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Monika Helfer: Mutter Bagage

Die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer musste 50 Jahre lang schreiben, bis ihr mit „Die Bagage“ der erste Bestseller gelang. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ kommentierte ihren Erfolg mit: „Wie gut, dass sie nie aufhörte.“ OOOM sprach mit der Autorin, die mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier ­verheiratet ist, über Schönheit, Außenseiter, literarische Vorbilder, Inspiration, Angst vor Rezensenten – und ihre persönliche Bagage.

GERALD MATT22. Dezember 2020 No Comments

Edgar Reitz schrieb und filmte über viele Jahre mit „Heimat“ eine Art Fami­lienchronik, ein beeindruckendes Spiegelbild der deutschen Geschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1980er-Jahre. Sie stellen gerade ein weiteres Buch mit dem Titel „Vati“ fertig, das Ihre Familie bzw. Ihren Vater in den Mittelpunkt stellt. Geht es Ihnen auch darum, über das Schicksal Ihrer Familie hinaus eine Art Geschichtsschreibung zu betreiben?
Es ist einfach spannend, in seine Familie hineinzublicken, als läse man in einem fremden Buch. Mein Vater ist eine besondere Figur, ­büchersüchtig und weltfremd.

„Vati“ klingt nicht sehr Vorarlbergerisch, sondern eher Bundesdeutsch und zudem ein wenig spießig und antiquiert. Warum dieser Titel?
Das ist der klassische Fünfziger-Jahre-Titel. Unser Vater wollte, dass wir Vati zu ihm sagen, eine Kuriosität in Vorarlberg, denn er stammt aus dem Lungau, wo jeder zu seinem Erzeuger Papa sagt. Er wollte eben, dass wir etwas Besonderes sind, nicht zu den gemeinen Leuten gehören. Natürlich gehörten wir dazu.

Sie haben sich entschieden, in Vorarlberg, in Hohen­ems, zu leben. Auch in Ihrem Buch „Die Bagage“ geht es um Ihre Heimat. Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat ist mein Mann, meine Kinder, Paula auf der Treppe, unser Haus, mein Bett, meine Utensilien, der Garten. Vorarlberg ist ein gutes Land, je älter ich werde, umso mehr kann ich das schätzen. Wir haben, was viele nicht haben. Untereinander sprechen wir Vorarlberger Dialekt.

Glauben Sie, dass das Vorarlbergerisch, also diese Sprache, auch einen Einfluss hat auf das, was Sie schreiben und wie Sie schreiben?
Man sagt mir, dass meine Sprache wie ins Hochdeutsch übersetzter Dialekt sei. Das finde ich zwar nicht, aber sicher hört man in dem Ton die Amseln singen und die Tannen rauschen.

Wie wurde aus Ihnen eine Schriftstellerin? War das die Verwirklichung eines Jugendtraumes? Gab es da so etwas wie ein Initiationserlebnis oder ein ungemein beeindruckendes Buch bzw. einen Autor oder eine Autorin?
Das erzähle ich immer wieder, es klingt beinahe wie mein Echo, aber es stimmt. Ich hatte in unserem büchersüchtigen Haushalt mehr Bücher gelesen als andere ihr Leben lang. Jede Woche gingen meine Schwester und ich in die Gewerkschaftsbibliothek und liehen Bücher aus, jeder einen Stapel, den wir eine Woche später leer gelesen hatten. Wir lasen so gierig, als würden wir die beschriebenen Seiten auffressen. Da sagte ich zu meiner Schwester: „Ich schwöre dir, einmal werde ich auf so einem Buchrücken stehen.“ Wir haben es mit einem Schwur besiegelt.

Ich hatte in unserem büchersüchtigen Haushalt mehr Bücher gelesen als andere ihr Leben lang.

Ihr Debüt gaben Sie 1977 mit der Erzählung „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“, seitdem haben Sie eine Vielzahl von Romanen, Hörspielen, Kinderbüchern und Theaterstücken geschrieben. In der Architektur spricht man gerne von Signaturwerk, einer Arbeit, in der sich die Haltung eines Architekten beispielhaft für sein ganzes Werk verdichtet. Gibt es so ein Werk von Ihnen, so etwas wie Ihr wichtigstes Buch?
Mein wichtigstes Buch ist „Die Bagage“, weil es sicher das reifste ist. Ich hatte lange Jahre Gelegenheit, auf die Meisterschaft zu üben.

Sie haben einige Kinderbücher geschrieben, was ist so reizvoll daran und wo liegen die Unterschiede zur Erwachsenenliteratur?
Kinderliteratur wird unterschätzt, es ist, als würde man sie nicht ernst nehmen, sie gar nicht zur Literatur zählen. Ich finde das ungerecht. Wenn Kinderbücher gut geschrieben sind, sollten sie so wertvoll sein wie die übrigen.

Wenn man sich die lange Liste Ihrer Büchern ansieht und an all die damit verbundene Arbeit und Zeit denkt, dann fragt man sich: Wie viel Zeit bleibt da noch für einen Alltag neben dem Schreiben?
Das Schreiben gehört zum Alltag, also ist der Alltag das Schreiben.

22. Dezember 2020