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Monika Helfer: Mutter Bagage

Die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer musste 50 Jahre lang schreiben, bis ihr mit „Die Bagage“ der erste Bestseller gelang. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ kommentierte ihren Erfolg mit: „Wie gut, dass sie nie aufhörte.“ OOOM sprach mit der Autorin, die mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier ­verheiratet ist, über Schönheit, Außenseiter, literarische Vorbilder, Inspiration, Angst vor Rezensenten – und ihre persönliche Bagage.

GERALD MATT22. Dezember 2020 No Comments

Für manchen Maler ist es sehr schwierig, ein Bild zu beenden und es nicht immer wieder zu perfektionieren bzw. nachzubessern. Wie geht es Ihnen mit dem Beenden eines Romans? Wann ist ein Roman fertig? Gibt es auch so etwas wie Angst vor der Veröffentlichung?
Sorge vor Veröffentlichung gibt es, Angst vor den bösen Rezensenten.

2018 wurde Ihr Roman „Oskar und Lilli“ aus dem Jahr 1994 von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt. Bereits in den 80er-Jahren haben Sie ein Filmdrehbuch für „Die wilden Kinder“, einen Film von Christian Berger, verfasst. Wie filmisch sind Ihre Romane?
Mit dem Verfilmen ist das so eine Sache und hängt unbedingt vom Regisseur ab, den man sich wünscht. Bei den „Wilden Kindern“ war Christian Berger ideal, weil er so ein feines Gespür für Verfassung und Abbildung von Personen und Szenen hat. Bei Arash hat mir gefallen, dass er seine eigenen Vorstellungen in das Buch einbringt und trotzdem die Charaktere nicht verändert. Für „Die Bagage“ würde ich mir Michael Haneke als Regisseur wünschen, seit ich sein „Weißes Band“ gesehen habe. So stelle ich mir „Die Bagage“ dargestellt vor. Ich weiß allerdings nicht, ob ihm „Die Bagage“ zusagt, wenn ja, sollte er es unbedingt verfilmen.

Spielen literarische Vorbilder für Sie eine Rolle? Können Sie uns Literaten nennen, die Sie inspirierten?
Inspiriert bin ich immer wieder von Kafka – seiner Verrätselungen wegen – und von Beckett – seiner Knappheit wegen. Ich bin eine Literaturverschlingerin und meine Vorlieben werden mehr. Auch liebe ich Dorothy Parker sehr, sie hat diesen beißenden Witz. Gerade lese ich die Biografie über Susan Sontag. Sie war eine sehr widersprüchliche Person und ich denke mir, ihrem literarischem Ruhm wird sie nicht gerecht. Großartig sind ihre Essays. Man erfährt viel über amerikanische Kunst und Künstler, deren Zusammenhalt.

Nun zum Entstehen eines Romanes: Wie kommen Sie von der Idee zum Buch? Wie schreiben Sie? Gibt es da einen Generalplan? Ergibt sich manches auch so? Sind Sie selbst überrascht?
Am schönsten ist es, wenn ich mich beim Schreiben selbst überrasche, wenn der kleine Geist hinter meinem Rücken sagt, was ich schreiben soll.

Am Schönsten ist es, wenn ich mich beim Schreiben selbst überrasche, wenn der kleine Geist hinter meinem Rücken sagt, was ich schreiben soll.

In einem Interview hat Michael Köhlmeier einmal erklärt, dass er seinen Figuren beim Schreiben begegnet, eine ganz organische Sache also: Nicht er führt sie, sondern sie führen ihn. Ist dies auch Ihre Erfahrung?
Da geht es mir wie Michael. Unsere Romanfiguren sitzen auf unserer gemütlichen Treppe, die wie ein eigenes Zimmer ist, mit Büchern an den Wänden, und wenn wir an ihnen vorbeigehen, fragen wir sie nach ihrem Befinden.

Sie sprechen leise, sanft, genau und mit Bedacht. Die Protagonisten Ihrer Romane sind oft Außenseiter, Randfiguren, ja Träumer. Ist dies auch Ausdruck von Skepsis gegenüber Pathos, großen Gesten und heroischen Figuren?
Ich glaube, das wird daran liegen, dass ich finde, auch Außenseiter sollten eine Stimme haben, jeder Mensch überhaupt. Ich will ja keinen Sozialkitsch schreiben, ich hab gern verwahrloste Kinder zum Thema, das wird daran liegen, dass ich als Kind auch immer herumgeschubst worden bin.

Sie haben auch gemeinsam mit Michael Köhlmeier veröffentlicht. Was verbindet Sie beide künstlerisch, was trennt Sie und was ist das Geheimnis eines bis heute glücklichen Miteinanders?
Wenn es ein Geheimnis ist, kann man nicht darüber reden, weil es ein Geheimnis ist.

22. Dezember 2020