Inspiration

Nipun Mehta: Kämpfer der Liebe

Er ist die Antithese der „Generation Me Me Me“. Nipun Mehta, einst Berater von Ex-US-Präsident Barack Obama, verzichtete nach seinem Studium an der Eliteuniversität Berkeley auf eine lukrative Hightech-Karriere im Silicon Valley. Stattdessen gründete er die Non-Profit-Organisation ServiceSpace, wo Menschen anderen ehrenamtlich helfen. Eine halbe Million Menschen folgten bisher seinem Aufruf, unsere egogesteuerte Welt durch Güte, Mitgefühl und Großzügigkeit zu einer besseren zu machen. Aus ServiceSpace wurde eine globale Bewegung, die unsere Gesellschaft verändern will. Wie das gehen soll? OOOM hat mit jenem Mann, dem Obama vertraut, gesprochen.

GABRIELA EULER-ROLLE5. Dezember 2018 No Comments

Eigentlich war ich schon auf dem Weg nach Hause. Aber irgendetwas schien stärker als mein Bedürfnis gewesen zu sein, einen anstrengenden, mit Terminen vollgepackten Arbeitstag bei einem Glas Wein auf der Terrasse ausklingen zu lassen. Nipun Mehta, 43, sei zu Gast an der Universität für Bodenkultur in Wien: ehemaliger Berater von Ex-US-Präsident Barack Obama, vielbeachteter TED-Talk-Redner und Guerilla-Kämpfer für mehr Menschlichkeit, dessen Waffe ein Lächeln ist.

Mit strahlenden Augen stand der sympathische Inder in einem berstend vollen Hörsaal, trug sein Herz auf der Zunge und sprach voll Leidenschaft, Empathie und Pathos über seine Überzeugung: Jeder Einzelne von uns kann durch kleine Gesten der Menschlichkeit die Welt verändern. Sein Plädoyer begeisterte jeden im Saal. Im OOOM-Gespräch erklärte Mehta, dessen Lebensmotto „Blühe, wo du hingepflanzt wirst“ ist, sein Lebensprinzip.

Ihre Non-Profit-Organisation ServiceSpace hat als Experiment begonnen, jetzt hat sie weltweit 500.000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Was ist die Idee dahinter?

Wir wollen durch viele verschiedene positive Aktionen die Welt verändern. Wir machen das ähnlich wie ein Biobauer. Bei einer Monokultur ist es zwar einfach, das Obst zu ernten, aber es wird schon bald nichts mehr wachsen. Wir haben uns deshalb für eine Polykultur entschieden: Wir bauen viel Verschiedenes an. ServiceSpace ist wie eine gigantische Farm mit vielen verschiedenen Projekten. Wir haben jede Menge Onlineprojekte wie beispielsweise Dailygood.org, das seit 21 Jahren jeden Tag eine gute Nachricht verschickt. Durch die ständige negative Berichterstattung haben wir eine Welt kreiert, die nur unsere Urinstinkte anspricht: Angst, Wut, Aggression. Wir wollen durch positive Nachrichten unsere höheren Instinkte wie Freundlichkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit fördern. Durch Karmatube.org verschicken wir positive Videos, die Millionen von Menschen anklicken. Und wir haben auch Portale, die online und offline verbinden. z. B. das weltgrößte Freundlichkeits-Portal kindspring.org.

Wie hat Ihr Weg, die Welt zum Positiven zu verändern, begonnen?

