben. Diese gesamte Costumer Journey, schon ab dem Zeitpunkt, wo der Gast noch gar nicht weiß, dass er verreisen will, bis er wieder nach Hause kommt und eine Bewertung abgibt, das kann alles digital sein. Die Produktion kann leichter von Robotern gemacht werden als die Dienstleistung. Man wird so lange wie möglich versuchen, keine Algorithmen Entscheidungen treffen zu lassen. Letztendlich geht es auch um Empathie. Solange die Leute Sehnsucht nach Empathie haben, wird es in der Hotelbranche und in anderen Bereichen Menschen geben, die dafür zur Stelle sind.

Wie sehen Sie Airbnb und die ganze Entwicklung mit privaten Unterkünften?

Bei privaten Anlässen trauen sich meine Bekannten mir kaum zu sagen, wenn sie jetzt auch ihre Wohnung vermieten. Man nimmt mich immer als die Airbnb-Jäge­rin wahr. Das bin ich grundsätzlich nicht. Ich möchte nur, dass all jene, die Steuern zahlen und Arbeitsplätze generieren, nicht schlechter behandelt werden als jene, die das nicht tun und die Wohnraum dafür vermieten. Es ist deswegen nicht fair, dass man versucht, diese Auflagen zu umgehen, indem man vermeintlich Wohnungen als Vorsorgewohnungen baut. Wenn jemand zwei Monate im Sommer sein Kabinett vermietet, dann ist das ja nicht das Thema. Aber ich habe ein Problem damit, wenn ganze Wohnhäuser so gebaut werden. Man kann nicht aus Spekulationsgründen Sozialwohnungen kaufen, die eigentlich Menschen mit diesen Bedürfnissen zur Verfügung gestellt werden sollen und die dann vermietet werden. Es kann nicht immer heißen: Zahlt den Leuten mehr, damit sie sich die Wohnungen leisten können. Wir haben tausende Wohnungen in Wien, die falsch verwendet werden.

Was ist Ihre Vision für die nächsten zehn Jahre?

Die letzte Periode meiner Präsidentschaft ist jetzt angebrochen, bis 2022 bin ich noch im Amt. Manchmal denke ich mir, dass ich mich auf eine Zeit freue, wo es ruhiger wird. Ich bin ja ein Mensch, der Jahrespläne macht, weil ich ganz stark davon überzeugt bin, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. Dort, wo meine Aufmerksamkeit hingelenkt wird, dort geht auch meine Energie hin. Anders formuliert: Wenn du deine Wünsche richtig platzierst, gehen sie in Erfüllung. Daran glaube ich, und ich bin auch das gelebte Beispiel dafür. Früher dachte ich, ich muss das Ziel für das, was danach ist, genau formulieren. Aber jetzt werde ich bald 55 und freue mich manchmal auch darauf, dass es ruhiger wird. Ich bin jemand, der relativ angstfrei ist. Ich glaube immer an das Gute.

Wie sehen Ihr ganz persönlicher Traumurlaub und Ihr Traumhotel aus?

Meine Lieblingshotels für meinen persönlichen Urlaub sind ganz unterschiedlich. Wir machen heuer Urlaub an einem Strand, wo man nicht mit dem Auto hinkann, wo kein Handy funktioniert. Digital Detox machen und ein bisschen zur Ruhe kommen – das macht für mich auch ganz viel aus. Ich mag auch Urlaub in Österreich, das finde ich sensationell. Ich glaube an die Renaissance der Sommerfrische, das leben wir schon ein bisschen.

8. Mai 2019