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Monika Helfer: Mutter Bagage

Die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer musste 50 Jahre lang schreiben, bis ihr mit „Die Bagage“ der erste Bestseller gelang. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ kommentierte ihren Erfolg mit: „Wie gut, dass sie nie aufhörte.“ OOOM sprach mit der Autorin, die mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier ­verheiratet ist, über Schönheit, Außenseiter, literarische Vorbilder, Inspiration, Angst vor Rezensenten – und ihre persönliche Bagage.

GERALD MATT22. Dezember 2020 No Comments

Ihr neues Buch „Die Bagage“ ist ein „Spiegel“-Bestseller. Es wurden schon mehr als 100.000 Exem­plare verkauft. Hat Sie der Riesenerfolg überrascht?
Und ob. Ich schaute, ob neben mir die Frau steht, die das Buch geschrieben hat. So wenig konnte ich es glauben, habe ich doch jahrelang schon Bücher geschrieben und bin aus dem Mezzanin nicht hoch­gekommen.

Was macht literarischen Erfolg aus und was verändert er?
Das Selbstbewusstsein wird ein wenig gesteigert, lange noch kein Größenwahn. Übermut beim Geldausgeben. Auch Eifer zum Weiterschreiben, ob es wieder klappen könnte. Ob der Aufkleber „Spiegel-Bestseller“ mir die Treue hält. Am schönsten beim Erfolg: die stolze Familie. Mein Mann: „Siehst du, die Karten wurden neu gemischt.“ Die Söhne sagen: „Du bist die Beste.“ Die Tochter: „Mama, ich hab es immer schon gewusst.“

Sie sind mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet. Hat Ihr großer Erfolg etwas in Ihrem Leben verändert? Ihr Mann erzählte mir, dass jetzt vorwiegend Sie am Telefon verlangt werden.
Das stimmt ja nicht. In Michaels Präsenz hat sich nichts geändert. Zwischen uns bleibt alles verlässlich gut.

„Bagage“. Warum dieser Titel?
Weil Bagage ein Super-Wort ist. Weil jeder eine Bagage hat, ob er es nun zugibt oder auch nicht.

Wie autobiografisch ist dieses bzw. Ihr gesamtes Werk? Wie sehen Sie das Verhältnis Fiktion und Wahrheit. Gibt es Dinge, über die Sie sicher nicht schreiben würden, Tabus?
Autobiografische Teile gibt es in jedem Buch, ohne Fiktion wäre „Die Bagage“ aber nicht denkbar gewesen. Ich wollte ja keinen Heimatroman schreiben. Die Verknüpfung von Biografie und Fiktion finde ich spannend, wenn sich beides ineinander verkeilt und der Leser nicht wissen kann, was wahr ist und was nicht. So war das Schreiben für mich spannend. Natürlich hatte ich Tabus: Vorstellungen, dass einige Verwandte mich abpassen und verprügeln, dass ich sie gekränkt hätte. Also wartete ich ab, bis die wichtigen Personen unter der Erde lagen.

Die Verknüpfung von Biografie und Fiktion finde ich spannend, wenn sich beides ineinander verkeilt und der Leser nicht wissen kann, was wahr ist und was nicht.

„Bagage“ ist die Geschichte Ihrer Familie, aber auch eine Hommage an eine starke Frau, Ihre Großmutter Maria. Was hat Sie bewogen, einen autobiografischen Roman zu schreiben und was bedeutete Ihre Großmutter für Sie?
Meine Großmutter ist die auf dem Bild von der „Bagage“, von einem Maler (Anm.: Gerhard Richter) gemalt, der sie nicht gekannt hat. Sie ist meine Wahrheit und meine Erfindung. Ich habe sie ja selbst nie gekannt – sie ist mit zweiunddreißig Jahren gestorben.

Neben Maria ist Lorenz, Ihr Onkel, eine zentrale Figur in Ihrem Buch. Ihr Sohn heißt ebenfalls Lorenz. Was verbinden Sie mit Lorenz?
Lorenz ist der eigentliche Held in der „Bagage“. Obwohl noch nicht vierzehn, zieht er an den Fäden, beschützt die Mutter, sorgt dafür, dass die Bagage keinen Hunger leidet, wehrt Eindringlinge ab. Er ist ein Westernheld, der mit dem Gewehr für Ordnung sorgt. Unser echter Lorenz ist ein begabter Maler, sanft und verträumt.

22. Dezember 2020