Lifestyle & Travel

Mumbai: Das Herz Indiens

Egal, wohin die Reise nach Indien geht, meistens gibt es einen Zwischenstopp in ­Mumbai. Es wäre schade, nur den Flughafen dieser Stadt zu kennen. Das ­ehemalige Bombay präsentiert sich als Potpourri aus modernen Wolkenkratzern, antiken ­Tempeln, Überresten der britischen Kolonialvergangenheit, weitläufigen Slums und der größten Filmproduktion der Welt. Gegensätze, die die Megacity mit 20 Millionen Einwohnern zu einer Herausforderung machen. OOOM begab sich auf Spurensuche in der wichtigsten Hafenstadt des Subkontinents – und erlebte auch den größten Slum Asiens, Dharavi, von einer völlig neuen Seite.

Christina Zappella-Kindel30. Juli 2020 No Comments
Mumbai India OOOM

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Mitten in Dharavi. Der sympathische junge Mann studiert EDV in Mumbai und erzählte mir, dass er selbst in den Slums aufgewachsen sei. Es leben nicht nur die Ärmsten der Armen in Dharavi, sondern auch Angestellte, Anwälte, Lehrer, und die meisten schon in der zweiten oder dritten Generation, schilderte Kirtan das Leben vor Ort. So könnten wir während der Tour seinen Cousin Rahoul besuchen. Berührungsängste darf man in Dharavi keine haben. Unzählige Menschen drängen sich in den engen Gassen, um Gemüse oder andere Waren zu kaufen, Mopeds fahren hupend durch die Menge. Rund 10.000 kleine Firmen, darunter Handwerksbetriebe wie beispielsweise Gerbereien, Schneidereien und Töpfereien, gibt es in Dharavi. Beinahe 90 Prozent der Unternehmen machen ihr Geschäft mit Recycling.

Rahoul bietet Slumtouren an: „Die Menschen schämen sich nicht, zu zeigen, wie sie leben, das ist Ihre Heimat.“

Wir begannen unseren Rundgang in der „Recycling Station“, wo Plastikmüll von den diversen Deponien gesammelt landet und dann sortiert und geschreddert wird. Über 100 Tonnen Müll produziert die 22-Millionen-Metropole Mumbai täglich, rund 80 % des Plastikmülls davon werden recycelt. Unbeirrt sitzen die Männer bei der Arbeit und fühlen sich durch unsere Anwesenheit gar nicht gestört. Riesige Säcke mit Plastikmüll stehen im ganzen Viertel – so weit das Auge reicht. Die Plastikflasche mit Wasser, die ich vom Hotel mit dabei hatte, fühlte sich danach gar nicht gut an. In Zukunft werde ich meine Trinkflasche auch bei Reisen mit dabei haben. Jeder noch so kleine Schritt ist Teil der Veränderung. Wir schauten in kleine Baracken, die zu Werkstätten umfunktioniert worden sind und wo Lenkräder, Autoteile und elektronische Geräte auseinandergenommen und in wiederverwertbare Einzelteile zerlegt werden. Es herrscht geschäftiges Treiben, keine Lethargie und keine Bettler, ein Mikrokosmos, der funktioniert. Es gibt Stände mit frisch gekochtem Essen, Schulen und Krankenhäuser, Moscheen und Tempel – alles mitten in Dharavi. Auf das Töpferviertel, wo wir nach zwei Stunden vorbeikamen, ist Kirtan sichtlich stolz, es ist eines der ältesten und reichsten Viertel im Slum.

Ein Slum als Mikrokosmos, der funktioniert: Es gibt Stände mit frisch gekochtem Essen, Schulen und Krankenhäuser, Moscheen und Tempel.

In einer ruhigen Nebengasse hielt Kirtan vor einem kleinen einstöckigen Haus, das seinem Cousin gehört. Rahoul, ein junger, schlanker Mann in Jeans und Marken­shirt gekleidet, erwartete uns bereits und bat mit einer einladenden Geste in das kleine Häuschen. Ich befand mich sogleich in einer kleinen, sauberen und komplett gekachelten Küche. Zwei Frauen saßen auf dem Boden, schnitten Gemüse und kochten Reis und Curry, zwischen ihnen krabbelten zwei Babys. Metalltöpfe stapelten sich neben dem Gaskocher und in der Ecke des Raumes, der rund 20 Quadratmeter maß, standen zwei Stühle, die anscheinend für meinen Besuch hergerichtet wurden.

Sie reichten mir eine Tasse Chai und Rahoul fing an zu erzählen. Er hatte seit Kurzem seine eigene Agentur eröffnet, die sich auf Slumtouren spezialisierte. „Die Menschen schämen sich nicht, zu zeigen, wie sie leben, das ist ihre Heimat. Die Slums funktionieren gut und durch die Touristen ergeben sich neue Verdienstmöglichkeiten“, erklärte er mir. Zum Beispiel wolle er jetzt auch Touren mit einer Übernachtung im Slum anbieten. Aber als Abenteuercamp sieht er das nicht, eher als Verständnis für ein Leben, wie es sich viele in der westlichen Welt nicht vorstellen können. Mit seiner kleinen Agentur schafft er es, seine Familie zu ernähren und gleichzeitig Besuchern aus der ganzen Welt einen kleinen Einblick in ein anderes Indien zu ermöglichen, anders als die üblichen prospekttauglichen Luxushotels und Paläste.

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Die Lebensumstände sind sicherlich alles andere als leicht in Dharavi. Jedoch traf ich durchwegs auf Menschen, die versuchen, mit den wenigen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, etwas aus ihrem Leben zu machen. Menschen, die ihre Würde trotz widriger Umstände behalten haben, die stolz sind, die auch glücklich zu sein scheinen mit dem Wenigen, das sie haben. Kein trostloses „Slumdog“-Leben in der Schattenstadt, wie wir es aus dem Film kennen. Sicherlich wird es auch hier viele tragische Schicksale geben, ebenso wie an vielen anderen Ecken dieser großen Welt. Die Armut, die ich jedoch in Dharavi gesehen habe, hat mich zwar sehr berührt, nachdenklich gemacht, aber nicht schockiert. Zeit zum Nachdenken blieb mir genug auf meiner Reise. Goodbye, old Bombay.

 

OOOM-TIPPS

Flug.

Beste Flugverbindung gibt es mit der Turkish Airline via Istanbul. Coronabedingt gibt es derzeit noch Einschränkungen bei Reisen nach Indien.

turkishairlines.com

 

Hotel Four Seasons.

1/136, Dr. E. Moses Road, 400 018 Worli, Mumbai, India
fourseasons.com/mumbai

Sollten Sie nicht im Four Seasons wohnen, dann unbedingt einen Sundowner in der Rooftop-Bar nehmen.

 

Touren in Mumbai.

Stadtrundfahrten, Bollywood oder Slum-Touren:

Young Tours & Travel

youngtoursandtravel.com

 

30. Juli 2020