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Michel Mayer: Design und Sein verbinden?

Sie ist Modedesignerin, er Meister des Tai Chi, Qigong und Tao. Michel Mayer und ihr Ehemann Daniel Lee widmen sich dem Leben scheinbar von zwei entgegengesetzten Seiten: Sie kümmert sich um Glanz, Glamour und den äußeren Schein, er mit „Being Balance“ um das innere Sein. Wie passt das zusammen: im Alltag, im Denken, in den Gefühlen? OOOM bat das gegensätzliche Paar in der neuen Wiener Campari Bar zum Gespräch.

Carole Reich20. Dezember 2019 No Comments
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Wie viel Michel Mayer steckt in jedem Ihrer Kleider?

Mayer: Einhundert Prozent. Bei den Abendkleidern bin ich auch beim Nähen involviert. Das wird fast alles auf der Puppe gemacht. Bei der normalen Kollektion machen wir die Ideen gemeinsam und schneidern einen Prototyp, die Herstellung machen dann meine Mitarbeiter.

Daniel, wie wichtig ist Ihnen Mode?
Lee:
(Lacht) Es hat sich über die Jahre gebessert.

Mayer: Daniel kam aus Los Angeles und hatte überhaupt keine Wintersachen. Da haben wir Hosen und Jacken auch für ihn geschneidert.

Beschäftigen Sie sich auch mit Meditation, Tai Chi?
Mayer:
Auf jeden Fall. So haben wir uns ja auch kennengelernt.

Wie genau ?
Mayer:
Wir haben uns im Sommer 2009 in Thailand getroffen. Ich wollte ein, zwei Wochen Tai Chi und Meditation an einem sehr schönen Platz praktizieren.

Lee: Ich machte in dem Gesundheitsressort gerade mein Lehrerzertifikat als Qigong-Lehrer.

Wie schnell wurden Sie ein Paar?
Mayer
: In Thailand war alles noch so unrealistisch: sich im Urlaub zu verlieben, eine Urlaubs-Romanze zu haben. Wir wussten, dass da etwas zwischen uns ist, aber wie wir das tatsächlich umsetzen könnten, da hatten wir keine Ahnung. Fünf Wochen später kam Daniel nach Wien, aber nur für vier Tage, weil er zu der Zeit Highschool-Lehrer in den USA war und nicht einfach so Urlaub nehmen konnte. Wiederum vier Wochen später bin ich nach Los Angeles, wo er lebte, und blieb zwei Wochen. Das war, als wären wir schon ewig zusammen gewesen. Wir waren schnell im Alltag drin. Nach 10 Monaten haben wir geheiratet.

Sind Sie Seelenverwandte?
Lee:
Absolut. Wir hatten dieses Gefühl schon in Thailand, es war nur die Frage, ob es trotz der Entfernung klappt mit uns.

Mayer: Eine Fernbeziehung kam für mich nicht in Frage. Aber nach diesen zwei Wochen in Los Angeles haben wir schon übers Heiraten geredet. Und Daniel meinte, er kann überall wohnen. Ich wusste, ich kann das nicht. Ich bin hier verwurzelt

Wie war das erste Jahr in Wien?
Lee:
Zum ersten Mal nach Wien kam ich Ende März. Alle waren draußen, machten sich eine schöne Zeit und ich dachte mir: Das ist großartig! Als ich dann hierher zog, waren dann gefühlte sechs Monate Winter. Ich hatte vorher noch nie einen Winter mit Schnee erlebt, das gibt es so in Kalifornien nicht. Jetzt liebe ich Wien, aber das erste Jahr war furchtbar. Die Menschen hier waren am Anfang ziemlich distanziert, aber wenn du sie einmal hast, dann sind sie Freunde fürs Leben.

War es Anfang schwierig Anschluss zu finden?
Lee:
Für mich dauerte es relativ lange, mir eine Community aufzubauen, mir die Sprache anzueignen und die Wiener Kultur zu verstehen. Um ehrlich zu sein: Jetzt kann ich es mir nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben.

Mayer: Wir mussten am Anfang immer im Winter Urlaub machen, um in ein Land zu entfliehen, wo Sommer war.

Sie haben gemeinsam einen 5-jährigen Sohn. Wie ist das Familienleben?
Mayer :
Wir teilen uns die Aufgaben auf. Wir wollen beide Zeit mit ihm verbringen, aber da jeder sein eigenes Business hat, ist es nicht immer leicht. Oft haben wir nicht viel Zeit füreinander. Wir erziehen ihn auch zweisprachig. Daniel redet Englisch mit ihm, ich Deutsch.

Das erste Jahr in Wien war furchtbar. Die Menschen waren am Anfang ziemlich distanziert. Aber wenn du sie einmal hast, sind sie Freunde fürs Leben.

Leben Sie das Leben, das Sie immer leben wollten?
Mayer
: Ja. Das einzige was noch fehlt ist, dass ich immer mal mein eigenes Haus bauen wollte. Architektur hat mich schon immer zumindest genausoviel interessiert wie Mode. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem Haus, wo dahinter ein großer Garten, Wald und Wiese waren. Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich auf das Land.

Lee: Als wir uns erst kurz kannten, redeten wir darüber, was unsere Lebensvorstellungen sind. Wir wollten beide eine Familie. Als es dann endlich passierte, waren wir so glücklich, dieses Leben gemeinsam führen zu können. Wenn beide Elternteile selbstständig sind, dann ist das sicher noch einmal mehr eine Herausforderung.

Wenn Sie sich Führungspersönlichkeiten wie Donald Trump oder Boris Johnson ansehen: Was könnte Tai Chi oder Meditation bei ihnen bewirken? Oder sind das hoffnungslose Fälle?
Mayer:
Wenn Menschen mehr geerdet und entspannt sind, fällt es ihnen leichter, klarere und besser fokussierte Entscheidungen zu treffen. Wenn man gestresst ist, denkt man oft nur an sich selbst.

20. Dezember 2019