Lifestyle & Travel

Mumbai: Das Herz Indiens

Egal, wohin die Reise nach Indien geht, meistens gibt es einen Zwischenstopp in ­Mumbai. Es wäre schade, nur den Flughafen dieser Stadt zu kennen. Das ­ehemalige Bombay präsentiert sich als Potpourri aus modernen Wolkenkratzern, antiken ­Tempeln, Überresten der britischen Kolonialvergangenheit, weitläufigen Slums und der größten Filmproduktion der Welt. Gegensätze, die die Megacity mit 20 Millionen Einwohnern zu einer Herausforderung machen. OOOM begab sich auf Spurensuche in der wichtigsten Hafenstadt des Subkontinents – und erlebte auch den größten Slum Asiens, Dharavi, von einer völlig neuen Seite.

Christina Zappella-Kindel30. Juli 2020 No Comments
Mumbai India OOOM

Mumbai India OOOM

Taj Mahal Palace. Gleich gegenüber des Gateway of India befindet sich das exklusive Taj Mahal Palace. Das Hotel wurde im Auftrag eines indischen Großindustriellen im Jahre 1903 errichtet, da ihm als Inder der Zugang zum besten Haus am Platz von der englischen Elite verwehrt wurde. So baute sich Jamshedji Tata sein eigenes Hotel, das damals alle anderen Luxushotels an Prunk und Ausstattung in den Schatten stellte. Um Mumbais Bedeutung als britische Kolonial­stadt zu verstehen, sollte man auch den High Court im Colaba-Viertel besichtigen. Dieses imposante neugotische Gebäude wird auch heute noch als oberstes Gericht in Mumbai genutzt. Direkt davor, am Oval Maidan, einer parkähnlichen Grünfläche, zeigt sich die Megastadt von ihrer entspannten Seite. Es wird am weitläufigen Rasen Cricket gespielt, unter schattigen Bäumen dösen Straßenverkäufer, eine Schulklasse macht Turnübungen – eines von Mumbais vielen Gesichtern.

Über 100 Tonnen Müll produziert die 22-Millionen-Metropole Mumbai täglich. rund 80 % des Plastikmülls davon werden recycelt.

Ein großer Industriezweig ist die Filmbranche. Bis zu drei Spielfilme werden in Bolly­wood pro Tag (!) produziert. Tausende Schauspieler, Techniker, Filmcrew-Mitarbeiter und Abertausende Statisten finden hier einen Job. Die meisten Produktionen sind Liebesfilme mit viel Musik und Tanzszenen. Eine weitere boomende Branche ist der Diamantenhandel. Im internationalen Diamantengeschäft führt kein Weg an Indien vorbei. Tausende Arbeiter schleifen hier Rohdiamanten, die man am Zaveri Bazar bei einem der großen Händler erwerben kann.

Bollywood oder Slums? Am nächsten Tag plane ich eine Bollywood-Tour, um hinter die Kulissen der weltgrößten Filmproduktion zu blicken. Ich begann im Internet zu surfen. Über das Hotel eine Tour zu buchen fand ich langweilig – lieber eine kleine lokale Agentur unterstützen, war meine Devise.
Neben den gängigen Bollywood-Touren fand ich auch eine Slum-Tour durch Asiens größten Slum, Dharavi, im Herzen der Stadt gelegen und berühmt geworden durch den Hollywoodfilm „Slumdog Millionaire“.

Mumbai ist Realität pur: Armut gegen die Wohlstands- symbole der globalisierten Welt.

Mumbai India OOOM

Armut schauen? Ich fragte mich: Ist es ethisch vertretbar, einen Slum als Tourist zu besuchen? Ist das „Armut-Schauen” oder ist es legitim, verstehen zu wollen, wie Menschen in ihrer – sicher nicht einfachen – Welt ihr Leben gestalten? Irgendetwas in mir schob alle Zweifel beiseite und kurz entschlossen änderte ich meine Pläne: Statt Bollywood sollte es nun ein Blick in den größten Slum Asiens werden. Die Agentur bestätigte mir die Buchung und ich sollte meinen Guide namens Kirtan vor einem Café bei der Mahim Railway Station treffen. Bald darauf saß ich im Uber und fuhr durch Mumbais belebte Straßen, was alleine schon ein Abenteuer ist. Wie es gelingt, dass sich Tausende Fahrzeuge scheinbar unkontrolliert und unter Missachtung aller gängigen Verkehrsregeln einen Weg durch den enormen Verkehr bahnen, ist mir bis heute ein Rätsel. Angesichts dieses Wahnsinns passiert verhältnismäßig wenig auf Mumbais Straßen. Nach aufregenden 30 Minuten war ich am Ziel angelangt. Vor dem Café, einer indischen Starbucks-Kopie, wartete schon Kirtan auf mich.

30. Juli 2020