Wir haben „Smile Cards“ entworfen und an die Menschen verteilt. Der Empfänger weiß nicht, wer ihm diese „Smile Card“ hinterlassen hat, aber er kann ein Lächeln in Form dieser Karte an den Nächsten weitergeben. Wir haben mit 100 Karten begonnen, jetzt gibt es Millionen Karten weltweit und ein Onlineportal mit Tausenden Geschichten, die die Menschen mit uns teilen und so Millionen Menschen miteinander verbindet. Dann gibt es Projekte, die nur in der realen Welt – also offline – stattfinden, wie Karma Kitchen, ein Pop-up-Restaurant mit folgendem Konzept: Du kannst dort essen und am Ende des Abends bekommst du eine Rechnung mit dem Betrag: null Euro. Jemand anderer hat davor schon für dich bezahlt. Du aber hast die Möglichkeit, für den Nächsten zu zahlen. Die Menschen fragen sich, ob das funktioniert, und ich kann Ihnen sagen: Es klappt – in mittlerweile 23 Lokalen weltweit. Alles fügt sich bei diesem Projekt von ganz alleine: Bei unserem ersten Karma-Kitchen-Meeting waren wir eine große Gruppe Freiwilliger, manche von ihnen habe ich gar nicht gekannt. Wir haben also über das Projekt diskutiert und am Ende des Meetings sagte einer der Anwesenden: „Ihr nennt das Projekt Karma Kitchen, aber habt ihr denn überhaupt daran gedacht, den Domainnamen zu sichern? Wir hatten daran gedacht, aber die Domain war leider vergeben. Plötzlich kommt eine Frau auf mich zu, die zufälligerweise beim Meeting mit dabei war, die ich aber nicht kannte, und sagte: „Mir gehört die Domain, und ich finde eure Idee so großartig, dass ich euch diesen Domainnamen schenken möchte!“ Wie groß sind die Chancen, dass genau diese Person mit uns bei dem Meeting sitzt, in der gleichen Stadt, im gleichen Land, und derartig bewegt ist, dass sie uns die Domain schenken möchte? Das ist z. B. eine typische ServiceSpace-Story. Alles fügt sich.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, das Sie dazu gebracht hat, diese Organisation zu gründen?

Ich war 1999 im Silicon Valley. Zu dieser Zeit hat jeder über das „.com Business“ gesprochen. Es ging nur darum, Geld und Big Business zu machen. Meine Freunde und ich haben diesen Trend beobachtet, darüber diskutiert und uns dann die Frage gestellt: „Was macht uns eigentlich glücklich?“ Uns ist damals klar geworden, dass es das Geben ist. Weil wir im Internet-Business tätig waren, haben drei Freunde und ich eine Website für ein Obdachlosenheim programmiert. Das war der Beginn von ServiceSpace. Wir hatten keinerlei Erfahrung, wie man eine Organisation aufbaut, es war anfangs auch nicht der Plan, eine Bewegung ins Leben zu rufen. Es ist einfach passiert, aber es war wunderbar, sich dieser Sache zu verschreiben. Ich hatte das Gefühl, dass wir durch eine unsichtbare Kraft geführt wurden, die uns dazu gebracht hat, in einem Umfeld, das nur darauf ausgerichtet war zu nehmen, geben zu wollen. Wenn Menschen im Silicon Valley geben, dann nur, weil sie sich eine Gegenleistung erwarten. Wir aber wollten bedingungslos geben – das ist unser Prinzip.

Sie waren vier Gründungsmitglieder, heute unterstützen Sie über eine halbe Million Menschen. Wie wurde daraus eine globale Bewegung?

(lacht) Ich habe keine Ahnung! Jedes Mal, wenn du in der Sprache der Liebe sprichst, bewegst du andere. Nachdem wir die Gratis-Website für das Obdachlosenheim programmiert hatten, haben wir es einfach unseren Freunden erzählt und ihnen klargemacht, wie gut es sich anfühlt zu geben. Auf diese simple Art sind wir gewachsen und vielleicht unterstützt uns ja auch das Universum. Wir waren einfach so anders als der Rest des Silicon Valleys. Es wäre auch ein Leichtes gewesen, auf diese Art Geld zu machen, wir aber wollten nichts. Das war für alle anderen nicht zu begreifen. Gleich im ersten Monat hatten wir große Artikel in Zeitungen und wir waren sogar live eine ganze halbe Stunde lang auf CNN! Nie haben wir einen Redakteur angerufen und um eine Story gebeten, es ist einfach passiert: Je mehr wir gegeben haben, desto mehr Menschen hat es bewegt und so hat sich der Effekt vervielfacht.

