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Monika Helfer: Mutter Bagage

Die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer musste 50 Jahre lang schreiben, bis ihr mit „Die Bagage“ der erste Bestseller gelang. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ kommentierte ihren Erfolg mit: „Wie gut, dass sie nie aufhörte.“ OOOM sprach mit der Autorin, die mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier ­verheiratet ist, über Schönheit, Außenseiter, literarische Vorbilder, Inspiration, Angst vor Rezensenten – und ihre persönliche Bagage.

GERALD MATT22. Dezember 2020 No Comments

Unlängst haben Sie wunderbare Texte für die von mir kuratierte Ausstellung „Panorama“ gemeinsam geschrieben, indem Sie eine einzelne Person aus den unzähligen auf diesen Gemeinschaftsbildern abgelichteten Menschen herausgegriffen und ihr eine fiktive Biografie zugeschrieben haben. Wie war hier die Arbeitsteilung und was hat Sie an diesem Projekt gereizt?
Diese Zusammenarbeit mit Michael war die reine Freude, es war wie ein Spiel: Wir schauen auf die Fotografie, suchen uns Personen aus, z. B. der Zweite von rechts, der links hinten. Michael findet die Menschen, ich erfinde deren Geschichte. Wir stecken unser Geschriebenes zusammen.

Können Sie einen dieser Texte kurz vorstellen?
Nummer 66: The Patriotic Demonstration American Steel Foundries, Jahr 1918 T. Philipp Marcus – ganz rechts unten, allein stehend: „Geboren 1885 in der kleinen Stadt Fayetteville im Washington County in Arkansas, ohne Vater aufgewachsen, Mutter stirbt, als er neun Jahre alt ist. Er zieht in den Südstaaten herum, schließt sich mit fünfzehn einer Gang an, mehrere Gefängnisaufenthalte wegen Diebstahl. An der Demonstration, die auf der Fotografie festgehalten ist, hat er nicht teilgenommen, er war zufällig dort. 1928 wird er bei einem Banküberfall erschossen. Er wurde 43 Jahre alt, hatte keine Angehörigen. T. Philipp Marcus 1921 zum Arzt im Gefängnis von Cincinnati, Ohio: „Wenn Sie mich fragen, was mir das Liebste ist? Ich sage: Natürlich meine Frau. Aber ich habe keine Frau. Also ist es die Katze, die mir schmeichelte, die mich bis zum Auto begleitete und mich abholte, wenn ich von irgendwo zurückkam. Die hat sich auch allein zurechtgefunden. Damals hatte ich ein Auto. Einen schwarzen Ford, Model T, was sonst. Ich wusste, ich war das Ein und Alles dieser Katze. Hundert Namen habe ich ihr gegeben. Als sie vom Blitz erschlagen wurde, war ich untröstlich.“

Titel scheinen Ihnen wichtig zu sein. Geben Sie den Büchern Titel schon am Anfang oder ist der Titel sozusagen der Abschluss, der Schlusspunkt des Buches? Wann fiel Ihnen die Titelvergabe besonders schwer?
Mit den Titeln ist das so eine Sache. Wichtig werden sie, wenn das Buch zum Schreib­ende kommt. Dann werden Verwandte und Bekannte darauf angesetzt: Wer hat die beste Idee? Das Richtige ist nicht dabei. Und dann, an einem ganz normalen Abend, trifft dich der richtige Titel wie ein Blitz und du weißt: Er ist es! Zugetroffen hat das hundertprozentig bei „Die Bagage“.

Was macht eine Geschichte zu einer guten Geschichte? Wann ist sie erzählenswert? Was löst das Erzählen aus?
Erzählenswert ist alles, vorausgesetzt, es ist gut geschrieben.

Ihre Tochter ist tragisch durch einen Unfall zu Tode gekommen. Inwieweit hat Ihnen das Schreiben geholfen, damit fertig zu werden?
Schreiben ist keine Therapie. Paula sitzt bei unseren Romanfiguren auf der Treppe, sie versteht sich zum Beispiel sehr gut mit Joel Spazierer, einer Figur aus Michaels Roman. Ich unterhalte mich jeden Tag mit Paula übers Schreiben. Sie war ja auch eine Schriftstellerin und ich bin mir sicher, sie wäre eine sehr gute geworden.

Paula sitzt bei unseren Romanfiguren auf der Treppe, sie versteht sich zum Beispiel sehr gut mit Joel Spazierer, einer Figur aus Michaels Roman.

In Ihrem Roman „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ geht es um eine komplexe Familiensituation und eine Frau, die für ihren Liebhaber „The Dude“ als eine „Schönheit gilt, der kein Gift der Welt etwas anhaben konnte“. Wie wichtig ist Schönheit für Sie und für Ihre Literatur?
Schönheit in allen Dingen ist für mich wichtig, im Leben und in der Literatur. Hässliches macht mich hoffnungslos. The Dude ist für mich der wahrhaftige Kerl, der respektlos genug ist, um sich vor nichts zu fürchten.

Sie sind eine leidenschaftliche Sammlerin. Ihr Haus erinnert an eine Wunderkammer, was fehlt noch in Ihrer Sammlung?
Das weiß ich nicht. Das weiß ich erst, wenn ich etwas Bestimmtes sehe. Es kann für andere völlig unwichtig sein, für mich hat es Zauber.

Können Sie uns eines Ihrer Lieblingsstücke benennen? Was macht es so wichtig für Sie?
Mein Lieblingsstück ist eine Figur aus Holz, die sich seidig anfühlt, gerade so groß wie meine Handfläche. Der Kopf rund bis auf die Gesichtshälfte, die flach ist, mit geschlossenen Augen, Nase, Mund, eingearbeitete Ohren, fester Hals, die Schultern abfallend wie eine Pelerine, die Brust, die Arme, Hände mit feinen Fingern, schmaler Leib, kleiner Penis, kurze stämmige Beine mit Füßen ohne Zehen. Ich fand diese Figur in Harlem, 134. Straße, in einem lichtlosen Geschäft, eingekeilt zwischen einem Barber Shop und einem Waschsalon.

22. Dezember 2020