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Norbert Zimmermann: Cacao statt Coca

Norbert Zimmermann ist Industrieller, Musiker und neuerdings auch Bauer in Kolumbien. Der Selfmade-Millionär hat aus der ehemaligen Berndorfer Besteck-Fabrik einen internationalen Technologie-Konzert geschmiedet, die Berndorf AG, eine Holding mit 60 Unternehmen und Niederlassungen rund um den Erdball. Wann immer es seine Zeit zuläßt fliegt Zimmermann nach Kolumbien, wo er große Landstriche aufkaufte, auf denen früher Cocasträucher für die Kokainproduktion angebaut wurden. In OOOM schildert der Unternehmer, warum er mit 70 Jahren zu reiten begann, Kakao zu seinen Lieblingspflanzen zählt, er Österreichs einzigen Astronauten zu seinem Nachfolger macht und sogar die US-Flagge am Mond von einem seiner Unternehmen hergestellt wurde.

Christina Zappella Kindel 20. Dezember 2019 No Comments
norbert zimmermann ooom magazin

Herr Zimmermann, Sie haben in Ihrer Karriere zahlreiche Branchen durchlaufen, waren bei IBM, SPAR und dem Tapetenhändler Böhm. Sahen Sie sich damals schon eher als Entrepreneur denn als angestellter Manager?

Ja, es war immer schon ein Jugendtraum selbstständig oder zumindest Partner in einer Firma zu sein. Das kommt wahrscheinlich aus einer Erfahrung, die ich als ganz junger Mensch gemacht habe. Dort habe ich über die Jahre einen irrsinnig tüchtigen Prokuristen beobachtet, der den Laden geschupft hat und wirklich enorm viel für die Firma geleistet hat. Als dann die nächste Generation des Eigentümers gekommen ist, habe ich diesen wahnsinnig tollen Mann verwelken und die Tasche des jungen neuen Chefs tragen gesehen. Es gibt am Ende nur einen Weg: Du musst selbst über deinen Beruf und deine Arbeit bestimmen können.

Als Manager der verstaatlichen Industrie haben Sie die BMWG in Berndorf sanieren sollen. Wie schlecht stand es damals um das Traditionsunternehmen, das jeder vom Besteck zu Hause kennt?

Ich bin dort nicht angetreten um bis zur Pensionierung ein Manager eines verstaatlichen Unternehmens zu sein. Nachdem ich ja als „kritischer Beobachter der verstaatlichten Industrie“ immer wieder gemotzt habe, was da alles schiefläuft, kam die Gelegenheit zu zeigen, ob ich es besser kann. Da konnte ich nicht nein sagen.

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Gerade zur Anfangszeit hat man Sie ja als brutalen Sanierer dargestellt, der über Leichen geht und Arbeitsplätze vernichtet. Was war das für ein Gefühl für Sie?

Ein deprimierendes, denn ich habe mich nie als Facharbeitermörder gesehen. Es gab damals diese bekannte Demo in Berndorf 1987, wo die Leute auf die Straße gegangen sind und gegen die Reorganisation des Unternehmens protestierten. Aber da war viel Politik im Spiel. Das ist kein Problem und da soll man auch nicht überempfindlich sein. Für mich war das nur neu, denn mein Zugang war immer ein durchaus auch sozial geprägter. Ich habe jedoch gewusst, dass wir nur überleben können, wenn wir Dinge verändern. Verändern heißt aber auch, dass Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren oder etwas Neues machen müssen, wo sie produktiver sind im Unternehmen. Ich habe einfach geschaut: Welche Qualifikation brauchen wir im Unternehmen, um zu überleben. Die Kunst war herauszufinden, welche von den 600 Mitarbeitern uns über die Runden bringen werden und welche nicht. Das ist gut gelungen.

Sie haben den Turnaround Mitte 1987 geschafft.

Ich habe gesagt: Ich mache diese Sanierung von Berndorf, und das war es. Doch dann kam plötzlich diese Option.  Damals wurden die Schleusen für die Privatisierung von verstaatlichten Industrien aufgemacht und das war meine Chance.

Wie groß war das Risiko damals für Sie?

Das Risiko war ziemlich groß. Denn wir hatten damals nicht viel Geld und wir haben das ja nicht umsonst bekommen. Wir hatten nur 3 Prozent Eigenmittel und 97 Prozent Schulden. Damit würde man heute gar nicht beginnen.

War das damals eine emotionale oder rationale Entscheidung?

Das war damals wahnsinnig emotional, rational hätte ich es nicht machen dürfen. Ich habe das mit meiner Familie auch wirklich eingehend besprochen, weil meine Frau und Tochter ja auch Mitbetroffene gewesen wären, wenn das schief gegangen wäre. Wir hatten Schulden bis über das Dach, es war alles verpfändet, was wir hatten, also Wohnung und was weiß der Teufel noch alles. Wäre die Berndorf-Übernahme schiefgelaufen, wäre meine Karriere hin gewesen und wir wären mit einem Mordsschuldenberg dagestanden. Da war dann die Option: wenn es schiefgeht, ziehen wir ins Sommerhaus der Schwiegereltern im Waldviertel und ich mache den Briefträger.

Wir hatten Schulden bis übers Dach, es war alles verpfändet, was wir hatten. Wäre die Berndorf-Übernahme schiefgelaufen, wäre meine Karriere hin gewesen.

20. Dezember 2019