Hat man Sie denn schon in Ihrer frühen Kindheit sehr sozial erzogen?

Nein, gar nicht. Klar hat man mir gesagt, dass es wichtig ist zu teilen, oder was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Meine Eltern haben es mir vorgelebt, aber sie haben mir nie gesagt, was ich tun soll. Ihnen war klar, dass Kinder wie Gummizüge funktionieren: Wenn du sie zu sehr in eine Richtung drängst, dann schnalzen sie in die Gegenrichtung. Sie haben mich einfach gelassen und mir die Möglichkeit gegeben, mich selbst zu entdecken. Es war ihnen aber wichtig, dass ich Verantwortung übernehme, mir einen Job suche. Es war nicht anders als bei allen anderen Eltern. Trotzdem war es nicht leicht, ihnen mit Anfang 20 zu sagen, dass ich meinen Job kündigen möchte. Ich kann mich noch gut an die Reaktion meiner Mutter erinnern, sie sagte: „Warum verdienst du nicht zuerst Geld und gehst dann in Rente?“

War Ihre soziale Ader schon von Anfang an stärker entwickelt als bei anderen Kindern?

Nein, ich war introvertiert. Ich habe es geliebt allein mit mir zu sein. Für mich war der Gedanke, vor Menschen reden zu müssen, ein Albtraum, ich habe das nie gelernt. Hätte man mich als Teenager gefragt, hätte ich gesagt: „Reden ist einfach nicht mein Ding, ich fühle mich unwohl dabei.“ Ich bin aber dann an einem Punkt angelangt, an dem ich gemerkt habe, dass ich nicht nur das tun soll, was ich tun möchte, sondern dass es meine Aufgabe ist, die Liebe auf der Welt zu vermehren. Deshalb habe ich mich dann auch entschieden aufs Podium zu steigen, Menschen zusammenzubringen, Gemeinschaften zu gründen und Geschichten zu erzählen. All das ist das Ergebnis einer Notwendigkeit. Ich habe gesehen, dass dieser Schritt notwendig ist, unabhängig davon, ob es meiner Persönlichkeit entspricht.

Sie haben an der Elite-Uni in Berkeley studiert, sind Computer-Ingenieur und haben in Philosophie promoviert. Was war denn Ihr Traum als Teenager?

(lacht) Ich wollte entweder Yogi im Himalaya werden oder Tennis-Profi. Ich habe damals sehr viel gespielt, sogar Profi-Turniere. Ich war zwar kein großartiger Athlet, aber Tennis war mein Ding, ich habe es geliebt. Die Schule ist mir immer sehr leichtgefallen, ich war allerdings schon als Kind anders als andere. Im Alter von vier bis fünf Jahren habe ich mir schon die großen Fragen gestellt: „Wer bin ich? Was passiert, wenn ich sterbe? Geht es nur um mich oder wie geht es den anderen? In welchem Verhältnis und in welcher Beziehung stehe ich zu anderen?“ Das hat mich schon in ganz frühen Jahren beschäftigt. Ich habe mich auch schon früh in die heiligen Bücher der verschiedenen Traditionen und Religionen eingelesen und die großen Philosophen dazu gelesen. Trotzdem aber war ich prinzipiell ein ganz normaler, durchschnittlicher Junge. Ich wollte Tennis spielen, aber irgendwann war meine spirituelle Reise stärker als meine mondänen Wünsche.

Gab es diesen speziellen Moment, der aus Ihnen einen anderen Menschen gemacht hat, diesen Moment, der das Leben verändert? Oder gab es eine kontinuierliche Entwicklung in Richtung Spiritualität?

Es war ein wenig von beidem. Einerseits bin ich hineingewachsen, aber es gab auch unglaubliche Erlebnisse, die mir gezeigt haben, welch starke Verbindung ich zum Leben habe. Geschichten, die mir klar gemacht haben, dass es da viel mehr gibt als das, was ich in diesem Moment verstehen kann.